Die Agrarökonomin Anna Maria Häring

Mehr Macht für die ökologische Landwirtschaft

Wie kann eine Agrarwende gelingen? Die Agrarökonomin Anna Maria Häring über Prioritäten, Großdemos und die alles entscheidende Rolle des Konsumenten

Frau Häring, wo steht die ökologische Landwirtschaft in Brandenburg im Jahr 2015?
Ihr Anteil ist im Bundesvergleich relativ hoch, allerdings werden vornehmlich Rohstoffe produziert und zur Weiterverarbeitung, zum Schlachten oder Mahlen, in andere Bundesländer gebracht. Die Ver­edelung der Rohstoffe, die weit lukrativer ist als der Anbau, findet in Brandenburg fast nicht statt.

Wieso wird die ökologische Landwirtschaft von der Brandenburger Politik so ignoriert?
Die Zahl der herkömmlich bewirtschafteten Betriebe ist einfach viel größer. Deshalb hat die Politik vor allem die konventionellen Landwirte im Blick. Dabei wäre es wünschenswert, dass Brandenburg mit finanziellen Anreizen mehr Landwirte zum Umstieg auf Bio bewegt oder bereits existierenden ökologischen Betrieben Wachstum ermöglicht. Bio-Landwirtschaft hat die positiveren Effekte, sowohl im Hinblick auf das Tierwohl, als auch die Umwelt.

Anna Maria Häring, Professorin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in EberswaldeFoto: privat
Anna Maria Häring, Professorin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde
Foto: privat

Das mit dem Wachstum könnte schwierig werden, es gibt in Brandenburg ja kaum noch bezahlbare Äcker.
Ja, das ist eine Folge des Handels mit Boden als Investitionsobjekt. Die Preise für Kauf und Pacht sind kaum mehr refinanzierbar. Und vor allem der Nachwuchs tut sich schwer, Flächen zu finden, denn er bringt meist wenig Eigen­kapital mit. Dabei gibt es eine Gruppe, die solche Nachwuchs-Ökobauern gern finanziert: Am Berliner Markt gibt es eine starke Nachfrage nach regionaler Ware. Ernährungsbewusste Menschen sind oft auch bereit, sich stärker einzubringen, in eine Genossenschaft einzutreten, Biobauern mit Crowdfunding zu unterstützen, oder gleich ganze Höfe als Gemeinschaft zu finanzieren. Solche Modelle können dazu beitragen, die finanziellen Möglichkeiten von Neueinsteigern zu erweitern.

Das heißt, die Agrarwende muss nicht von der Politik, sondern kann auch vom Verbraucher ausgehen?
Ja. Mit jedem Einkauf können Sie entscheiden, was sie wollen. Sie wollen Biohöfe in der Region? Dann gehen Sie eben nicht zum Discounter, sondern auf den Wochenmarkt,  zur Biobäuerin Ihres Vertrauens. Das benötigt mehr Zeit, Informationen, Geld, aber letztlich könnten so die Verbraucher den Markt steuern. Und wenn man dafür weniger Fleisch konsumiert, wird auch der Gesamteinkauf nicht teurer.

Die „Wir haben es satt“-Demonstration ist also völlig unnütz, weil die Agrarwende über den Geldbeutel läuft?
Auch mit einer Demo kann man das Umdenken fördern. Indem man sich an die Politik wendet und ihr zeigt, dass ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bevölkerung mit der aktuellen Form der Landwirtschaft nicht einverstanden ist. Anlässlich der Grünen Woche, die parallel zur „Wir haben es satt“-Demonstration stattfindet, sind alle Agrarminister des Bundes in Berlin zu Gast. Deren Aufmerksamkeit kann man erreichen.

Und wie nützlich ist das Brandenburger Volksbegehren gegen Massentierhaltung?
Auch damit könnten die Konsumenten zeigen, dass sie keine Massentierhaltung in Brandenburg wollen. Die Zahl der Unterschriften zeigt: Das Tierwohl gewinnt für viele Menschen an Gewicht.

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