Syrien

»Meine Fußsohlen bluteten«

Foto: Srdjan Randjelovic / stock.adobe.com

Mitte Februar wurde Anwar R., Leiter der Ermittlungsabteilung des syrischen Geheimdienstes, in Berlin verhaftet. Er soll mindestens 200 Menschen gefoltert, und zwei davon ermordet haben. Unser Autor, ebenfalls inzwischen in Berlin wohnhaft, war eines seiner Opfer. Plötzlich saßen beide im selben Flüchtlingsheim

Anwar R. begegnete mir zum ersten Mal vor 15 Jahren, als ich aufgrund regimekritischer Publikationen von der syrischen Staatssicherheit in Damaskus verhaftet wurde. An sein Gesicht kann ich mich nicht gut erinnern, da ich, wie alle Gefangenen, bei den Verhören eine Augenbinde umgelegt bekam. Aber seine heisere Stimme werde ich nie vergessen. 

Er war es, der seine Knechte hieß, mich zu schlagen, während er mich verhörte. Ich wurde ins Gesicht und auf den Körper geboxt und in den Magen getreten. Nur, weil ich mich nicht bereit erklären wollte, seine Anschuldigungen meiner vermeintlichen Verbrechen gegen das Regime zu akzeptieren. Er war es, der mir drohte, mich immer wieder in den Folterkeller zu bringen, obwohl meine Fußsohlen von den ganzen Stockschlägen noch bluteten. 

2012 hörte ich, dass R. sich vom Regime abgesetzt hatte. Damals verabschiedeten sich nicht wenige Getreue von Assad. Manche wollten das sinkende Schiff des Systems verlassen, andere waren nicht länger bereit, die Gewaltexzesse in den Kellern des Geheimdienstes weiter mitzutragen. Was R. dazu bewogen hatte, abtrünnig zu werden, weiß ich nicht.

Als ich durch die Hilfe einer in Berlin lebenden Freundin und ehemaligen Nahost-Journalistin und durch das tolle Engagement von Reporter ohne Grenzen nach Berlin kam, musste ich mit meiner Familie zunächst einige Wochen im Übergangslager Marienfelde leben. Bereits in den ersten Tagen kam mir zu Ohren, dass mein einstiger Folterknecht ebenfalls dort untergebracht war. Ich traf ihn zum Glück nicht persönlich, denn ich wäre nicht sicher gewesen, wie ich auf ihn reagiert hätte. Er hätte mein Gesicht sicher nicht wiedererkannt, nicht nur, weil seitdem 15 Jahre vergangen sind, sondern auch, weil er das, was er mir antat, auch Tausenden weiterer Gefangener antat.

R. war kein normaler Offizier, er war der Kopf einer besonders mächtigen und verrufenen Abteilung des Geheimdienstes, der sehr viele weitere Folterknechte befehligte. Er war Vorsteher von zwei Gefängnissen und hatte große Macht – nicht nur über die Gefangenen, sondern auch über seine Untergebenen. Das führte dazu, dass seine Mitarbeiter aufs Wort gehorchten und niemals auch nur einen Funken Mitleid oder ein Quentchen Gnade gegenüber ihren Opfer zeigen durften. 

Doch trotzdem muss ich leider sagen, dass die damalige Zeit, in der ich aufgrund einiger unliebsamer Artikel verhaftet wurde – obwohl es eine harte Zeit war – nichts im Vergleich zu heute ist. 

Seit dem Beginn der Revolution 2011 ist die systematische und professionelle Folterung und Ermordung zehntausender Unliebsamer, weil kritischer Bürger, geradezu eskaliert. Diese Foltermethoden sind brutaler als alles, was man sich als normaler Mensch ausdenken kann. Die furchterregenden Umstände in den Gefängnissen verschlimmern die gesamte Situation. Menschen darben in überfüllten Zellen, in denen kaum jemand Platz zum Sitzen hat. 

Als 2013 der junge Kameramann, der der Welt unter dem Decknamen „Cesar“ bekannt wurde, dissidierte und tausende Fotos von Folteropfern veröffentlichte, die er über den Zeitraum von zwei Jahren fotografiert hatte, wurde das Ausmaß der Brutalität international bekannt. Seine Bilder zeigen zerschmetterte Augenhöhlen, zu Tode geprügelte Körper, Hunderte verunstaltete Leichen in einer Garage, in Plastiksäcke gesteckt.

Die Verhaftung von R., der in Deutschland Asyl gefunden hatte, wird intensiv in der syrischen Community diskutiert: Einige begrüßen R.s Verhaftung in Hoffnung auf Gerechtigkeit, andere sagen, dass er ein verhältnismäßig kleiner Fisch im gesamten Meer der Brutalität gewesen sei, der nur die Befehle seiner Oberen auszuführen hatte – Obere, die immer noch frei herumlaufen. Und Regimetreue verbreiten, dass sie seine Verhaftung begrüßen, denn sie zeige, dass nur ein Regimeangehöriger, der der Sache treu bleibt, in Sicherheit leben kann.

Seine Verhaftung hat die alten Gedanken wieder in mir hochgebracht: Was wäre passiert, wenn ich ihn im Wohnheim in Marienfelde tatsächlich von Angesicht zu Angesicht getroffen hätte? Hätte ich ihn attackiert, weil er es doch war, der meine zweimonatige Folter angeordnet hatte – bevor ich dann für zwei Jahre in ein anderes Gefängnis kam?

Oder hätte ich es, endlich im friedlichen Berlin angekommen, geschafft, ihm zu verzeihen? 

Text: Yahya Aldous, Übersetzung: Jasna Zajcek