»Was willst du denn hier, Opa?«

Marius Müller-Westernhagen

Marius Müller-Westernhagen war in den 90er-Jahren ein Superstar. Nachdem es ruhiger um ihn geworden war, zog der Musiker nach Berlin. Ein Gespräch über Exzesse, die Globalisierung und nervige Straßenmusiker

Marius müller-­Westernhagen Jahrgang 1948, begann zunächst Karriere als Schauspieler. Als Musiker füllte er in den 90er-Jahren Stadien. Sein letztes Album „Alphatier“ lan­dete wieder auf Platz 1. Vor fünf Jahren zog er nach Berlin, wo auch seine Tochter Mimi lebt. Foto: imago/Sabine Gudath
Marius müller-­Westernhagen Jahrgang 1948, begann zunächst Karriere als Schauspieler. Als Musiker füllte er in den 90er-Jahren Stadien. Sein letztes Album „Alphatier“ lan­dete wieder auf Platz 1. Vor fünf Jahren zog er nach Berlin, wo auch seine Tochter Mimi lebt. Foto: imago/Sabine Gudath

Sie sind vor genau fünf Jahren nach Berlin gezogen. Ist Ihnen in der Hamburger Villa langweilig geworden? Wenn man so lange in einer Stadt lebt, muss man sich irgendwann verändern. Hamburg war in den 70er- und 80er-Jahren die wildeste Stadt, das Zentrum der Musik. Inzwischen stellt es sich sehr über seinen Reichtum dar. Berlin mochte ich, als die Mauer noch stand, gar nicht so sehr, sie gab mir immer ein klaustrophobisches Gefühl. Ich hab hier viel gedreht, war aber immer froh, wenn ich wieder rauskam. Nach dem Mauerfall kam ich dann immer öfter und begann, die Stadt mehr und mehr zu lieben.

Aber gibt es im Alter nicht bessere Orte als Berlin-Mitte? Ob etwas altersgemäß ist, spielt für mich keine Rolle. Ich könnte mir nicht vorstellen, ständig mit Gleichaltrigen zusammenzusitzen, Zigarre zu rauchen und über alte Zeiten zu reden. Ich wollte einfach aus der Tür rausgehen und in ein Café latschen können. Dort wo ich wohne, ist sehr viel Trubel. Und wenn ich Ruhe suche, hab ich noch Südafrika, wo ich den Winter verbringe.

Sie sagten mal, es sei Ihnen eher unangenehm, prominent zu sein. Und dann ziehen Sie nach Mitte … Angenehm ist mir das wirklich nicht. Aber hier wird man einfach übersehen. Und in Berlin genießt man als Künstler ein weit höheres Ansehen als andernorts.

Waren Sie schon mal im Berghain? Nee. Meine Frau war schon dort. Wahrscheinlich würden die bei mir eher sagen: „Was willst du denn hier, Opa?“

Sie sind jetzt 66 Jahre alt. Ist es ein Ort, bei dem Sie sagen: Okay, hier verbringe ich meinen Lebensabend, hier bleibe ich jetzt? Das kann ich nicht sagen. Das kommt darauf an, wie die Stadt sich entwickelt. Berlin wird, wenn es so weitergeht, irgendwann denselben Weg gehen wie London, Paris oder New York, wo du dir das Leben einfach nicht mehr leisten kannst.

Aber Sie als gut verdienender Prominenter sind doch Teil dieser Entwicklung. Nicht ich mache das Leben teurer, sondern die Spekulanten. Und ich habe darunter auch schon gelitten. Als ich herzog, gab es in Mitte einen kleinen Laden, der wunderbaren Espresso machte. Dieses Haus wurde verkauft und die Miete des Ladens verdreifacht.

Aber Sie wohnen nicht zur Miete, oder? Doch. Heute gehören die Wohnungen ja Fondsgesellschaften, die würden nur einen ganzen Block verkaufen. Das übersteigt meine finanziellen Mittel bei Weitem.

Sie sind in Düsseldorf aufgewachsen, haben lange in Hamburg gelebt. Ist Berlin ein Ort der Heimat für Sie? Wenn ich so etwas wie Heimatgefühl überhaupt empfinden kann, dann kommt Berlin dem am nächsten. Ich kann zum ersten Mal verstehen, was New Yorker meinen, wenn sie sagen „I am New York!“ Das geht mir jetzt so mit Berlin. Dieses Gefühl hatte ich weder bei meiner Heimatstadt noch in Hamburg.

Gibt es an Berlin irgendetwas, das Sie nervt? Man darf das ja eigentlich nicht sagen, denn ich liebe ja Straßenmusiker. Aber wo wir wohnen gibt es einen Saxofonisten, der den ganzen Tag dudelt und Übungsläufe spielt. Auf die Dauer kann das einem ganz schön auf den Senkel gehen.

Ist es immer noch so, dass Sie morgens aufwachen und zehn Minuten nachdenken, weil sie sich für alles Mögliche verantwortlich fühlen, was in der Welt passiert? Gott sei Dank empfinde ich Verantwortung, die meisten Menschen tun das ja nicht mehr. Ich denke gerne nach, warum die Welt so ist, wie sie ist. Wobei mir im Augenblick wirklich schwerfällt, auf ihren Zustand zu reagieren. Es ist eine Situation – politisch, weltweit –, die ich so noch nicht erlebt habe. Wir haben die digitale Revolution, jeder Konflikt wird global ausgetragen. Darüber waren sich viele nicht im Klaren, als sie die Globalisierung unterstützten. Das habe ich nie getan. Ich halte das, was im Zeichen der Globalisierung passiert, nach wie vor für falsch.

Grundsätzlich falsch? Ja. Überall wird alles vereinheitlicht. Es geht viel an kultureller Identität verloren.

Sie haben anders als Grönemeyer oder Lindenberg kein Kultrevival bekommen. Vermissen Sie das? Überhaupt nicht. Ich bin wahnsinnig glücklich für Udo, weil er eine Zeit lang fast als Witzfigur angesehen wurde. Und Udo ist für die Musik in Deutschland entscheidend gewesen. Er hat für uns alle eine riesige Tür aufgemacht. Herbert ist viel später gekommen als wir. Der ist noch jung, der muss noch ein bisschen arbeiten. Herbert kam aus der Theaterwelt und hat Musik studiert. Das ist schon anders.

Inwiefern? Udo und ich waren Autodidakten. Wir kommen aus der Beat-Zeit. Wir spielten eine halbe Stunde zum Tanz, dann mussten wir Pause machen, damit getrunken wurde, so wurde Geld verdient. Wir haben manchmal auch nur vor zehn Menschen gespielt. Es kamen auch Leute, die sich von dir Songs gewünscht haben.

Ihr Vater war Schauspieler bei Gustaf Gründgens, inzwischen machen Sie wieder mehr Blues mit aufwändigen Videos. Wäre Ihr Vater stolz auf Sie? Mein Vater wäre stolz auf mich, das glaube ich, das hoffe ich. Aus dem einfachen Grund, weil ich diesen ganzen Wahnsinn überlebt habe. Das ist das Einzige in meinem Leben, worauf ich stolz bin. Ich bin weder Alkoholiker geworden, noch drogensüchtig, noch bin ich über Leichen gegangen. Und ich habe noch die gleichen Freunde.

Und die Mutter, die Rockmusik furchtbar fand? Meine Mutter war stockkonservativ und mein Vater das genaue Gegenteil. Er hat 100 Zigaretten am Tag geraucht und starb mit 44 Jahren. Der kam, wie seine ganze Generation, als sehr junger Mann in den Krieg und kehrte schwer angeschlagen zurück. Da hatte er viel nachzuholen und trank wie alle seine Schauspielerkollegen  bis zum Gehtnichtmehr. Meinen Vater habe ich sehr geliebt, aber auch die Disziplin und dieses konservative Denken meiner Mutter. Am Beispiel meines Vater konnte ich sehen: Ein so exzessives Leben führt zu nichts, da kannst du nur verlieren.

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