FREILUFTTHEATER

Melancholisch schön

Das Wandertheater Ton und Kirschen zeigt „Shakespeares Sonette“ in der ufaFabrik. Warum das surreale Spiel ein sonnenwarmes Lächeln erzaubert

Text: Friedhelm Teicke

Mit viel Musik werden Shakespeare Sonette inszeniert- Foto: Jean-Pierre Estournet
Mit viel Musik werden Shakespeares Sonette inszeniert- Foto: Jean-Pierre Estournet

Seit fast 25 Jahren gibt das Brandenburger Wandertheater Ton und Kirschen eine Ahnung davon, wie William Shakespeare als Junge in der kleinen Provinzstadt Stratford-upon-Avon des 16. Jahrhunderts vermutlich das Theater kennengelernt hat: Nämlich durch Wandertruppen, die durch Mittelengland zogen und die Innenhöfe von Pubs und Gutshäusern mit deftigen Moralitäten bespielten, allegorischen Stücken um Laster und Tugend. Feste Theaterbauten gab es außerhalb Londons noch nicht. Shakespeare soll sich als junger Schauspieler zunächst einer dieser Truppen angeschlossen haben, bevor er nach London kam und Hausdichter des Globe Theatre wurde.

Durchaus passend also, dass die Ton-und-Kirschen-Wandertruppe zum 400. Todestag des Dramatikers nun Shakespeare inszeniert. Aber keines seiner dramatischen Werke. Die Freie Gruppe aus Glindow bei Werder im Havelland nimmt sich „Shakespeares Sonette“ vor, 154 Vierzehnzeiler, die es in sich haben: Liebe, Leidenschaft, Hass, die ganze Gefühlspalette; es geht um Vergänglichkeit, Schönheit, Leid und Verlangen – und um Tabuthemen wie Ehebruch, homoerotische Beziehungen und Promiskuität. Denn die Gedichte richten sich nicht nur an eine sinnenfreudige „Dark Lady“ sondern gleichermaßen auch an einen jungen Mann.

Niemand weiß, ob Shakespeare schwul war oder bisexuell, wie man ja überhaupt wenig über ihn weiß. ­Allerdings wurde im damals gerade beginnenden bürgerlichen Zeitalter, wie der große Theatermann Ivan Nagel schrieb, „die romantische (heterosexuelle) Liebe erfunden und der Homosexuelle plötzlich zum Krankheitsfall gestempelt, dessen Lebens- und Liebesform seit der Antike ohne Anstoß war.“ Shakespeares Sonette sind also heißer Stoff.

Der US-amerikanische Regisseur Robert Wilson hat vor ein paar Jahren 25 der Sonette als nett dekoratives Bildertheater am Berliner Ensemble inszeniert und dabei zwar die Eleganz gespiegelt aber nicht die irritierende Wirkung der Gedichte über Ängste, heimliche Wünsche und existenzielle Fragen. Als Wandertruppe kann und will Ton und Kirschen die aufwändige Perfektion eines Wilson-Theaters gar nicht bedienen. Ihre Bühne muss tourfähig sein und in ­allen Räumen funktionieren.

Das bedeutet natürlich nicht, dass hier mit weniger Leidenschaft und Phantasie eine Welt kreiert wurde, in der die Figuren für diesen Abend leben. Aus Stangen, Seilen, Tüchern, Brettern und eigenartigen Objekten (auch ein Aquarium taucht auf) schafft die Truppe ein ideenreich wandelfähiges Szenario, das die ausgewählten Sonette bildhaft ausmalt, ohne die wuchtige Poesie zu untergraben.

Raum geben. Das gilt ja auch für Beziehungen. Da läuft plötzlich wundersam ein Paar Stiefel quer über die Bühne, ohne dass jemand in ihm steckt. Wehmütig blickt ein Grüppchen Männer ihnen nach und singt dabei von Abschied und Loslassen: „… du warst mein, solang es dir gefiel.“ Wie ein Gegenbild dann die Frau (Polina Borissova), die das 62. Sonett rezitiert und dabei inmitten von wie Dschungelgestrüpp herunterhängenden Seilen steht, gefangen in der Selbstliebe: „Kein Antlitz, das mich so wie meins betört, …“

Es gibt viele solcher surreal- traumhaften Bilder, die dem Klang und der Schönheit der Sprache nachspüren, aber auch viel Melancholie mit sich führen. Denn auch vom Leben in nie bewältigter Einsamkeit erzählen die Sonette.

Das Inszenierung malt die ausgewählten Sonette bildhaft aus, ohne die wuchtige Poesie zu untergraben – Foto: Jean-Pierre Estournet
Das Inszenierung malt die ausgewählten Sonette bildhaft aus, ohne die wuchtige Poesie zu untergraben – Foto: Jean-Pierre Estournet

Die Wandertruppe sieht in ihnen ein sehr persönliches Tagebuch Shakespeares, das womöglich etwas über den Mystery Man aus Stratford verrät und seit über 400 Jahren zeitlos aktuell ist: „Es geht vor allem um die Liebe“, sagt Margarete Biereye, die gemeinsam mit dem Briten David ­Johnston das Wandertheater 1992 gegründet hat und seitdem leitet. Kreiert haben beide „Shakespeares Sonette“ zusammen mit ihrem international besetzten Ensemble, in dem Schauspieler aus Russland, Kolumbien, Wales, England und Deutschland arbeiten. Nicht nur deshalb sind einige Sonette im englischen Original zu hören.

In seinem stilprägenden Genre-Mix aus Sprech- und Musiktheater, Masken- und Puppenspiel legt das Wandertheater diesmal den Fokus besonders auf Klang und Musik. Von Country, Flamenco und Blues bis zu Swing und Fado reicht das Spektrum der vom Ensemble live gespielten Musik. Das gibt den traurig-schwermütigen Gedichten mitunter ein heiteres Gegenüber, fügt der differenzierten Dichtung und dem surrealen Spiel ein leichtes sonnenwarmes ­Lächeln hinzu. Melancholisch schön.

17. – 19.8., , 20 Uhr, Pfingstberg, Große Weinmeisterstr. 45a, Potsdam. Eintritt 20, erm. 16 €
24. – 27.8., 20 Uhr, ufaFabrik, Viktoriastr. 10–18, Tempelhof. Mit Margarete Biereye, Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, David Johnston, Steve Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss. Eintritt 19, erm. 16 €