Berliner Künstlerin

Im Hemd der Anderen

Es war im Hebbeltheater in der Stresemannstraße, oben vor einem der Ränge. Dort saß Mehtap Baydu mit nichts bekleidet als einem Kleid aus Pestil, Fladen aus gepresstem Fruchtmus. Zwischen den groben Nähten schimmerte ihre Haut hervor. Wer sich traute, konnte ein Stück der Deli­katesse abreißen und probieren, wie es die Künstlerin vormachte. Das Publikum schaute still und schüchtern, bis die ersten Besucherinnen sich heranwagten und einen Fetzen vom Rockzipfel zupften. Erst da fassten sich die Männer ein Herz. „Es ist nicht einfach, sich von jemand anderem ein Stück zu nehmen“, sagt Baydu. „Das Publikum übernimmt in dem Moment Verantwortung“. Als die Hemmung gefallen war, kosteten die Gäste, bis Baydu nackt vor ­ihnen stand.

F. Anthea Schaap
Mehtap Baydu in ihrem Kreuzberger Atelier. Foto: F. Anthea Schaap

 

Vier Jahre ist das her. In der Zwischenzeit ist Mehtap Baydu, 1972 im ostanatolischen Bingöl geboren, von Kassel nach Kreuzberg gezogen, hat unter anderem in Wien und Istanbul ausgestellt, und nun ist sie überaus präsent in Berlin. Soeben war sie an der Gruppenschau „Das weiche ğ“ im Schwulen Museum beteiligt. ­Aktuell nimmt sie an der Ausstellung „Kuss“ des Bröhan-Museums teil, wie ihre ehemalige Kasseler Professorin Dorothee von Windheim auch. Jetzt kommt eine Schau mit ­Peter Anders in der Charlottenburger Zilberman Gallery dazu, kuratiert von René Block, der auch am HAU-Theater die Performance-Reihe seiner Ausstellung „İskele 2“ verantwortet hatte. Im November folgt für Baydu der „Herbst­salon“ am Gorki-Theater.

Bei Zilberman zeigt sie die Vielfalt ­ihrer Materialien und Medien: Objekte, Fotos, Plastiken, Kleidung und ein „Gast­arbeiter“-Koffer, gebacken aus Brotteig. Von ­ihrem Auftritt im HAU zeugt eine Figu­rine unter Glas, die ein Kleid aus Pestil­fladen trägt. Zwei Figuren aus handgeschöpftem Japanpapier, die die zunächst in Ankara ausgebildete Bildhauerin nach einem Selbstporträt gefertigt hat, stellen Beydu dar, wie sie über sich selbst ­einen Bocksprung macht: oben in Hose, unten im Kleidchen.

Zwangsjacke oder Kokon

Ein Foto schließlich zeigt die Künstlerin in einem Herrenanzug. Ihn ließ sie aus purpur geblümtem Flanell, wie er für Damenkleider verwendet wird, bei einem Herrenschneider fertigen. Der Clou: die ebenso geblümten Herrenschuhe. Baydus androgyne Erscheinung auf dem Foto steht für ein Motto ihres Werks, das sich bei aller Poesie politisch lesen lässt: Ambivalenz und Spannung in diversifizierten Gesellschaften auszuhalten, auch wenn es schwer fällt.

Am deutlichsten wird das in ihrem Beitrag für den „Herbstsalon“ des Gorki. Ein Teil war bereits im Schwulen Museum zu sehen. Baydu hatte Männer aus ihrem Bekanntenkreis fotografiert, vom Koch über den Kioskbesitzer bis zum Kollegen, weil Freunde und Bekannte, wie die Kunsthistorikerin Barbara Heinrich über sie schrieb, „für unseren Platz im Leben“ eine entscheidende Rolle spielten. Für die Fotos erbat sich Baydu getragene Hemden der Herren. Sie riss sie in Streifen und strickte daraus einen Kokon um sich herum, 17 Tage lang, wie sie sagt, in Gedanken immer wieder bei den Gebern. Bis sie ganz darin verschwand: Das Strickobjekt in Blau und Weiß war Schutzhülle und Zwangs­jacke zugleich geworden. Das Andere als Eigenes zu tragen wie zu ertragen und das Eigene im Anderen zu erkennen, das ist ein Kunststück. Dafür hat Mehtep Baydu eine berückend drückende Meta­pher gefunden.

9.9.–11.1.: Zilberman Gallery, Goethestr. 82, Charlottenburg, Di–Sa 11–19 Uhr und bis 3.10. im Bröhan-Museum, Charlottenburg, Schloßstr. 1a

 

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