SEX UND MACHT

Penetration neu denken

Das Maxim Gorki Theater eröffnet die neue Spielzeit mit zwei Uraufführungen, die von #MeToo und den Folgedebatten angestoßen worden sind

Zwei Inszenierungen zu #MeToo eröffnen die neue Saison am Gorki: Yael Ronens Inszenierung „Yes but No“ (Foto links) und Suna Gürlers „You are not the Hero of this Story‟ (rechts) – Foto: Esra Rotthoff

Text: Anna Opel

Penetrieren oder penetriert werden – ist das jetzt die Frage? Yael Ronen und Suna Gürler eröffnen die Gorki-Spielzeit mit zwei theatralen Recherchen zu Geschlecht und Macht. Für „Yes but No“ gingen Yael Ronens Ensemblemitglieder vom Intimsten, der eigenen Sexualität aus, um Machtstrukturen neu zu denken. Bei der Zwillingsuraufführung im Studio setzen die junge Regisseurin Suna Gürler und der Autor Lucien Haug unter dem Titel „You are not the Hero of this Story“ den Akzent etwas anders. Sie lassen endlich die Männer zu Wort kommen. Echte Exemplare wurden im Vorfeld gebeten, Männlichkeit zu definieren!

Wir erinnern uns: #MeToo hat im Sommer 2017 in den USA als Aufschrei über rüde Grenzverletzungen im Intimbereich begonnen. Schon damals war klar, dass Sex immer auch Schauplatz von Macht ist.

Irina Szodruch, Ronens langjährige Dramaturgin und Übersetzerin, erzählt im sonnigen Gorki-Garten von den Gesprächen während der Proben zu „Yes but No“. So lange sich Machopräsidenten brüsteten, ungestraft Pussys zu betatschen, seien Macht und Geschlecht allzu vorhersehbar miteinander verknüpft. „Wir müssen Alternativen finden zu diesem Uraltkonzept“, meint Szodruch. „Und da reicht es nicht, Männerkörper durch Frauenkörper zu ersetzen. Wir haben uns gefragt, welche alternativen Modelle von Leadership wir uns wünschen würden.“

Ronen und Ensemble reflektieren nicht erst seit gestern Machtverhältnisse auf der Probe. Kooperation statt Dominanz ist der Anspruch. Bei „Roma-Armee“ hieß das, Macht zu teilen und den Protagonisten die Themensetzung zu überlassen. In der aktuellen Produktion wird Sexualität als Labor behandelt. Als Ausschnitt, der fürs Ganze des Miteinanders steht: Wünsche formulieren, Grenzen verhandeln. Das Private bleibt politisch und „in einer symbolischen Ordnung, in der es als Niederlage gilt, penetriert zu werden, hat die Verteidigung von Außengrenzen symbolischen Charakter“, sagt Szodruch. Wie also könnte sie funktionieren, eine feminisierte Gesellschaft? „Yes but No“ präsentiert in loser Dramaturgie und mit vielen Songs Ideen für alternative Machtstrukturen.

„Wir spielen mit dem Paradox“

Die aus der Schweiz stammende Suna Gürler, Jahrgang 1986, Schauspielerin und Regisseurin, hat mit ihren Inszenierungen „Stören“ und „Papa liebt dich“ schon eine spielerische feministische Hand bewiesen. Mit ihrer neuen Arbeit reagiert sie auf Nachfragen, die sie bei Podiumsdiskussionen zu hören bekam. „Und was ist mit den Männern?“ Ja, was ist mit ihnen? Interessant war, erzählt Gürler, dass bei der Recherche zu „You are not the Hero of this Story“ meist schon die Frage nach Männlichkeit als Angriff aufgefasst wurde. Die privilegierte Position hat offenbar wenig Anlass zur Selbstreflexion. Die sei aber notwendig, wenn man begreifen will, wie sich Rollen gegenseitig bedingen. „Wir spielen mit dem Paradox, dass wir einerseits den Mann zu Wort kommen lassen wollen, ihm andererseits nicht schon wieder zuhören wollen.“ Er hat’s eben auch nicht leicht!

Die Interviews sind auf der Bühne über Lautsprecher zu hören und auf einer zweiten Ebene, geschrieben vom Schweizer Autor Lucien Haug, tritt Adam auf. Der erste Mensch, der Leading Part, der nicht mal merkt, dass er die Show reißen könnte. „Es geht um Reibungen zwischen den privilegierten und weniger privilegierten Positionen.“ Dass das am Gorki beheimatete Exil­ensemble an der Produktion beteiligt ist, ergibt auch aus dieser Warte Sinn.

Begleitend zum Uraufführungswochenende diskutieren der Integrations­experte Kazim Erdoğan und die Amerikanistin Elahe Hashemi Yekani am 9. September mit der „Missy Magazine“-Mitherausgeberin Margarita Tsomou im Gorki über „Bedrohte Männlichkeit?“. 

„Yes but No‟: 7.8, 20 Uhr, 8. + 13.9.,, 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Yael Ronen; mit Riah May Knight, Lindy Larsson, Svenja Liesau, Eintritt 10 bis 38 €

„You are not the Hero of this Story‟: 7.9., 18 Uhr, 8.+13.9., 20.30 Uhr, Studio Я, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte. Regie: Suna Gürler. Mit: Maryam Abu Khaled, Mareike Beykirch, Karim Daoud, Tahera Hashemi, Elena Schmidt, Eintritt 12 €

„Bedrohte Männlichkeit?“, 9.9., 20.30 Uhr, Studio Я, Eintritt 8 €