„Ich könnte nicht in Friedrichshain leben“

Marten Ebsen und Archi Alert über Punkrock und Kreuzberg in den Achtzigern

Terrorgruppe und Turbostaat repräsentieren das Spektrum des deutschen Punkrocks. Seit ihrer Gründung 1993 steht die ­Terrorgruppe um Sänger Archi Alert für wütende Texte in Protopunk-Tradition, während Turbostaat mit dem Konzeptalbum „Abalonia“ nun eine lyrisch ambitionierte, fast verrätselte Platte veröffentlichen. Wir haben Gitarrist und Songschreiber Marten Ebsen (38) und Archie Alert (50) in Kreuzberg getroffen.

Marten Ebsen von Turbostaat und Archi MC Motherfucker von Terrorgruppe Foto: Petra Konschak
Marten Ebsen von Turbostaat und Archi MC Motherfucker von Terrorgruppe
Foto: Petra Konschak

Marten Ebsen und Archi Alert, Kreuzberg war in den Achtzigern das Epizentrum der Protestkultur, heute gelten viele einstige Szeneorte als Touristenattraktion. Können Sie sich mit dem Stadtteil identifizieren?

Marten Ebsen: Ich wohne ja erst seit fünf Jahren in Berlin, bin viel unterwegs und deshalb noch nicht so stark verwurzelt in der Szene. Manchmal fühle ich mich selbst eher wie ein Tourist hier.

Archie Alert: Natürlich. Ich bin 1986 nach Berlin gekommen, als typischer Bundeswehr-Flüchtling. Viele meiner ehemaligen Freunde leben ja, sofern sie nicht gestorben sind, noch immer hier. Nach den ersten ­wilden Jahren haben sich alle in meinem Umfeld ein Leben abseits von besetzten Häusern und der Punkszene aufgebaut. Was Kreuzberg ausmacht, wird mir manchmal erst bewusst, wenn ich in anderen Stadtteilen bin. Als ich neulich in Nord-Friedrichshain unterwegs war, ist mir aufgefallen, wie wenige Menschen mit Migrationshintergrund es dort gibt.

Dabei erlangt Nord-Friedrichshain gerade wieder Bedeutung in der Linken. 

AA: Ja, aber es ist alles so … deutsch. Ich könnte dort nicht wohnen.

Erinnern die Geschehnisse in der Rigaer Straße Sie an alte Straßenkampf-Tage?

ME: Ich beobachte das ja alles nur von ­außen, aber ich habe den Eindruck, da versucht jemand, massiv Stimmung gegen links zu machen. Alte Berliner dürfte das alles nicht wundern, oder?

AA: Klar, das erinnert an früher. Henkel steht in der Tradition von Lummer (Anm. d. Red.: Heinrich Lummer, Berliner Bürgermeister und Innensenator von 1981 bis 1986), und er ist genauso gefährlich. Der glaubt noch immer, dass der Feind links von ihm steht. Ich kann noch nicht mal Hass auf die Polizisten entwickeln, weil es so absurd ist, was dort gerade passiert.

Das alte Kreuzberg ist ein Sehnsuchtsort der heutigen Linken. War Kreuzberg jemals dieses Utopia, das sich heute so viele zurückwünschen?

AA: Vor allem war Kreuzberg eine Insel: an drei Seiten von der Mauer umgeben, mit ­einem einzigen Tor zur Welt, das auch der Zugang für die Polizei war. Den Bezirk konnte man 1987 einfach dichtmachen. Hier wurden Dinge anders geregelt: Wenn du Probleme mit jemandem hattest, hast du nicht die Polizei gerufen. Bis zur Wende war Kreuzberg ein anarchistischer Raum. Danach war dieses Utopia für immer weg.

Marten Ebsen, um Utopien im weitesten Sinne geht es auch auf dem neuen Turbostaat-Album: „Abalonia“ erzählt von der Reise einer Frau an einen imaginären Ort. Das klingt nach Flucht, nach innerer Emigration. Ist das Ihre Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Fragen?

ME: Momentan gibt es in Berlin und der Welt ganz konkrete Projekte, bei denen man wirklich helfen kann, etwa in Flüchtlingsunterkünften. In dem Fall ist Rückzug keine Lösung. Aber ich habe mich schon persönlich aus vielen ideologischen Grabenkämpfen und Szenedebatten zurückgezogen. Die Idee hinter „Abalonia“ ist ja: Alle sind auf der Suche, doch überall dort, wo in den Texten eine Antwort stehen könnte, haben wir ein Fantasiewort eingesetzt. Wir können Probleme benennen, aber keine eindeu­tigen Antworten liefern.

Archie Alert, viele Texte auf dem neuen Terrorgruppe-Album „Tiergarten“ hingegen muten aggressiv an. Ist Angriff Ihre politische Botschaft?

AA: Ich muss eins klar sagen: Ich mache ­keine Musik, um mich politisch zu äußern.

Als Sänger einer Punkband?

AA: Ich äußere mich sozialkritisch! Als poli­tischer Musiker müsste ich Lösungswege aufzeichnen, und das ist nicht meine Aufgabe. Manchmal brauche ich Musik einfach als Ventil, „Schlechtmensch“ auf dem ­neuen Album zum Beispiel ist so ein Ventil-Text. Warum soll ich meine Wut nicht herausbrüllen? Dafür ist Musik doch da.

Wer steht heute in der ersten Reihe, wenn Sie auftreten?

AA: Ganz unterschiedlich: Zur Hälfte 16- bis 22-Jährige, zur Hälfte bärtige Typen, die schon vor zehn Jahren bei unseren Konzerten waren.

ME: Ich zum Beispiel!

Viele der Punkbands von damals, wie etwa die Toten Hosen, machen heute Stadion-rock. Wie muss Protestmusik für das heutige Berlin klingen?

AA: K.I.Z. zum Beispiel haben einen Punk-Anspruch. Die sind Autodidakten, können ihre Beats mit wenigen Mitteln im eigenen Schlafzimmer bauen. Mit jedem Album wird es interessanter, ihnen zuzuhören, und sie haben die Freiheit, etwas zu tun, was viele Punkbands nicht können: Ihre Botschaft mit mehr Text erörtern.

Finale Frage: Kommt die Revolution?

ME: An die Revolution glaube ich nicht, zumindest nicht mit positivem Ausgang. Aber ich denke schon, dass die Menschheit zu einem besseren Zustand gelangen kann. Wenn ich nicht mehr an eine bessere Welt glauben würde, könnte ich mich auch nur noch von Schokoriegeln ernähren und ­darauf warten, dass ich sterbe.

Turbostaat: „Abalonia“ (PIAS Germany/Rough Trade), Konzert: Fr 1.4., 21 Uhr, Huxleyʼs, Hasenheide 107, Kreuzberg 

www.turbostaat.de

Terrorgruppe: „Tiergarten“ (Destiny Records), Konzert: Fr 29.1., 20 Uhr, Astra, Revaler Str. 99, Friedrichshain

www.terrorgruppe.com