Mein Grundeinkommen

Idee einer neuen Welt

Was würde passieren, wenn jeder Bürger jeden Monat 1.000 Euro auf die Hand bekäme? Michael Bohmeyer muss es wissen. Er hat bereits 100 Menschen mit einem Grundeinkommen versorgt

Herr Bohmeyer, Sie haben gerade das 100. Grundeinkommen ausgelost. Was stellen die Sieger mit dem Geld an?
Man kann bei uns angeben, was man mit einem Grundeinkommen tun würde, und einer der häufigsten Punkte ist: Mehr regional und fair und bio einkaufen. Von den 100 Gewinnern haben nur drei ihren Job gekündigt. Aber ihre Haltung ändert sich. Alle berichten, dass sie ruhiger schlafen, weniger Stress haben und trotzdem genauso viel Arbeit schaffen, oder sogar noch mehr, oder sich neben der Arbeit noch weiterbilden. Dadurch, dass die Existenzsorgen kleiner sind. Es geht nicht um die Anzahl der Stunden, die man arbeitet, sondern die Erwartungen und der Leistungsdruck sind es, die einen stressen. Die Gewinner entwickeln eine neue Kraft. Ich hätte so einen großen Effekt nicht erwartet. Sie sind viel selbstbewusster, sie handeln viel eigenverantwortlicher. Eine Gewinnerin hat mir berichtet: Seitdem Geld nicht mehr so knapp ist, ist es auch nicht mehr so wichtig. Sie gibt lustigerweise weniger aus.

Ihr Grundeinkommen geht nur für ein Jahr, natürlich behalten die Leute da ihre Jobs. Wenn es lebenslang wäre, würden sie fauler?
Ich würde mir nicht anmaßen, darauf eine Antwort zu haben. Wir müssen es halt ausprobieren. Die viel spannendere Frage ist, was passiert mit der Gemeinschaft, wenn nicht nur ich als Einzelner ein Grundeinkommen kriege, sondern alle um mich herum auch. Wenn sie bei der Arbeit im Callcenter oder anderswo nicht mehr wären, weil sie da sein müssten. Wären die da eigentlich noch?

Ich kenne einen ihrer Gewinner. Er arbeitet nebenher schwarz und gibt das Extrageld für Koks und Nutten aus.
Wie spannend! Die Geschichte kannte ich noch gar nicht. Soll er doch machen! Anderen Menschen Grundeinkommen zu gönnen bedeutet auch, die moralische Kontrolle über sie loszulassen. Klar, das ist verdammt schwer – und der Hauptgrund, warum wir noch kein Grundeinkommen haben. Mit Grundeinkommen wird es Laster, umstrittene Sitten und Kriminalität geben – genau wie heute. Und dagegen wird es auch weiterhin Gesetze geben. Denn wie Rousseau so schön sagte: Freiheit bedeutet nicht, dass man tun kann, was man will, sondern, dass man nicht tun muss, was man nicht will. „Koks und Nutten“ sind ja auch nur eine Strategie Ihres Bekannten, um sich irgendwelche Bedürfnisse zu erfüllen. Es wäre doch spannend zu erfahren, ob diese Bedürfnisse sich langfristig auch anders befriedigen lassen.

Foto: Me Chuthai
Foto: Das Team von Mein Grundeinkommen

Wer bei ihnen gewinnt, erhält ein Jahr lang 1.000 Euro. Als Arbeitsloser bekommt man jetzt schon fast genausoviel vom Amt.
Ja, aber es geht nicht ums Geld, sondern um die Bedingungslosigkeit. Die setzt ganz schön unter Druck. Aus dem Vertrauen, das einem die anonymen Spender entgegenbringen, erwächst eine neue Eigenverantwortung. Bei den meisten Leuten entwickelt sich daraus eine neue Lust am Tun. Viele sagen uns auch, dass sie sozialer geworden sind. Sie sind nicht mehr so engstirnig auf sich fokussiert, sondern können den Blick schweifen lassen auf andere. Durch die bedingungslose Absicherung von allen hätten wir ein besseres Miteinander. Wir müssten unsere Abhängigkeit von den Anderen zugeben. Wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft und ich könnte keinen Tag ohne die anderen überleben, und trotzdem rede ich mir die ganze Zeit ein, dass mein Leben meine eigene Leistung ist.

Mit 1.000 Euro im Monat könnte man sich keine Wohnung im Berliner S-Bahnring mehr leisten.
Das können ja viele schon heute nicht mehr. Das Grundeinkommen ist nicht die Lösung für alle Probleme. Aber es ist vielleicht so, dass die Leute, die sich auf dem Wohnungsmarkt politisch betätigen, vielleicht mehr Zeit dafür hätten. Und es dann auch viel stärkere Kämpfe gäbe. Die Welt würde politischer.

Michael Bohmeyer
hat in seinem Leben einige Internet-Startups gegründet, eines davon läuft so gut, dass er als Geschäftsführer aussteigen konnte, aber trotzdem noch eine Gewinnbeteiligung erhält. Ein Grundeinkommen sozusagen. Für ihn die Motivation, auch anderen Menschen ein solches anzubieten

Sie leben selbst von einer Art Grundeinkommen.
Ich habe mein ganzes Leben Internet-Start­ups gemacht und eines davon hat ganz gut funktioniert. Ende 2013 bin ich da als Geschäftsführer ausgestiegen, bin aber noch Mitinhaber. Und ich kriege seitdem eine Gewinnausschüttung, zufälligerweise ziemlich genau 1.000 Euro im Monat. Auf einmal war ich voll in der Ruhe, habe eine bessere Beziehung mit meinem Kind geführt, hatte ganz neue Ideen und ein ganz neues Weltinteresse. Und gesünder gelebt habe ich auch noch. Da habe ich gedacht, das würde ich gerne mal ausprobieren, ob bei anderen Menschen so ein Grundeinkommen genauso wirkt. So ist die Idee entstanden, das für andere zu crowdfunden. Mittlerweile arbeiten 20 weitere Personen Vollzeit für das Grundeinkommen-Projekt.

Warum halten Sie das klassische Sozialsystem nicht für ausreichend?
Die Automatisierung schreitet immer weiter voran, es gibt immer weniger Jobs. Nur als Beispiel: Das selbstfahrende Auto wird kommen. Und in Deutschland sind 800.000 Menschen hauptberuflich damit beschäftigt, ein Automobil zu steuern. Was wird aus denen? Die wird man nicht in der Kreativbranche unterbringen.

1.000 Euro monatlich für jeden. Wie wollen sie das finanzieren?
Für alle Bundesbürger würde das eine Billion kosten und das ist das doppelte Sozialbudget. Das ist aber auch eine Rechnung, die man so nicht anstellen kann. Ein typisches Modell ist, dass jeder 1.000 Euro ausbezahlt bekommt, aber das Einkommen, das darüber liegt, auch mit 50 Prozent versteuert wird.

50 Prozent Steuern. Das Grundeinkommen hat vermutlich vor allem Arbeitslose als Freunde.
Wenn wir neu geboren würden, und nicht wüssten, wo in der Gesellschaft wir landen, würden wir uns alle für ein Grundeinkommen entscheiden.

Und wer geht dann noch freiwillig arbeiten?
Die Menschen gehen ja nicht nur arbeiten, weil sie müssen, sondern weil sie darin auch Sinn sehen und soziale Kontakte finden. Es würden ja nicht alle Leute, nur weil sie 1.000 Euro im Monat bekommen, plötzlich alle Verantwortung abgeben. Es sind ja auch nur 1.000 Euro. Wenn es mehr wäre, könnte ich mir auch vorstellen, dass weniger gearbeitet wird. Aber vielen Menschen reichen halt 1.000 Euro nicht. Sie wollen mehr und das ist auch total okay.

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