Unser täglich Stress

Macht die Stadt uns krank?

Tempo, Dichte, Einsamkeit – Menschen in Metropolen leben riskant. Das urbane Lebensgefühl ­kostet Nerven und kann in Depressionen und Angststörungen münden. Wie die Großstadt unsere Psyche beeinflusst und was wir gegen unerwünschte Nebenwirkungen machen können

Wer in Städten lebt, sollte unverwüstlich sein ­– oder lieber gleich beim Therapeuten vorsprechen. So lesen sich zumindest die Studien, die Ärzte neuerdings auf Konferenzen vortragen und das Leben in Metropolen zum pathologischen Fall erklären. Die Diagnose lautet: Großstadtmenschen werden häufiger krank als Zeitgenossen vom Land. Die Quote der Depressionen ist um 40 Prozent gestiegen, der Anteil der Angststörungen um 20 Prozent. Zudem erkranken Menschen, die zwischen Stahl und Stein aufwachsen, doppelt so oft an Schizophrenie.

Foto: Imago/ Frank Sorge

Der Treibstoff dieser Leiden ist vor allem Stress, warnen Mediziner. Ein Experiment am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit lenkt den Blick auf die biochemischen Ausnahmezustände in den Gehirnen von Stadtmenschen. Die Wissenschaftler setzten Citoyens im Labor unter Druck, mit teils unlösbaren Denksportaufgaben – und quittierten deren Versagen mit Häme. Landmenschen traktierten sie auf dieselbe Weise. Dann verglichen die Forscher die Resultate. Die Städter glichen Nervenwracks: Ihr Puls war höher, ebenso ihr Blutdruck. Vor allem schütteten sie weitaus mehr Cortisol aus, bekannt als „Stresshormon“, das psychische Erkrankungen begünstigt, falls der Körper zu viele Moleküle in die Nervenbahnen schießt.

40 Prozent mehr Depressionen, 20 Prozent mehr Angststörungen: Jetzt widmen sich immer mehr Forscher den gestressten Großstädtern. Das Forschungsfeld nennt sich Neurourbanistik. Foto: www.mem-film.de/ photocase.de

Die Empfindlichkeit der Stadtbewohner ist so groß, weil der Organismus im Tumult der Großstadt laufend Alarm schlägt. In Berlin, wo 3,5 Millionen Risikopatienten leben, wären die Trigger zum Beispiel: das Überqueren des Mehringdamms während der Rush Hour, der nächtliche Heimweg durch eine unheimliche Bahn­unterführung in Marzahn – oder die Entfremdung zwischen den Wohntürmen der Gropiusstadt. Die Stadt in Dauererregung – „indifferent gegenüber dem persönlichen Schicksal des Einzelnen“, wie Walter Benjamin schon 1930 schrieb, damals unter dem Eindruck der Lektüre von Döblins „Berlin Alexanderplatz“, diesem zeitlosen Psychogramm der Existenz im vermeintlichen Gefahrengebiet.

Gegen die Stimmungstrüber

Um mehr über dessen Nebenwirkungen zu erfahren, haben Ärzte, Soziologen und Stadtplaner die Zweckbeziehung zwischen der Stadt und ihren Bewohnern als Forschungsobjekt entdeckt. „Neurourbanistik“ nennt der Berliner Psychiater Mazda Adli, Autor des Buchs „Stress and the City“, das interdisziplinäre Zusammenspiel. Man will untersuchen, welche Faktoren in der Stadt auf die Stimmung drücken und wie diese Abtörner getilgt werden können. Denn dass die Stadt krank macht, ist kein Naturgesetz. Wie Berlin auf unsere Psyche wirkt und sich Kollateralschäden bekämpfen lassen, beschreiben wir in den folgenden Kapiteln.


Single-Leben

Zusammen weniger allein

Singles sind die Sorgenkinder in den urbanen Soziotopen von Seattle bis Wladiwostok. Sie sind häufiger einsam, häufiger krank. Diesen Abgesang stimmt Richard Sennett an, der Kümmerer der amerikanischen Soziologie. Ihn besorgt vor allem das Eremitendasein der Großstadtcowboys und -cowgirls in den eigenen vier Wänden. „Alleinwohnen hat sich als schlecht herausgestellt“, klagte er zuletzt im „SZ Magazin“.

Festung der Einsamkeit: Wer allein lebt, geht ein höheres Krankheitsrisiko ein. Foto: Junkstory/ photocase.de

In einer Stadt wie Berlin, wo in mehr als jeder zweiten Wohnung ein Single-Haushalt nistet, ist das ein Problem. Zumindest dann, wenn es stimmt, dass das endorphingeladene Naturell der Hauptfiguren von „Girls“ oder „Sex and the city“ nur Klischee bleibt und vielmehr Kaspar Hauser der Fixstern aller Alleinlebenden ist. Tatsächlich fördert Einsamkeit das Sterblichkeitsrisiko um 26 Prozent. Isolation soll sogar ungesünder als Rauchen, Alkohol oder Übergewicht sein. Richard Sennett arbeitet am Therapieprogramm: Er will Wohnblocks erfinden, in denen die Bewohner einander näher sind, wie in einer Großfamilie, mit gemeinsamen Küchen und Gärten – und zugleich ausreichender Privatsphäre.

Vielleicht ein bisschen so wie der Holzmarkt, jenes Hippie-Dorf in Friedrichshain, das die Idee von den „urban tribes“ am Spreeufer aufleben lässt. Auch andere Baugruppen verströmen ein Wir-Gefühl. Überhaupt gilt: Do-It-Yourself-Spirit schlägt öffentliche Hand. Denn Basis-Initiativen verstehen seelische Bedürfnisse eher als Technokraten aus dem Stadtentwicklungsamt. „Der Stadtplaner, der glaubt, die Lösung für alle Probleme zu besitzen, ist der Grund allen Übels“, sagt Sennett.


Sicherheit

Paranoia & Politik

Angst essen Seele auf: ein Befund, den man auch auf das Ohnmachtsgefühl von Passanten in dunklen Gassen und verwaisten Bahnhöfen anwenden könnte. Eine Studie des University College of London, 2007 erhoben, belegt den Zusammenhang zwischen der Angst vor Kriminalität und psychischen Krankheiten. Wer Verbrechen fürchtet, zeigt doppelt so häufig depressive Symptome, fanden die Forscher heraus.

Der Nährboden der Paranoia ist jedoch das subjektive Bedrohungsgefühl – und nicht die reale Gefahr. Berlin zählt zu den sichersten Metropolen der Welt; die Tötungsrate etwa beträgt 1,93 pro 100.000 Einwohner, selbst in Luxemburg ist sie doppelt so hoch. Dennoch sind Law & Order hier Aufregerthemen. Um den Menschen die Sorgen zu nehmen, sollten Politik und Polizei in Berlin eine moderate Sicherheitsarchitektur entwerfen. Dazu zählen nicht flächendeckende Überwachungskameras wie in London, die den Staatsapparat in ein Big-Brother-Regiment verwandeln. Stattdessen könnte die in Berlin so verbreitete Kleinkriminalität eingehegt werden, die das gegenseitige Vertrauen unterminiert, zum Beispiel Eigentumsdelikte. Fahrräder, die am Wegrand gestohlen werden, oder Portemonnaies, die in der U-Bahn verloren gehen – jedes Delikt erschüttert das Bild von der Stadt als solidarischem Miteinander. Und treibt den Puls hoch.

Dazu bräuchte es eine besser ausgestattete Exekutive, aber auch eine Topografie, die Hannah Arendt mit der Formel „Seeing and being seen“ auf den Punkt gebracht hat. Sie meinte öffentliche Räume, die hell, offen und vertrauenerweckend sind, damit die Leute sich im Blick haben. In Tunneln und Tiefgaragen könnten schon mehr Spiegel und Leuchter helfen, um aus Angst­räumen so etwas wie Komfortzonen zu machen.


Multikulti-Gesellschaft

Existenzkampf an neuen Ufern

Wer Wurzeln in der Fremde hat, ist an seinem neuen Lebensmittelpunkt, ob Wedding oder Westend, in einen Existenzkampf verwickelt – um Status, Anerkennung, einen Platz in der Gesellschaft. Eine Aufgabe, die Kraft kostet. Das Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit hat im Kernspin-Tomografen festgestellt, dass Einwanderer leichter auf Stresssignale reagieren und schneller reizbar sind. Wodurch die Neuankömmlinge aus der Türkei, aus Syrien oder aus Russland häufiger reif für die Couch sind. In Berlin, wo jeder Vierte auf eine Einwanderungsbiografie zurückblickt, vom ehemaligen Gastarbeiter bis zum Kriegsflüchtling, ist die Psychohygiene unter Zugezogenen daher eine zentrale Herausforderung.

Die Rezepte könnten lauten: mehr Psychotherapeuten, die Sprachen und Sitten der Herkunftsländer verstehen. Aber auch mehr Teilhabechancen im Arbeitsmarkt; weniger Gettoisierung. Die Gentrifizierungswellen, die türkische und arabische Familien aus Hype-Vierteln wie dem Schillerkiez oder der Weserstraße drängen, sind in diesem Zusammenhang fatal – denn die Vertreibung aus dem eigenen Kokon ist Gift fürs Wohlbefinden. Ebenso ungesund ist, dass in den ehemals bunten Kiezen „soziale Silos“ zurückbleiben, wie der US-Soziologe Richard Sennett sagt. In Berlins Szene-Stadtteilen also ­Ferien-Resorts für Gutverdiener.

Die Monotonie rührt an die Grundfesten der städtischen Identität. Multikulti  macht eine Stadt oft erst zur Metropole. Für ihre Bewohner wird die Stadt damit auch zu einer Lehrschule für Vielfalt. Sie erlernen „Ambiguitätstoleranz“ – also die Fähigkeit, mit Widersprüchen und Kontrasten zu leben. Ein gutes Mittel gegen Schwarz-Weiß-Denken. Womit Stadtmenschen, sofern sie offen genug sind, erwachsener wären als Landmenschen.


Umwelt

Blei in der Luft

Berlin, eine Öko-Dystopie: Knapp 1,2 Millionen Autos, vom Lamborgini bis zum Smart. Fabriken und Flugzeuge, vereinzelt auch fossile Kraftwerke. Der Ausstoß: Kohlendioxid, Stickoxide und viel Feinstaub. 2016 wurde der Grenzwert an 18 Tagen überschritten. An heißen Sommertagen vermischen sich die Abgase zur Smogglocke, zwar nicht so extrem wie in Peking, aber dennoch belastend. Die dicke Luft schadet Atemwegen und Herz-Kreislauf-System; sie befördert Unruhe und Stress. Hinzu kommt der Lärm, der die Ohren umspült wie eine Brandung am Golf von Biscaya, zum Beispiel in der Nähe der A 100 oder am Tempelhofer Damm.

Knapp 1,2 Millionen Autos sind in Berlin unterwegs – zu viele, wenn eine saubere Luft das ökologische Ziel sein sollte Foto: Jock+scott/ photocase.de

Der Emissionscocktail ist lästig. Dabei könnte man die Umweltgifte reduzieren. Das Öko-Kraftwerk, das die Stadt betreibt und ein paar Tausend Berliner mit Energie aus Sonne und Wind versorgt, ist schon mal ein Anfang. Rad-Highways wären der nächste Schritt. Der Senat hat 50 Kilometer neue Pisten pro Jahr versprochen, lautet der Zwischenstand. Eine Automaut innerhalb des S-Bahnrings: auch so eine Entlüftungsmaßnahme. Der Triumph: die autofreie Stadt. Dann sind da noch die Forderungen nach mehr Freiräumen für die Natur, nicht nur dort, wo ohnehin der Oleander blüht.

Ein Anreiz sollte sein, was amerikanische Architekturprofessor Roger S. Ulrich nach einem Experiment mit 120 Versuchspersonen belegt hat: Der Anblick von Pflanzen führt zu Stressabbau und Regeneration. Warum also nicht die Yorckbrücken in Schöneberg so bepflanzen wie die High Line in Manhattan? Eine gute Idee hat auch das Startup „Green City Solutions“. Es entwickelt Mooswände, die an graue Häuserfassaden befestigt werden. Grüne Flora als Stimmungsaufheller. Die Spezialfähigkeit der Module: Sie binden 300 Gramm Feinstaub am Tag.


Stadtplanung

Die Angst vor der Anonymität

Es ist nur eine Fußnote aus dem Anekdotenschatz einer südamerikanischen Millionenstadt. Dennoch enthält das Beispiel aus Bogota, der kolumbianischen Hauptstadt, symbolischen Mehrwert: Die Bushaltestellen sind dort Orte der Begegnung, an denen die Einheimischen einen Kaffee trinken und mit Stadtangestellten quatschen – ein Coup des Bürgermeisters Enrique Penalosa. Berlin kann davon lernen. Es geht darum, jene Anonymität aufzuheben, die Straßenzüge oft unwirtlich machen. Sie führt zu Verlorenheitsgefühlen, die depressiv machen können.

»Der Stadtplaner, der glaubt, ­die ­Lösung für alle ­Probleme zu ­besitzen, ist der Grund allen Übels« Richard Sennett, amerikanischer Soziologe Fotos: Mathias the dread/ photocase.de

Die umstrittene Begegnungszone in der Schöneberger Maaßenstraße ist daher eine Pioniertat: Bänke laden zur Rast ein; das Straßenland, das zuvor für Autos reserviert war, lockt Flaneure. Immer mehr Bezirke entdecken den Trend. Auch in der Bergmannstraße in Kreuzberg und in Teilen der Schönhauser Allee ist ähnliches geplant. Ein weiterer Eisbrecher: weite Bürgersteige, wie sie derzeit an der Karl-Marx-Straße in Neukölln entstehen. Architekten sollten Häuser entwerfen, die sich dem Gewimmel zu ihren Füßen öffnen: mit Glas statt Beton, breiten Portale statt schmalen Türen.

Der Psychologe Colin Ellard und der Journalist Charles Montgomery haben in einer Studie im Rahmen des „BMW Guggenheim Lab“ festgestellt, dass solche Fassaden als wohltuend empfunden werden – während monolithische Blöcke eher Stress auslösen. Letztlich geht es um eine Stadtplanung, in der sich der „Einzelne leichter sichtbar machen könnte“, schreibt der Psychiater Mazda Adli. Meet & Greet statt Nebelkerzen.

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