Dokumentarfilm

Mein wunderbares West-Berlin

Schwules Leben in der Mauerstadt

Damals, in den Siebzigern, hatten die Homoaktivisten in West-Berlin eine Hochburg. Über das schwule Leben dort hat Jochen Hick jetzt einen abendfüllenden Dokumentarfilm gemacht, das Pendant zu seinem Werk „Out in Ost-Berlin – Lesben und Schwule in der DDR“ (2013).

Wie so viele war Hick, Jahrgang 1960, durch eine Klassenfahrt zum ersten Mal in die Mauerstadt gekommen. Die bot Freiräume im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne: Nachdem die Wiedervereinigung mit dem Mauerbau auf St. Nimmerlein vertagt schien, hatte sie eine neue Identität und Aufgabe gefunden als eine Art Abenteuerspielplatz der BRD, für Ausgestoßene und Ausgestiegene verschiedenster Sorte.

Mein wunderbares West-Berli
Mein wunderbares West-Berlin
Foto: Peter Hedenstroem

So eben auch für Schwule. Hick widmet jeder Mauerdekade ziemlich genau ein Drittel seines Films: dem relativ verborgenen Leben in den Sechzigern, dem euphorischen Aufbruch in den Siebzigern, den von Aids geprägten Achtzigern. Er reflektiert nicht besonders viel, sondern beschreibt eher, was war, und das in der heute für Dokumentationen üblichen Art: viele Schnitte, viele Schnipsel, viele, auch rare, historische Aufnahmen, viele Zeitzeugen. Langeweile kommt nicht auf.

Hicks Suche nach den Wurzeln des heutigen „queeren“ Berlin ist ein ebenso wichtiges wie spannendes Stück Geschichtsschreibung. Was dabei auffällig fehlt, ist der „stinknormale“ Schwule: Die Zeitzeugen – fast alles Zugezogene, viele im Rentenalter – stammen nahezu ausschließlich aus der Sphäre der Künstler und Aktivisten.

D 2017, 95 Min., R: Jochen Hick

Mein wunderbares Westberlin

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