»Mal bin ich 30, mal drei Jahre alt«

Melanie Straub über die Uraufführung von „Kirschgarten – Die Rückkehr“

Sie ist körperlich zart und zierlich – auf der Bühne aber pure Energie: Melanie Straubs kraftvolles Spiel macht die Darstellerin zum Zentrum jeder Aufführung. Jetzt spielt sie am Potsdamer Hans Otto Theater die Hauptrolle in der Uraufführung der Tschechow-Adaption „Kirschgarten – Die Rückkehr“

Text: Tobias Schwartz

Wenn Melanie Straub die Bühne betritt, ist das ein Ereignis. Die zierliche Erscheinung mit den langen rotblonden Haaren verströmt eine erstaunliche Energie. Als „zartes Kraftwesen“ und „Zweifelzerspielerin“ lobte die Kritik die Schauspielerin und ihre ungeheure Spannung. So bewegt sie sich etwa in „Wellen“ nach dem Roman Eduard von Keyserlings in der Rolle der mysteriösen Schönheit Doralice leicht wie eine Feder über die Bühne – fast scheint sie zu schweben –, um im gleichen Moment ihre Umgebung wie eine Urgewalt in ihren Bann zu ziehen. Ihre männlichen Mitspieler heben sie in die Höhe, als könnten sie ihre gewichtige Leichtigkeit nicht anders fassen.

Auch in der Rolle der geistig verwirrten, abgehobenen und der Wirklichkeit seltsam entrückten Blanche Dubois in Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ zeigt Melanie Straub deutlich: sie ist für die Bühne geboren. Jetzt spielt das aus Waiblingen bei Stuttgart stammende Ensemblemitglied des Potsdamer Hans Otto Theaters die Hauptrolle in „Kirschgarten – die Rückkehr“, John von Düffels Remake des berühmten Tschechow-Klassikers in der Inszenierung des Intendanten Tobias Wellemeyer.

Die Premiere steht kurz bevor, die Aufregung ist ihr anzumerken, als wir uns in einem Café in der Nähe ihres Theaters treffen. „Es ist eine große Herausforderung“, sagt Straub. Sie ist sich der gewaltigen Tradition ihrer Rolle – oder des Vorbilds ebendieser – bewusst und zieht Tschechows Original heran, um sie sich zu erarbeiten.

Die zentrale Figur Anja, die ihrer Urahnin, der Gutsbesitzerin Ranjewskaja  im „Kirschgarten“ nachempfunden ist, kommt in von Düffels Fassung aus Amerika nach Russ­land, um den verlorenen Kirschgarten ihrer Fami­lie zurückzukaufen. „Anja ist ganz Geschäftsfrau. Eine, die sich auskennt“, sagt die Schauspielerin und bekennt, dass sie mit Geld und Banken privat überhaupt nichts am Hut habe.

Mit Management schon, schließlich muss sie als Mutter zweier Kinder und Frau ihres Ensemblekollegen Wolfgang Vogler gut organisiert sein, „von morgens bis abends und in der Nacht“. Ohne Logistik geht es für das Schauspielerpaar nicht, um die Familie mit den sehr eigenen Zeittakten des Theaters zu vereinbaren. Selten kann sie deshalb auch mal Ausflüge in Film und Fernsehen unternehmen, vergangenes Jahr spielte sie im ZDF-Film „Willkommen auf dem Land“ ­Senta Bergers alleinerziehende Tochter.

»Theater bedeutet, immer wieder ins Wasser zu springen, ohne die Temperatur zu kennen«

Schon als Kind träumte Melanie Straub von der Schauspielerei. Nur hatte es immer ein Hindernis gegeben: ihre Schüchternheit. „Ich habe früher nicht gesprochen, ich habe mich einfach nicht getraut.“ Bei der Theatergruppe ihrer Schule machte sie aus reiner Scheu nicht mit, stand aber immer in der Tür und ­schaute sehnsüchtig zu: „Ich wollte immer mitspielen!“

So machte sie Pantomime, da muss man ja nicht reden, und nach der Schulzeit auf Drängen ihrer Eltern zunächst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Ein Jahr lang übte sie den Beruf in einer psychiatrischen Einrichtung aus, doch der Wunsch, Schauspielerin zu werden, blieb präsent.

Sie leitete eine Theatergruppe mit Suchtkranken und studierte heimlich in der Turnhalle der Psychiatrie eigene Rollen ein. „Das ist wie ein Feuer“, sagt sie, „es brennt in einem.“ Doch die Flammen der stillen Leidenschaft mischten sich mit einer Traurigkeit, wegen ihrer Schüchternheit wohl niemals ihren Traumberuf ausüben zu können.

Die Wende kam, als sie während einer Pantomime doch mal ein Wort sprechen musste und plötzlich merkte: Es geht ja. Straub sprach an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin vor, ­wurde sofort genommen und begann im Jahre 2000 ihr Studium.

„Die Schauspielschule war schön und schlimm“, sagt sie. „Ich bin aber froh, das Handwerk gelernt zu haben, das Emotionale fällt mir nicht so schwer.“ Wichtig sei auch die Sprecherziehung gewesen, da sie ein bisschen geschwäbelt habe. 2004 holte sie dann Tobias Wellemeyer in sein Ensemble nach Magdeburg, wo sie unter anderem mit Regie-Stars wie Andreas Kriegenburg oder Sebastian Hartmann arbeitete. Fünf Jahre später nahm Wellemeyer sie mit nach Potsdam.

Und 2010 erhielt Straub mit dem renommierten Otto-Kasten-Förderpreis eine mit 5.000 Euro versüßte offizielle Bestätigung, dass sie den für sie richtigen Beruf gewählt hatte. Straub verstehe es, so heißt es in der Begründung, „ihre Figuren mit großer Bühnenpräsenz und zarter Anmut zum Leben zu erwecken“.

„Theater bedeutet, immer wieder ins Wasser zu springen, ohne die Temperatur zu kennen. Und man springt trotzdem“, sagt sie. „Der schönste Moment auf der Bühne ist, wenn ich ganz bei mir und mit jeder Faser da bin, keine Angst mehr spüre und dann eigentlich alles passieren kann.“ Gerne würde sie einmal Ibsens Hedda Gabler oder die Kassandra spielen, vielleicht in der Variante von Christa Wolf.

Eine ihrer Lieblingsrollen ist die der Doralice in Barbara Bürks „Wellen“-Inszenierung, die sie als „fili­grane Projektionsfläche geballter Begierden, feinnervig, sensibel“ gestaltet, wie das Fachportal „nachtkritik.de“ lobt.

Schauplatz der Geschichte ist die Ostsee, Straub könnte sich vorstellen, einmal selbst am Meer zu leben. Schon als Kind fuhr sie am liebsten im Urlaub an die Nordsee und diese Tradition setzt sie mit ihrer Familie heute weiterhin fort. In Potsdam ist die Ausnahmeschauspielerin längst ein Star, wird von Theatergängern auf der Straße angesprochen. Sie freut sich, wenn sie so Feedback jenseits des Schlussapplauses bekommt. Ihr genaues Alter verrät Melanie Straub allerdings nicht, aber liefert dafür kurzerhand eine eigene Einschätzung: „Mal 30, mal drei und manchmal, ehrlich, fühle ich mich wie noch gar nicht geboren …“

„Kirschgarten – die Rückkehr“, 7.2. (Premiere), 15.+16.2., 19.30 Uhr, Hans Otto Theater. Regie: Tobias Wellemeyer; mit Melanie Straub, Bernd Geiling, Elzemarieke de Vos. Eintritt 10-31 Euro