RÜCKSCHAU ZUM ABSCHIED

Mach’s gut, liebe Zitty!

Nach 43 Jahren stellt die Stadtillustrierte Zitty ihr Erscheinen ein – Rückschau auf eine Berliner Sumpfblüte, die jahrzehntelang das Bild der Stadt entscheidend begleitete und mitprägte

Ja, verdammt, nach 43 Jahren wird es keine Print-Ausgabe unserer Zitty mehr geben. Und wir merken an den zahllosen bestürzten Reaktionen auf diese traurige Meldung, dass dieses Stadtmagazin sehr vielen überhaupt nicht egal ist. Danke dafür.

Zitty bedeutet etlichen Menschen ja auch deshalb etwas, weil das Heft ihnen lange ­Jahre ein stetiger Lebens- und Berlinbegleiter war, gar durch die Kontaktanzeigen lange vor Parship & Co. so manche Ehe gestiftet ­hatte. So haben viele Berlinerinnen und Berliner ihre ganz persönliche Geschichte mit der Zitty. Sie ist eben ein Teil von Berlin, besonders verknüpft mit jenem aufmüpfigen, schmuddeligen Teil der Stadt – Kreuzberg. Hier hatte Zitty nicht nur immer die stärkste Leserbasis, sondern auch die meisten Jahre des Bestehens an wechselnden Adressen den Redaktionssitz.

Stimme der Gegenöffentlichkeit

Mit der fast zeitgleich gegründeten „taz“ verstand sich Zitty, die in den 80er-Jahren zur selbstverständlichen Ausstattung jeder linksorientierten Studenten-WG gehört, als eine Stimme der Gegenöffentlichkeit, die „über das informiert, was an anderen Stellen mal zu kurz, mal zu lang kommt. Und die über das berichtet, was überhaupt nicht kommt“ – so formulierten im Debütheft 1/1977 die 13 Gründer ihr Selbstverständnis. Themen der wilden Anfangsjahre waren so auch immer wieder die Hausbesetzerbewegung der 80er-Jahre, die Anti-Atomkraftbewegung, der Streit um linke Politik zwischen SPD, SEW (dem West-Berliner Pendant der DDR-SED) und der AL, wobei die Sympathie der Zitty deutlich bei letzterer lag.

Aber auch die Alternativkultur, die Sumpfblüten einer seit den 70er-Jahren erstarkenden Off-Szene in Kino, Kunst und Theater nahm die Zitty besonders in den Blick. So hob die Zitty die frischgegründete alternative Zeltspielstätte Tempodrom, das „Tuwat-Spektakel“ und die Anarcho-Kabarettisten Die 3 Tornados aufs Cover.

Auch Bürgerinitiativen, der Protest gegen die Volkszählung 1987 und die Olympia­bewerbung 1993 wurden von Zitty publizistisch flankiert. Eine Investigativrecherche über die dilettantische Bewerbung Berlins, bei der Steuergelder sinnlos verschleudert wurden, führte zur Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Zitty zeigte auf einem markanten Cover, wie dem Olympiamaskottchen, ein Berliner Bär, das Lachen vergeht.

Blatt ohne Verleger

Schon die Gründung der Zitty war ein Protest. Nachdem der Verleger des mitunter als Zitty-Vorgänger bezeichneten Berliner Wochen­magazins „Hobo“ die Stechuhr einführte und die Mitarbeiter auf ihre Löhne warten ließ, traten diese in den Ausstand. Sie nahmen Kleinkredite auf, die den lang­haarigen Habenichtsen nur Dank eines bei einer Bank arbeitenden Sympathisanten (Hallo Horst Poth, schönen Gruß!) gewährt wurden, und gründeten 1977 das „Blatt ohne Verleger“: Zitty.

Allerdings verkauften sich von den ersten 30.000 gedruckten Exemplaren nur knapp 5.000. Zwei Jahre dauerte es, bis die Kollektivist*innen sich endlich auch Gehalt auszahlen konnten. Das, aber auch „Kompetenz­gerangel, Selbstüberschätzung, Gegockel und mangelnde Einsicht“, wie sich der Grafiker und Zitty-Mitgründer Wolfgang Rügner erinnert, führte schnell zu einem ersten Zerwürfnis. Nach und nach verließen Teile des dreckigen Gründungsdutzend das blutjunge Blatt, bis nur noch fünf Gesellschafter übrig blieben.

Während die Zahl der Kollektivisten abnahm, wuchs die Auflage stetig und auch die Zahl der Mitarbeiterinnen. Neben der viel stärker stadtpolitisch orientierten Ausrichtung und dem fast durchgängigen Schwarz-Weiß-Druck auf derbem Zeitungspapier unterschied sich die Zitty damals noch in ganz anderer Hinsicht von dem auf Glanzpapier und im Vier-Farbdruck erscheinenden tip: Sie hatte viel mehr Comics und Cartoons. So gehörten Figuren wie „Rüdiger“, „Emil“ und besonders „Didi & Stulle“ zum Stammpersonal in der Zitty. Man begegnete ihnen, ausgerissen und an die Wand oder Korktafel gepinnt, in vielen WG-Küchen und Haushalten.

Doch nicht alle konnten etwas mit dem mitunter derben Humor der Strips anfangen. 1991 wurden der Zeichner Fil („Didi & Stulle“) und Zittys Comicredakteur Wolfgang Köglmeier von der Frauengruppe der Berliner SPD für ein Cartoon mit dem Preis „Chauvi des Jahres“, nun ja, ausgezeichnet.

Gar nicht witzig fand eine Frauengruppe 1983 auch das Coverbild einer halbnackten, bunt körperbemalten Frau zur Illustrierung eines Berichts über Stadtranddiscos. Sie stürmte den Redaktionssitz, zog dem ­damaligen Redaktionsleiter Rainer Bieling die Hose runter und besprühte sein Geschlecht. Dummerweise hatte der Mann mit der Titelbildentscheidung gar nichts zu tun. Er war im Urlaub gewesen.

Zitty brannte besser

Noch zwei weitere feste Bestandteile unterschieden die Zitty von der – dank wöchentlich versetzter Erscheinungsweise in weicher, aber gern zelebrierten – Konkurrenz. Mit der zweiseitigen „Berliner Verallgemeinerte“ (BeVau), einem Blatt im Blatt, gab sie einer Humor-Ausgründung des Satiremagazins „Pardon“ über 35 Jahre lang eigenständigen Raum im Heft. Und sie blickt mit den „VEBerlin“-Seiten bereits vor der Wende regelmäßig auf das Geschehen in der anderen Stadthälfte – nach Ost-Berlin.

Die unterschiedliche Ausrichtung von tip und Zitty wurde im West-Berlin der 80er-Jahre geradezu zur Grundsatzfrage der Leser, so wie die berühmte Frage „Beatles oder Stones?“. Die Antwort ließ bereits auf den Menschen schließen: eher politisch oder hedonistisch interessiert. Diese Identifikation mit dem Heft bewirkte aber auch eine Leser-Blatt-Bindung, von der viele Medien nur träumen konnten.

Bis Mitte der 90er-Jahre kletterte ­Zittys Auflage rasant und beständig auf über 90.000 Exemplare, was eine Reichweite von rund 300.000 Lesenden bedeutete. Die ­Erfolgsgeschichte des tip verlief parallel, der inzwischen auf West-und Ost-Berlin angewachsene Markt war offenbar groß genug für zwei Stadtmagazine.

Beide Hefte blieben auch nach der Wende die Platzhirsche, Versuche des Hamburger „Oxmox“ oder des Lifestyle-Magazins „Prinz“ im Berliner Stadtzeitungsmarkt Fuß zu fassen, scheiterten kläglich. „In den Hochzeiten der beiden Magazine gab es praktisch kaum einen Berliner Haushalt, in dem nicht eines der beiden Magazine lag. Bei Ofenheizung kam noch ein weiterer Faktor hinzu: Zitty brannte besser“, erinnert sich der einstige tip-Chefredakteur Karl Hermann jetzt auf Facebook.

Wem gehört die Stadt?

Der erste Auflageknick kam Mitte der 90er-Jahre und war Anlass, dass das „Blatt ohne Verleger“ und „ohne Chefs“ mit Kevin Cote erstmals einen Chefredakteur installierte, der auch offiziell so genannt werden durfte. Zuvor hieß die Position nur sachlich-verschämt Redaktionsleitung. Der Erfolg beider Hefte trotz eines ersten Auflageknicks weckte die Begehr von Großverlagen. Schließlich landete der tip bei Gruner+Jahr, ein paar Jahre später wurde die Zitty 1999 an Holtzbrinck verkauft, der sie in seine Tagesspiegel-Gruppe einfügte.

Die Zitty blieb die Sumpfblüte im gepflegten Sortiment des Konzerngartens, druckte aber längst ebenso vollfarbig und auf besserem Papier wie der tip. Mit dem geflügelt werdenden Claim „Wem gehört die Stadt?“ startete Zitty 2008 eine vielbeachtete Reihe zur Wohnungspolitik in Berlin. Der nach der Finanzkrise heiß laufende Berliner Wohnungsmarkt wurde in den folgenden Jahren immer wieder zum Titelthema der Zitty.

Natürlich waren auch die Folgen der islamistischen Anschläge von 9/11, religiöses und rechtspopulistisches Eiferertum und das neue urban-alternative Lebensgefühl, das Locations wie Bar 25 und Holzmarkt zelebrierten, Thema der Zitty, die 2014 an die Raufeld Verlag GmbH verkauft wurde, wo sie sich unverhofft unter einem Dach mit der jahrelangen Konkurrenz wiederfand. Der tip war bereits ein Jahr zuvor von Raufeld gekauft worden. Die Beatles und die Stones standen bei derselben Plattenfirma unter Vertrag.

Zitty wurde in der Folge erst zu einem Wochen-Magazin, ab Januar 2016 gemeinsam mit dem tip Teil der Neugründung GCM Go City Media, die Redaktion und Gewerke zusammenführte, und kehrte 2018 wieder zur traditionellen 14-täglichen Erscheinungsweise zurück. „Es wächst zusammen, was ­zusammengehört“, paraphrasierte im März 2017 der damalige Chefredakteur Stefan Tillmann zu Zittys 40. Geburtstag Willy Brandts berühmten Satz.

Und es ging sich auch ganz gut an. Die gemeinsame Redaktion funktionierte, indem sie den Heften ihre jeweilige Identität beließ.

Doch dann kam Covid-19.

Friedhelm Teicke


Illustre Berlinerinnen und Berliner kondolieren hier der Zitty zum Abschied