Was mich beschäftigt:

Mein Recht aufs Parken

Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl habe ich grün gewählt. Eigentlich habe ich mein ganzes Leben die Grünen gewählt, bis auf einmal, aber das ist eine andere Geschichte. In Kreuzberg aufgewachsen, Migrationshintergrund, liberales Elternhaus und eine Sozialisierung zwischen Punk- und Hippieidealen, was blieb mir auch übrig?

Ich mag sogar Monika Herrmann, die grüne Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Auf Sommerfesten kann man mit ihr wirklich gut scherzen. Klar, wie vielen anderen auch, gingen mir die Grünen mit ihrer moralinsauren Dogmatik gelegentlich auf die Nerven und Claudia Roth geht natürlich gar nicht, aber alles in allem passte schon alles. Bis ich vor kurzem in der Zeitung las, dass sich der gerade konstituierende rot-rot-grüne Senat bei den Bezirken für eine Parkraum­bewirtschaftung innerhalb des gesamten S-Bahn-Rings einsetzt.

Überall in der Innenstadt müsste man dann fürs Parken bezahlen. Und plötzlich setzten die Alarmglocken ein, eine unheimliche Stimme in meinem Kopf dröhnte: Die haben sie ja wohl nicht alle! Das hab ich nicht gewählt! Das wollte ich nicht! Es war die Stimme eines wütenden Mannes mittleren Alters, dem man ein Grundrecht nehmen will. Das Grundrecht, mit seinem Gefährt durch die Stadt zu gondeln und zu parken, wo er will, ohne ständig zur Kasse gebeten zu werden. Die Stimme ist wütend, sie ist konservativ, ignorant und rechthaberisch, und sie ist da. Wie ein Dorn schneidet sie sich in den Verstand, setzt sich fest und breitet sich tentakelartig aus.

Was kommt dann? Erst parken und dann… Daran mag ich gar nicht denken, es ist unheimlich. Ist das jetzt „alt werden“? Was hier passiert, ist politische Bigotterie, das ist mir schuldvoll bewusst. Grün steht doch prinzipiell für fair und ökologisch, das Beharren auf „freie Fahrt für freie Bürger“ ist eher CDU-nahe ADAC-Denke. Da wollte ich doch gar nicht hin, mental meine ich. Bin aber voll drin. So viel ­Reflexion ist noch da. Mir ist der gesamte Komplex aus Umweltverschmutzung, Stau, Lärm und anderen bösen Aspekten des Autofahrens durchaus bewusst. Dreiviertel meiner Wege in der Stadt lege ich auch mit dem Fahrrad zurück, dann steht das Auto, ein japanischer Kleinwagen übrigens, brav in der Parkzone.

 In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Jacek SlaskiFoto: Harry Schnittger
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY­Autoren große und kleine Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

Aber ich will parken können, ich will nicht überall dafür bezahlen müssen, es gibt jetzt schon genügend Parkzonen. Ich will, wenn es hagelt oder schneit, zur Arbeit mit dem Auto kommen. Ich will, ich will, ich will! Aus der Stimme des zornigen, mittelalten Mannes wird die Stimme eines störrischen Kleinkindes, dem man sein Lieblingsspielzeug genommen hat. Das ist alles egoistisch und irrational, geht aber auch mit dem Gefühl einher oder eher dem Wunsch, nicht in einer total reglementierten Stadt leben zu wollen. Einer Stadt, in der man nirgendwo parken, rauchen, trinken und irgendwann auch nicht mehr wohnen kann.

Weil alles teurer, geregelter und kontrollierter wird. Denn Parkraumbewirtschaftung ist auch ein Schritt in Richtung totaler Kontrolle. Überall ist dann das Ordnungsamt, das nach dem Rechten sieht. Eine Stadt aber braucht Nischen und Grauzonen, sie braucht Brachen und Dächer, auf die man klettern kann. Wen soll ich denn in Zukunft wählen? Alternativen gibt es wenige bis keine, aus politischen und aus ästhetischen Gründen. Es ist ein Teufelskreis.

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