»Bergman war der große Gott des Kinos für mich«

Margarethe von Trotta über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Die Filmemacherin Margarethe von Trotta, 76, über ihren Dokumentarfilm  „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“, dessen Frauenbild und seine Ehrlichkeit

Frau von Trotta, Sie haben Ingmar Bergman in den 60er-Jahren als Studentin in Paris für sich entdeckt. Warum hinterließen seine Filme bei Ihnen solchen Eindruck?
Als ich in Düsseldorf aufwuchs, ­interessierte man sich bei uns in der Familie für Oper, Konzerte und Kunst, nicht für Kino. In den 50ern gab es in Deutschland ja auch nicht viel mehr als Heimatfilme. Wir haben vielleicht sonntags bei Regen mal ein Melodram mit O.W. Fischer gesehen, aber eigentlich haben wir Film nicht ernst genommen. Das änderte sich für mich in Paris. „Das siebte Siegel“ war damals der erste Film, den ich dort sah – und plötzlich fand ich alles, was ich sonst in Ausstellungen, Konzerten und anderswo hätte einzeln suchen müssen, wie in einem Prisma zusammengefasst.

Trotzdem haben Sie gezögert, diesen Dokumentarfilm zu drehen …
Na klar, denn von da an war er ja mein Meister. Er war der große Gott des Kinos für mich, der mich auch später weiter begleitet hat, selbst wenn ich jetzt nicht alle Filme ­gesehen und zwischendurch nicht mehr so geschätzt hatte. Denn ich wurde ja nach ’68 eine Linke und war, wie wir alle im deutschen Kino der 70er-Jahre, politisch motiviert – was er nicht wirklich bedient hat. Trotzdem kam ich nicht von Bergman los, schließlich hat er mich in ­gewisser Weise zum Film gebracht. Er war also für mich eine Ikone wie man sie eigentlich nicht anrühren sollte. Aber alle haben so auf mich eingeredet, dass ich die Richtige dafür sei, weil ich ihn ja auch ­kannte, dass ich irgendwann nachgegeben habe.

Unnachahmlicher Analyst der menschlichen Psyche: Ingmar Bergman
Foto: Bengt Wanselius

Würden Sie sagen, dass auch sein Blick auf weibliche Figuren ihn von anderen Regisseuren seiner Generation unterscheidet?
Natürlich. Im Hollywood-Film hat es ja auch die großen weiblichen Stars gegeben, aber das waren oft ziemliche Klischeefiguren. Bergman dagegen hat die moderne Frau gezeigt, die weder den Männern unterworfen noch eine Hexe oder ein Vamp war. Diese Kategorisierungen hat er nicht mitgemacht, und das war ­außergewöhnlich. Olivier Assayas sagt es in meinem Film: Er hat Filme gedreht über die Frauen, die es in der schwedischen Gesellschaft gab. Das war schon eines der Hauptmerkmale, das Bergman zu einem so besonderen Regisseur machte. Und natürlich die Tatsache, dass er sehr tief in die menschliche Psyche und das menschliche Leiden vorgedrungen ist – und dabei auch immer so ehrlich mit sich selber war.

Sie sprechen im Film nicht nur mit ­Bergmans Wegbegleitern wie Liv Ullmann, sondern auch mit Olivier Assayas oder Ruben Östlund. Wonach haben Sie Ihre Gesprächspartner ausgesucht?
Wir hatten mehrere Produzenten aus Amerika, Frankreich und Deutschland. Von ­denen hatte natürlich jeder so seine Vorstellungen, wen man befragen muss. Ich bekam also eine lange Liste, von der ich ­einige gleich wieder gestrichen habe. Denn es gibt schon so ­viele ­Filme über Bergman – und immer sprechen dieselben Leute: ­Woody Allen, Martin ­Scorsese und so weiter. Mir ging es vor allem um eine ­Mischung: einerseits die Alten wie Jean-­Claude Carrière, für den Bergman wie für mich die Ikone seiner Jugend war, andererseits auch junge Filmemacher wie Mia Hansen-Løve, die gerade auf Bergmans Heimat­insel Fårö einen Film dreht. Und besonders toll war es natürlich, mit Bergmans Sohn Daniel sprechen zu können, der solche Anfragen sonst immer abgelehnt hat. Für mich hat er eine Ausnahme gemacht, weil er das Gefühl hatte, dass ich als ­bekannte Regisseurin es nicht nötig habe, mich durch seinen Vater größer zu machen.

Ingmar Bergman war ein Fan von Ihnen, nicht wahr?
Volker Schlöndorff und ich waren mit ­seinem Kameramann Sven Nykvist befreundet, mit dem wir damals „Strohfeuer“ gedreht haben. Der erzählte mir, dass Bergman „Der Fangschuss“ gesehen hatte und sehr von mir als Schauspielerin schwärmte. 1990 wählte er mich als eines seiner Jury- Mitglieder aus, als er sich ausnahmsweise überreden ließ, Präsident der Jury bei den European Film Awards zu werden. Da ­sagte er mir, wie wichtig und schön er meinen Film „Die bleierne Zeit“ gefunden habe. Den ­hatte er in einem Moment ­gesehen, wo er selber deprimiert war und eigentlich ­keine Filme mehr machen wollte. Aber mein Film hat ihm anscheinend wieder Mut gegeben – und wenig später drehte er ­„Fanny und Alexander“.


Unter dem Titel „Ingmar Bergman 100“ zeigt das Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz vom 12.7. bis 12.8. eine umfangreiche Werkschau mit über 60 Filmen Ingmar Bergmans, mit ­Gesprächen und Diskussionen.
Am 16. und 17.7. wird Liv Ullmann zu Gast sein.
www.babylonberlin.de