Was mich beschäftigt:

Mein Sohn ist dünn

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY–Autoren große und kleine -Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Jacek Slaski

Mein Sohn ist dünn, ziemlich dünn, ein Strich in der Landschaft, wie man so sagt. Er isst nicht sehr gerne und wenn, dann wenig. Warum das so ist, bleibt ein Rätsel, er findet Essen scheinbar nicht besonders spannend, nicht mal Süßkram. Der Arzt sagt, es ist alles in Ordnung, also machen wir uns keine großen Sorgen, ansonsten ist er ja ein recht normales Kind. Was soll man auch tun? Zwangsernährung ist in unseren Zeiten als Erziehungsmethode wenig anerkannt.

Jacek SlaskiFoto: Harry Schnittger
Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

Doch diese Tatsache, dass er nun einmal dünn ist, gilt scheinbar in der Öffentlichkeit als Provokation oder ist zumindest dermaßen besorgniserregend, dass er von wildfremden Menschen damit gerne und oft konfrontiert wird. Du bist ja dünn, dich weht der Wind um, geben dir deine Eltern nichts zu essen? – hört er immerzu. Was soll ein sechsjähriger Junge einer matronenhaften Tankstellenmitarbeiterin, Bäckersfrau oder x-beliebigen Passantin, es sind fast immer besorgte Frauen, darauf denn antworten? Verbale Schlagkräftigkeit ist eine Fähigkeit, die sich meist erst mit dem Alter entwickelt. Da ich kein Kinderpsychologe bin, weiß ich nicht, was solche Urteile fremder Menschen mit seinem Innenleben anstellen. Ausgesprochen positiv dürften sie sich aber nicht auswirken.

Der Amerikaner hat für solches Verhalten einen Begriff: Body Shaming. Nun ist es allgemein anerkannt, dass man besonders dicken oder besonders hässlichen Menschen nicht einfach Beleidigungen hinterher ruft, bloß weil man sich von deren Fettleibigkeit oder Unansehnlichkeit beleidigt fühlt, wer dies tut ist ein Lump. Auch das verwandte Cat Calling, also die verbale Belästigung von Frauen, gilt als primitivste Form des zwischengeschlechtlichen Miteinanders. Schnell wird man zum sexistischen Machoschwein abgestempelt. Zu Recht, zu Recht!

Kinder, die per se schützenswertesten Mitglieder unserer Gesellschaft, genießen auf diesem Gebiet aber offensichtlich weniger Schutz. Was treibt eine fremde Person, das Kind verbal zu beschämen? Ist es wirklich nur mütterliche Fürsorge, oder wird instinktiv die Wehrtauglichkeit des Jungen überprüft, als müsste jeder Schulanfänger potentiell bereit für die Front oder zumindest die Fußballnationalmannschaft sein? Diese Verhaltensmuster und impulsiven Verurteilungen ließen sich prima mit tiefenpsychologischen Erklärungsmustern deuten, aber es würde auch schon reichen, wenn jede(r) einfach seine Meinung für sich behalten würde.

Es ist ja auch nicht schön, morgens ins Büro zu kommen, und von den lieben Kollegen zu erfahren, man sähe ja heute ganz besonders fertig aus. Denn was hilft einem schon diese Feststellung? Entweder man ist echt fertig mit der Welt, dann gräbt einen der kollegiale Zuspruch nur noch tiefer ins Elend, oder aber man fühlte sich eigentlich ganz okay, fragt sich aber nach dem morgendlichen Urteil notgedrungen, ob vielleicht doch etwas nicht stimmen würde und ob die Anzeichen des körperlichen Verfalls sich über Nacht irgendwie vermehrt hätten. Stimmung latent im Eimer, so oder so.

Das nächste Mal, wenn mein Sohn ungefragterweise mit seinem Dünnsein konfrontiert wird, bin ich vorbereitet, dann sage ich: „Wir können uns Essen leider nicht leisten“, oder „Passen sie auf, dünne, blasse Jungs regieren von Silicon Valley aus die Welt, man sollte ihnen nicht blöd kommen, denn sie könnten später mal nachtragend sein“.

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