Mauerfall

Fotografie aus einem anderen Jahrtausend

Peinlich selbstbezogen und sehr gestrig: Viele Berliner Ausstellungen erinnern jetzt an DDR und Maueröffnung. Doch einige Schauen zeigen auch die schwie­rige Zeit nach 1989. Und die Auswahl an großartiger ­Fotografie ist gigantisch

Sie hat genauso lang in der DDR und im Ostblock fotografiert wie im vereinten Deutschland und dem postkommunistischen Osteuropa. Und doch ist Helga Paris vor allem für ihre Fotografie vor 1989 bekannt, für ihre intensiven Porträts von Kindern, Außenseitern, Rentnerinnen sowie für ihre vom Kohle­smog verschleierten Ansichten aus Ost-Berlin und Halle. Wenn die Akademie der Künste nun ihrem Mitglied Helga ­Paris eine Retrospektive ausrichtet, würdigt sie beide Epochen im Werk. Sehr deutlich wird das bei den Arbeiten, die die 81-jährige Fotografin jetzt erstmals öffentlich zeigt: Dazu zählt die ­Serie „Leipzig Hauptbahnhof“ von 1981 genauso wie „Mein Alex“ von 2011.

© Helga Paris. Quelle: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)
In der Akademie der Künste: Helga Paris‘ „Winsstraße mit Taube“, 1970er-Jahre Aus der Serie „Berlin 1974–82“ © Helga Paris. Quelle: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen)


Es gibt nämlich ein Leben nach der Wende. Das ist zwar eine Binsenweisheit, darf jedoch zum 30. Jahrestag der Revolution von 1989 einmal gesagt sein, denn die meisten Veranstaltungen zum „Mauerfall 30“, wie der offizielle Hashtag heißt, thematisieren die Wendezeit und die Jahrzehnte davor. So führt das Ausstellungs- und Veranstaltungspaket der landeseigenen Veranstaltungsgesellschaft Kulturprojekte (s. S. 95) zu Schauplätzen der Revolution wie der Gethsemanekirche und dem Alexanderplatz. Falsch ist das nicht. So wird sichtbar, dass die Mauer eben nicht „gefallen“ ist, sondern dass Grenzübergänge geöffnet wurden, dank Bürgerprotesten, jahrelanger Oppositionsarbeit, dank der Verunsicherung der DDR-Regierung und einer unklaren Aussage auf ­einer Pressekonferenz.

Die DDR und 1989 stehen auch im Mittelpunkt vieler Ausstellungen jenseits des Jubelpakets. Die Bandbreite reicht von Gemälden der alten Malerfürsten zur deutschen Teilung (Kunstforum der Volksbank) über Stefan Moses Porträts aus der Wendezeit (Bröhan-Museum) bis zu Jürgen Hohmuths Schwarzweiß-Fotografien aus Prenzlauer Berg. Hohmuth hat sie im Museum Pankow in ein Arrangement aus Alltagsgegenständen made in GDR gehängt und um Hörtexte von Schriftstellern wie Jochen Schmidt ergänz. Alles zusammen berichtet anschaulich von Hochhäusern, Schlangestehen vor einer Bäckerei sowie der Punk­szene rund um die Schönhauser Allee.


Prepper und Treuhand-Trauma
Noch informativer ist die übervolle Dokumentarschau „Ost-Berlin“ des Stadtmuseums im Ephraim-Palais. Hier finden sich Rari­täten wie die von dem Schriftsteller Uwe Kolbe mitherausgegebene Samisdat-Zeitschrift „Mikado“ und gedruckte Kalenderblätter der Künstlerin Karla Woisnitza. Eines aber haben all diese unterschiedlichen Ausstellungen gemeinsam: Sie zeigen, wie stark künstlerische Fotografie aus Ostdeutschland ist, wie emotional, subversiv, hochästhetisch und doch leicht lesbar.

Das Medium Fotografie, das Kulturfunktionäre lang nicht ernst nahmen und mit dem gerade Künstlerinnen reüssieren konnten, hat von allen Kunstsparten die Wende am besten überstanden. Anders als die Malerei, die nach 1990 für einen erbitterten deutsch-deutschen Kunststreit ­sorgte, prägt sie heute das Bild von der DDR. Und wird es weiter tun. So fördert jetzt die Bundesstiftung Aufarbeitung die Digitalisierung des Archivs von Harald Hauswald, der in „Ost-Berlin“ mit wichtigen Abzügen vertreten ist.


Fotografie nach dem Mauerfall

©Manfred Paul
Aus der Ausstellung „Von Menschen und Mauern“ im Schloss Biesdorf: Manfred Pauls „Mauer, 20.04.1990 15.00 Uhr, Köpenicker Straße“, ©Manfred Paul

Aber da ist ja noch jenes jetzt Veranstaltungsmarathon vernachlässigte Leben nach der Wende. Immerhin zwei hochkarätig besetzte Ausstellungen veranschaulichen, wie wichtig die Jahre nach 1989 ­waren. Zum „Herbstsalon“ des Gorki-Theaters (Zitty 22/ 2019) hat die Künstlerin Henrike Naumann im Haus der Statistik ihre große Installation zu den Weltbildern von Preppern und Reichsbürgern aufgebaut, die in Dortmund Premiere hatte. Und im Kreuzberger Projektraum des Deutschen Künstlerbunds zeigen sieben noch in der DDR geborene Künstler*innen Fotos und Filme zum Transformationsprozess. Kritisch, ernüchternd, melancholisch thematisieren sie Situa­tionen und Zustände, die an das Treuhand-Trauma denken lassen. Im Zentrum laufen Marios Pfeifers Intensiv-Interviews „Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen“ (2016). Konzentriert und wohl artikuliert erläutern ein Pegida-Mitbegründer sowie Expert*innen für Zivilgeselslchaft und Demokratie ihre Sicht auf Land und Leute. Das muss man aushalten können.

Doch der Horizont war schon einmal weiter, etwa in den Jahren vor der EU-Erweiterung, als sich Ausstellungshäuser mit Kunst zu und aus Osteuropa überboten. Jetzt dagegen herrscht in Berlin Nabelschau. Zwei Ausstellungen mit internationaler Kunst reflektieren indes auch Grenzen in anderen Ländern: die im September eröffnete Schau „Durch Mauern gehen“ im Gropiusbau (Zitty 20/ 2019) und nun „Von Mauern und Menschen“ in Schloss Biesdorf. Beide zeigen unter anderem die Trennlinien zwischen katholischen und protestantischen Vierteln in Nordirland.

Blick in die Ausstellung von Karel Cudlín im Tschechischen Zentrum, © Aleksander Slota / Tschechisches Zentrum

Wenigstens das Tschechische Kulturzentrum erinnerte mit Aufnahmen des Pressefotografen Karel Cudlín an die „Samtene Revolution“ und die ersten ­freien Wahlen in der Tschechoslowakei, die den parteilosen Schriftsteller und Bürgerrechtler Václav Havel im Amt des Staats­präsidenten bestätigten. Das Jahr 1989 fand nämlich nicht nur in Berlin statt.

Helga Paris: 8.11.–12.1., Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, 6/4 €, bis 18 J. + Di ab 15 Uhr frei
Jürgen Hohmuth: Bis 19.1., Museum Pankow, Prenzlauer Allee 227/228, Prenzlauer Berg, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei
Die wir nie gewesen sind: Bis 29.11., Deutscher Künstlerbund, Markgrafenstr. 67, Kreuzberg, Di–Fr 14–18 Uhr, Eintritt frei
Von Menschen und Mauern: Bis 14.2., Schloss Biesdorf, Alt Biesdorf 55, Sa–Do 10–18, Fr 12–21 Uhr, Eintritt frei