Kippa vs. Kopftuch

Macht der Symbole

In Berlin wird der Streit um religiöse Symbole in der Öffentlichkeit immer unversöhnlicher ausgetragen. Sei es nun die Kippa oder das Kopftuch. Das Neutralitätsgesetz, das ­religiöse Symbole an Grundschulen verbietet, droht zu fallen. Ausgerechnet jetzt soll ein Kita-­Projekt in Moabit drei Religionen zusammenbringen. Kann das gut gehen?Berlin im Frühjahr 2018. Verstörende Nachrichten aus einer Stadt, die viel auf ihre Toleranz hält, aufs „Leben und leben lassen“. ­Einer Stadt, in der es zunehmend gefährlich sein kann, ­seine Religion zu zeigen. Oder von fremder Herkunft zu sein.

Da ist der junge Israeli aus arabischer Familie, der als Experiment, wie er später sagt, eine Kippa aufsetzt, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, und von einem Syrer mit einem Gürtel attackiert wird.

Foto: imago/snapshot, imago/Christian Ditsch

Oder die 56-jährige Betreiberin eines Eiscafés in Lichtenberg mit türkischen Wurzeln, die brutal von zwei Männern vor dem Café vom Stuhl gestoßen wird. Die Angreifer schreien „Ausländer raus!“, hetzten einen Kampfhund auf den Begleiter der Frau. Schwere Bisswunden beim Mann, Prellungen bei der Frau.

Oder ein Mädchen, das an einer Tempelhofer Grundschule von muslimischen Mitschülern gemobbt wird, weil es nicht an Allah glaubt.
Es ist rau geworden in der Stadt. Auf den Straßen, auf den Schulhöfen. Und er ist unübersichtlich, der Streit um religiöse Symbole, in dem sich rassistische, antisemitische oder ausländerfeindliche Konflikte widerspiegeln. Gerade wackelt das Berliner Neutralitätsgesetz, vor zwölf Jahren eingeführt, dessen Ziel die religiöse Neutralität der Berliner Grundschullehrer festschreibt. Und gegen das immer wieder Lehrerinnen klagen, die sich das Kopftuch verbieten lassen wollen.

Ausgerechnet in dieser aufgewühlten Phase nimmt in Moabit ein Kita-Projekt seinen Anfang, dessen interreligöser Ansatz weg von der Intoleranz, hin zu einem neuen Wir-Gefühl führen soll. Das Projekt heißt: „Drei-Religionen-Kita-Haus“. Je 45 Kinder aus jüdischen, muslimischen und christlichen Familien sollen dort untergebracht werden. Baubeginn soll im kommenden Jahr sein, die Eröffnung dann 2021. Der genaue Ort wird derzeit noch nicht öffentlich genannt. Der interreligiöse Ansatz ähnelt dem des „House of One“, das 2019 am Petriplatz in Mitte eröffnet: Kirche, Moschee und Synagoge unter einem Dach.

Die Räume des Evangelischen Kirchenkreises Stadtmitte unweit des U-Bahnhofs Klosterstraße sind hell, sachlich. An einem Mai-Tag trifft ZITTY dort drei der Macherinnen zum Gespräch. Pfarrerin Silke Radosh-Hinder vom Evangelischen Kirchenkreis Stadtmitte, Kathrin Janert, Vorstand des Evangelischen Kita-Verbands Berlin Mitte-Nord, und Iman Andrea Reimann, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Muslimischen Zentrums Berlin. Die Rabbinerin Gesa Ederberg, die das Projekt auch mitträgt, ist an diesem Tag nicht dabei, weil sie gerade erst von einer USA-Reise zurückgekehrt ist.
Eine Drei-Religionen-Kita: Es klingt nach einem ambitionierten, einem kühnen Projekt in hitzigen Zeiten.

Wenn die Pfarrerin Radosh-Hinder von dem geplanten Projekt spricht, leuchten die Augen der anfangs eher zurückhaltenden Frau mit dem frechen Kurzhaarschnitt auf. Kathrin Janert begleitet ihre Sätze mit einem Nicken, flicht gestikulierend das eine oder andere ein. Dann wieder ergreift Iman Andrea Reimann das Wort, lässt das Projekt vor dem inneren Auge erstehen und macht es mit Worten greifbar. Ihr schmales Gesicht ist von einem lindgrünen Kopftuch umrahmt, ­große braune Augen sehen das Gegenüber offen an. „Etwas Vergleichbares gibt es in der Stadt noch nicht“, sagt die Muslima.

Iman Andrea Reimann
ist Leiterin des Kindergartens „Regenbogen-Kidz“ und Vorsitzende des DMZ Berlin (Deutsches Muslimisches Zentrum Berlin). Sie ist verheiratet und Mutter, konvertierte zum Islam und hat mehrere Bücher veröffentlicht, zu Themen wie „Früherziehung im Judentum, Islam und Christentum“.
Foto: F. Anthea Schaap

Betreut und angeleitet werden die Kinder in der Gruppe ihres jeweiligen Glaubens.„Berührungsängste wird es nicht geben“, sagt Radosh-Hinder. Es ist ein Freigelände geplant, dort sollen sich die Kinder in der Pause und zum Spielen treffen, einander begegnen, sich verstehen. Kippa und Kopftuch werden greifbar, berührbar. Buchstäblich.

„Bei Kindern ist eine unglaubliche, große Offenheit gegenüber allem Neuen da“, sagt Kathrin Janert, die Kirchenkreis-Frau. „Man merkt das schon, wenn man mit Kindern in andere Länder fährt – wie sie das alles begeistert aufnehmen.“ Mögliche Vorurteile kämen wenn, dann nur von den Eltern, glaubt sie. In der Kita wird es neben dem gemeinsamen Spielplatz auch einen Begegnungsraum für die Eltern geben. Anmeldungen für die Kita werden noch nicht entgegengenommen, ist auf der Internet-Präsenz des Projekts zu lesen.

„Toll ist die Neugier bei Kindern“, sagt Reiman. „Sie möchten ja alles kennenlernen, auch das Fremde.“ Die Konvertitin leitet beruflich die Kita „Regenbogen Kidz“ in Charlottenburg. Vor 15 Jahren entschied sie sich dafür, das Kopftuch, das sie als zum Islam gehörend kennzeichnet, zu tragen. Es gehöre für sie einfach dazu, sagt sie.

Sie erzählt von Wellen der Aggression, die sie erfahre, sobald sie mit dem Kopftuch bekleidet ihre Wohnung verließe. „Ich vergesse zu keiner Zeit, in keiner Sekunde, dass ich ein Kopftuch trage.“ Wenn böse Blicke ihr folgen, versuche sie das zu ignorieren. „Die Gewaltbereitschaft hat zugenommen“, konstatiert auch Pfarrerin Radosh-Hinder. „In Berlin gab es früher ein ,Leben und leben lassen‘ – letzteres kann man heute streichen.“ Egal, ob auf dem Fahrrad oder in den Bahnen der BVG. „Viele sind nur noch am Brüllen.“ Dies gelte zumindest an einigen Stellen der Stadt.

Es sei ja nicht nur die Islamfeindlichkeit. Auch der Antisemitismus habe zugenommen, sagt die evangelische Pfarrerin: „Man bekundet sein Missfallen wieder offen, traut sich, alles zu sagen“, betont sie. „In Wahrheit ist der Antisemitismus nie wirklich verschwunden.“
Und je früher man gegen die Auswüchse angeht, desto besser. Zum Beispiel in den Schulen. In vielerlei Hinsicht.

Das wackelnde Neutralitätsgesetz

Fast 200 Fälle von Rassismus an und unter Berliner Kindern und Jugendlichen sind bei der Berliner Antidiskriminierungsbeauftragten Saraya Gomis für Schulen im vergangenen Jahr registriert worden. „Es waren Vorfälle gegen Juden, Muslime, Roma und Sinti, wie auch gegen Menschen afrikanischer Abstammung“, berichtet Beate Stoffers, Pressesprecherin des Senats für Bildung, Jugend und Familie. Was Antisemitismus beträfe, wurden 2017 zwölf Fälle dokumentiert. Insgesamt bekannt wurden dem Gremium bislang 19 Fälle mit antisemitischem Hintergrund. Darunter war sowohl verbale als auch körperliche Gewalt. Es ging aber auch um Unterrichtsmateria­lien, die die betreffenden Schüler diskriminierten.

Bei den Fällen waren offensichtlich zweimal Schüler mit muslimischem Hintergrund die Agierenden, alle anderen ­Fälle bezogen sich allerdings auf die Lehrkräfte, so die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. „In dreien der Fälle sahen sich Schüler gar – nachdem sie sich über antisemitisches Unterrichtsmaterial oder Aussagen beschwert hatten – selbst anti-muslimischem Rassismus ausgesetzt“, sagt Sprecherin Stoffers.
Und dann ist da noch der Streit um das Berliner Neutralitätsgesetz, der immer weitere Kreise zieht. Und der sich immer mehr verhärtet.

Weil das seit 2005 bestehende Gesetz als eines der härtesten in der gesamten Bundesrepublik gilt, mit einem Totalverbot religiöser Symbole im öffentlichen Dienst und Grundschulen, wehrten sich zunächst auch die beiden großen Kirchen. Inzwischen hat sich die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) dafür ausgesprochen. Angeglichen und aufeinander abgestimmt werden sollten diese Gesetze aber bundesweit.

Mit zum Entstehen des Gesetzes beigetragen hat die Berliner Anwältin Seyran Ates. Die aus der Türkei stammende Juristin ist der Meinung, das Kopftuch sei ein Symbol sexueller Unterdrückung bei Muslimas und werde dazu benutzt, Mädchen von der Eigenverantwortung hin zur Abhängigkeit vom Mann zu führen. Sie ist Initiatorin und Mitbegründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit, die für einen libe­ralen und „geschlechter-angepassten Islam“ steht, also einen Islam in dem die Gleichwertigkeit von Mann und Frau gelebt wird.

Die Anwältin Seyran Ates gründet eine Moschee

Nach der Eröffnung der Moscheegemeinde vor knapp einem Jahr erhielt Ates zahlreiche Morddrohungen und wird daher rund um die Uhr polizeilich bewacht. Ates bezeichnete im feministischen Magazin „Emma“ das Kopftuch der Muslimas gar als „Waffe“. Das Kopftuch sei die „Flagge der Trennung der Geschlechter und der „Anders­artigkeit – sprich – Minderwertigkeit der Frauen.“ Und darum möchte sie es nicht in Klassenzimmern sehen.

Derzeit vertritt Seyran Ates den Senat vor dem Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg gegen die Klage einer gekündigten Grundschullehrerin, die mit Kopftuch unterrichten möchte. Zwei derartige Verfahren hat der Senat bereits verloren. Die Berliner Grünen fordern, das Neutralitätsgesetz zu kippen. Dagegen hält, wie der Senat, auch die Initiave Pro Neutralitätsgesetz. Sie setzt sich mit prominenter Unterstützung (darunter ist die Feministin Alice Schwarzer) für den Erhalt des Berliner Neutralitätsgesetzes ein.

Anruf bei Ulla Widmer-­Rockstroh, einer der Führungskräfte bei der Initiative. Am Telefon erzählt die ehemalige Lehrerin aus der Praxis ihres Schulalltags, unter anderen in Wedding. „Um mal eines gleich vorauszuschicken – es geht uns hier keinesfalls um Diskriminierung. Eher um das Gegenteil.“

Kathrin Janert
Sie ist Vorstand des Evangelischen Kirchenkreisverbands für Kindertageseinrichtungen Berlin Mitte-Nord und als solche Ansprechpartnerin für am „Drei-Religionen-Kita-Haus“ interessierte Eltern von christlicher Seite. Man wolle eine „Gleichheit konstruieren“, die es so in anderen Kitas nicht gebe, sagt sie.
Foto: F. Anthea Schaap

Die Stimme der Pädagogin klingt sachlich, klar, resolut. In Wedding seien kleine Mädchen von anderen Schülern, vor allem Jungen, gemobbt worden, wenn sie kein Kopftuch trugen. „Du bist keine gute Muslima“, habe es geheißen.

Noch vor Jahren hätten diese Äußerlichkeiten bei den Kindern keine Rolle gespielt, erinnert sich Widmer-Rockstroh, „da wurde jeder von jedem auf den Kindergeburtstag eingeladen“. Heute grenzten sich bestimmte Gruppen ab, die sie als „orthodoxe Moslems“ bezeichnet. Vorgekommen sei es auch, dass Kinder sich gegenseitig im Ramadan kontrollierten, ob sie das Fasten auch einhielten. „Obwohl Kinder ja nicht einmal teilnehmen müssen.“ Insgesamt sei für sie das Kopftuch „keine integrative Haltung“.

Es gehe ihr ausschließlich um Neutralität, betont Widmer-Rockstroh. Nur diese schaffe den Boden für gegenseitiges Verständnis. Sie wolle überhaupt kein religiöses Symbol an Schulen sehen. „Wenn ich einen Kollegen mit Kreuzsymbol träfe, würde ich ihn bitten, dies unterm Pullover zu verstecken.“ Keine Prognose möchte Widmer-Rockstroh darüber abgeben, wie es mit dem Neutralitätsgesetz weitergeht.
Zu einer Diskussion darüber (unter anderem mit Seyran Ates) lädt die Initatiative Pro Neutralitätsgesetz am 15. Mai, 19.30 Uhr, in die Urania ein.

Hass auf offener Straße

Eine etwas andere Position vertritt die Islam-Wissenschaftlerin Nushin Atmaca. Sie war bis vor wenigen Wochen die Vorsitzende des Liberal Islamischen Bundes. Ihre Stimme klingt offen, weich, zuversichtlich. Aber in der Sache: entschieden.

„Es ist keine religiöse Pflicht im Islam, ein Kopftuch zu tragen“, schickt sie voraus. „Aber wer das möchte, soll das tun können und darf deswegen nicht diskriminiert werden.“ Dass es Mädchen gäbe, die auch in Berlin dazu gezwungen würden, ihr Haar unter einem Tuch vor Männerblicken zu verstecken, das könne sie sich vorstellen. „Allerdings gibt es auch genug Mädchen, die das Kopftuch als ein Statement von sich ganz allein verstehen. Einige sogar aus Modegründen oder weil sie wie die ältere Schwester aussehen wollen – und die muss man dann auch machen lassen.“

Von einem Kopftuch-Verbot hält sie daher wenig. Verhärtete Familienstrukturen, in denen nur der Vater und die älteren Brüder das Sagen hätten, löse man damit nicht. „Es kann doch nicht sein, dass weiße Männer den muslimischen Frauen vorschreiben wollen, was sie tragen sollen – und was nicht!“
Auch Nushin Atmaca beobachtet, dass religiöse ­Symbole auf der Straße zunehmend zu Auseinandersetzungen führen. „Wer religiöse Symbole wie ein Kopftuch oder eine Kippa trägt, steht natürlich mehr im Fokus und ist sicher gefährdeter“, glaubt sie. „Man ist intoleranter geworden gegen alles, was fremd ist.“ Nushin Atmaca selbst, die ihr dunkles Haar offen trägt, wurde nie angegriffen oder beschimpft. Aber sie registriere ein verändertes Verhalten von den Menschen auf der Straße. „Ich spüre, dass viele Menschen mich anstarren – das ist so, seit die Flüchtlinge hier sind. Es kommt mir so vor, die denken: Seit wann ist die hier und wo kommt sie her?“

Atmaca sagt aber auch, sie sei davon überzeugt, dass es auch einen „muslimischen Antisemitismus“ gebe. „Da ist viel Angst, viel eigene Unsicherheit dabei. Vor allem Unwissen. Da werden Juden als böse angesehen.“ Die Diskussionen darüber, wer nicht hier herpasse und warum, empfinde die Mutter einer kleinen Tochter als „unglaublich verflacht“, sagt sie: „Wenn es nicht um Materie geht – wer nimmt einem hier was weg –, dann geht es um Kultur und Heimat, die sich verändern könnte.“

Sigmount Königsberg ist der Antisemitismus-Beauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er sagt, dass Prävention und Intervention bereits in der Schule anfangen müsse. Leider hätten seiner Erfahrung nach die meisten Lehrer dafür keine Skills. „Man muss den Lehrenden die Instrumente in die Hand geben, zu intervenieren.“ Dies müsse bereits bei den geringsten Beleidigungen greifen.

Kürzlich sei Königsberg zu einem Vortrag an einer ­Schule eingeladen worden, erzählt er. „Da hatten nur drei von 75 Lehrern eine derartige Fortbildung genossen.“ Und dabei ginge es nur um grundsätzliche Prävention von Gewalt und Ausgrenzung. „Antisemitismus als Thema ist schon fast Luxus.“
Was für die Schule gelte, müsse auch für die Gesellschaft gelten. Er selbst werde häufig mit Antisemitismus konfrontiert, sobald er sich als Jude vorstelle: „Da heißt es dann sofort: Was macht denn eure Regierung da unten!“ Und erzählt von einer vier Jahre alten Debatte, die immer noch nachhallt. „In Deutschland selbst habe ich den Antisemitismus sehr deutlich im Jahr 2012, im Zuge des Beschneidungsgesetzes, gespürt“, sagt er. Entsetzt habe ihn damals, dass der wachsende Antisemitismus gerade aus einer linksliberalen Gruppierung gekommen sei, sagt Königsberg. „Da wurden Juden zum Teil in eine Kinderschänderecke gestellt.“

Zurück in den Räumen des Evangelischen Kirchenkreises Stadtmitte. Dass der Antisemitismus aus unterschiedlichsten Ecken kommt, glaubt auch Iman Andrea Reimann. „Sicher gibt es hier auch palästinensische Familien, die in der dritten Generation Juden als Feindbilder haben.“ Dennoch dürfe man nicht annehmen, dies bestimme den Antisemitismus im Land. Die Frage sei daher: Wem nütze es, wenn Muslime als einzige Aggressoren gegenüber jüdischen Mitbürgern wahrgenommen würden? „Natürlich den Rechts-Populisten“, sagt Pfarrerin Radosh-Hinder. „Nichts ist denen lieber, als wenn sich diese beiden Gruppen bekämpfen.“

Silke Radosh-Hinder
Die Mitbegründerin der „Drei Religionen Kita“ ist Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte. Die Mutter einer kleinen Tochter sagt über sich: „Ich bin eine hoffnungslose Optimistin, was das Zusammenleben so vieler verschiedener Menschen in dieser Stadt angeht.“
Foto: F. Anthea Schaap

Und Frau Reimann erzählt von ihren Diskriminierungserfahrungen, denen sie als Muslima in Berlin ausgesetzt sei. „Neulich ging ein älterer Mann an mir vorbei, schüttelte wütend den Kopf und sagte ,Schrecklich, schrecklich’“. Bedrohlicher sei aber ein Erlebnis gewesen, das sie mit muslimischen Freunden und den Kindern in der S-Bahn gehabt habe. „Wir saßen als Gruppe in der Bahn und die Kinder freuten sich auf den Besuch des Naturkundemuseums. Sie unterhielten sich ganz ruhig, in ganz normaler Lautstärke.“ Da sei ein Mann vorbeigekommen und habe die Kinder angebrüllt: „In Deutschland herrscht Ruhe.“ Andere Mitfahrende hätten sich aber eingemischt. Er solle die Kinder in Ruhe lassen. „Dennoch waren die Kinder verstört, fragten auf dem Rückweg, als ein ähnlicher Typ vorbei kam: Ist das wieder dieser Mann?“

Die Berlinerin hat an sich selbst eine Veränderung beobachtet, die der Interreligiöse Dialog mit sich bringt, bei dem Muslime, Juden und Christen die Kommunikation suchen, sich austauschen, gemeinsam Projekte angehen. „Es gibt diesen Dialog ja schon seit 30 Jahren“, sagt sie. „Aber damals wollte ich mich für meinen Glauben nicht laufend rechtfertigen.“ Heute sieht sie das anders: „Ich finde es sehr schön, mit Menschen zu reden, die auch glauben“, sagt sie.

Von einem anderen Schlüsselerlebnis erzählt Pfarrerin Silke Radosh-Hinder. Mit ihrer kleinen Tochter sei sie in der Straßenbahn gefahren, neben ihnen ein Fahrgast mit dunkler Haut. Ein älterer Mann sei zugestiegen, die Pfarrerin und ihre Tochter boten ihm den Platz an. Der zeigte empört auf den dunkelhäutigen Fahrgast und sagte: „Wenn hier einer aufstehen muss, dann der da. Sie können sitzen bleiben.“

Das Ekelhafteste an der Geschichte sei gewesen, dass dieser Mann ihr noch verschwörerisch zugeblinzelt habe. Die Pfarrerin sagt, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit stünden sich in nichts nach: „Mein ganz deutliches Empfinden ist, dass, wer bereit ist, sich feindlich und abfällig über Muslime zu äußern, dies auch über Juden tut.“

Wenn man die Ereignisse der letzten Wochen betrachtet, wird klar, wie deutlich eine vielleicht doch noch aus Skrupeln bestehende Grenze überschritten wurde. Hassreden und Drohgebärden sind überholt. Man geht einen Schritt weiter. Das bekommen sowohl Juden als auch Muslime in der Stadt zu spüren.

Zu trauriger Berühmtheit kam dabei neben dem Video aus Prenzlauer Berg, das den Angriff eines syrischen Flüchtlings auf einen Kippa-Träger dokumentiert, vor allem ein Clip aus Schöneberg, unweit des Kurfürstendamms. Vor seinem eigenen Geschäft, einem Restaurant, wurde ein jüdischer Mitbürger grob beschimpft und beleidigt. Der Angreifer zeigte auf die Menora, den siebenarmigen jüdischen Leuchter, und schrie: „Diese Scheiße wollen wir hier nicht.“ Der Krakeler ist ein 60 Jahre alter Berliner. „Du hast keine Heimat“, schrie er den 36-Jährigen an. „In zehn Jahren lebst du nicht mehr. Was wolltet ihr nach 45 noch hier?“

Seine Tirade beendete der Mann mit der Aussicht für den Gastronom, „in der Gaskammer zu landen“. Festgehalten wurde diese Attacke mit der Handykamera der Freundin des 36-jährigen.  Nach wie vor kann man das Video im Internet sehen.

Ein gemeinsames Projekt

Sind die Gesetze gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit nicht hart genug? „Oh doch, das sind sie schon“, sagt Nushin Atmaca. „Sie müssen nur angewendet werden.“ Und sehr viel mehr Kommunikation sei nötig, um die verhärteten Fronten aufzuweichen. „Vergessen darf man in der Diskussion um die jüdischen und die muslimischen Mitbürger aber nicht, dass auch afrikanisch-stämmige Menschen, Sinti und Roma hier ausgrenzt werden. Dagegen muss auch etwas getan werden.“

Rabbinerin Ederberg, Iman Andrea Reimann, Kathrin Janert und Pfarrerin Radosh-Hinder wollen zeigen, dass es anders geht. Dass es Verständigung gibt, ein Miteinander, ein gemeinsames Ziel. Ihren Weg, den Weg der Kommunikation und der Annäherung werden sie weitergehen.

„Bei unseren Treffen spüre ich immer, dass das gut und richtig ist“, sagt Silka Radsh-Hinder, die evangelische Pfarrerin. „Wir haben kaum je so viel gelacht wie beim Interreligiö­sen Dialog.“

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