Interview

Mehr als der Mann am Klavier

Der Entertainer Mark Scheibe über musikalische Spontaneität, eitle Künstler und seine „Wilde Bühne“.

Herr Scheibe, eigentlich müssten bei Ihnen in der ersten Reihe Gamaschen-Colombo und Osgood Fielding III Champagner-schlürfend sitzen und Marilyn Monroe singt Poo-poo-beee-dooo. Wäre das Ihr Traum-Publikum oder ist das zu nostalgisch?
Ich kann mit dieser Swing-Nostalgie-Attitüde nichts anfangen, ich denke nicht, dass man dem Geist der Zeit damit auf die Spur kommt. Es geht nicht darum, irgendwas originalgetreu nachzuspielen, sondern die Musik immer wieder neu zu entdecken. Das muss brennen, jetzt in dem Augenblick, und nicht als Abklatsch von Vergangenem.

Die Revuen der 20er Jahre waren frivol, frech und am Puls der Zeit. Das ist mit den Nazis zur bloßen Unterhaltung verkommen.
Was ist so schlimm an Unterhaltung? Mich interessiert diese deutsche Eigenheit der Trennung zwischen E und U überhaupt nicht. Von den großen Entertainern ist doch keiner flach. Udo Jürgens etwa mutet seinem Publikum auch etwas zu. Die Mischung aus Vertrautem und Irritierendem macht’s.

Ihre „Berlin-Revue“ im Admiralspalast und auch jetzt Ihre „Wilde Bühne“ definieren das Genre neu, auch über die Musik, das Mondäne ist nur ironisches Zitat. Was macht eine moderne Revue aus?
Es ist eine gute Show, wenn etwas echt ist, in dem Moment auf der Bühne entsteht und nicht bloß routiniert abgespult wird, wenn alle miteinander Spaß haben und sich das aufs Publikum überträgt. Das ist hochpolitisch, weil es zeigt, welche Energie entstehen kann, wenn Künstler ihr Bestes zusammenpacken und wach den Moment gestalten.

Bei der „Wilden Bühne“ schreiben Sie mit dem Publikum einen Song nur für den Abend. Sie nehmen dem kreativen Prozess durch die Schnelligkeit mit der Sie komponieren und arrangieren seinen Nimbus. Ist das Absicht?

Ja, diese ausgestellte Schöpfereitelkeit hat mich schon immer abgestoßen. Das habe ich ganz schlimm bei Peymann erlebt, als ich am BE als Theatermusiker gearbeitet hatte. Ich finde das lächerlich. Peymann ist für mich ein Boulevard-Regisseur, der sich erfolgreich als Hochkultur-Künstler tarnt.