Das Leben als Bruch

Micatone

Comeback nach fünf Jahren: Sängerin Lisa Bassenge verarbeitet auf dem neuen ­Album ihrer Electro-Jazz-Institution Micatone das Ende einer Freundschaft

„Berlin vollzieht den Wandel für dich“: Lisa Bassenge und Boris Meinhold sind als Micatone eine Berliner Institution
Foto: Dovile Sermokas

„There is a crack in everything/that’s how the light gets in“, sang Leonard Cohen auf einem seiner gewichtigsten Stücke, dem 1992er „Anthem“. Und dieser Crack, dieser Bruch oder Riss ist es, den Micatone im Sinn hatten, als sie ihr fünftes Album aufnahmen. „The Crack“ ist das erste Album in der fast zwanzigjährigen Bandgeschichte, das Multiinstrumentalist und Produzent Boris Meinhold und Sängerin Lisa Bassenge als Duo schrieben.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Micatone-Album vergangen – in Popmusikmaßstäben eine halbe Ewigkeit. Während Bassenge in der Zwischenzeit mit „Wolke 8“ (2013) und „Canyon Songs“ (2015) ihre Solokarriere vorantrieb, widmete sich Meinhold ganz dem Darkpop-Trio Ann & Bones. Und auch „The Crack“ war eigentlich nicht geplant. Ursprünglich sollten nur drei Songs als EP erscheinen. „Aber unser Label sagte, macht doch bitte gleich ein ganzes Album“, erinnert sich Meinhold. „Lisa und ich sind dann spontan ins Studio gegangen, und irgendwie hat es sich zu zweit gut angefühlt, weshalb wir es dabei belassen haben.“ Bassenge ergänzt: „Das heißt natürlich nicht, dass die anderen Musiker austauschbar sind, aber vom Songwriting her sind Micatone auf diesem Album tatsächlich nur wir beide.“

„The Crack“ erzählt von einem Abschied, verbunden mit der Hoffnung auf einen Neuanfang. Von den einladenden Eingangszeilen „Come on, take a walk with me“ bis zum wiederholten Nichtabschiednehmenkönnen „How many times do we have to say goodbye?“ verarbeitet die Sängerin, die für alle Texte verantwortlich zeichnet, die Erfahrung, dass ein langjähriger Wegbegleiter ihr von heute auf morgen nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die Freundschaft kündigte. Wenn Bassenge Zeilen wie „You lost a lover/I lost a friend“ singt, ist es für sie, „als würde ich ihm einen Brief schreiben – auch, wenn er ihn wahrscheinlich nicht lesen wird“.

Ein thematischer Ausreißer ist der Titelsong, eine die schiere Freude am Einanderhaben zelebrierende Hymne, bei der man nach der Inspirationsquelle nicht lange suchen muss, hat doch Bassenge erst kürzlich den dänischen Jazzbassisten Andreas Lang geheiratet und ist zum dritten Mal Mutter geworden. Und dann ist da noch „Barbed Wire“, ein Song über das Schicksal eines Geflüchteten, an dem Bassenge den Hörer durch die gefährliche Ich-Perspektive nahezu physisch teilhaben lässt. Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer – auch durch diesen Riss fällt das Licht. Sind die Dancefloor-Jazzer eine politische Band geworden? „Nein, aber Politik ist, genau wie Liebe, ein Teil unseres Lebens. Bill Withers hat das auch gemacht: eine Platte voller Liebeslieder, zwischen denen sich dann eben auch ein Song gegen den Vietnamkrieg befand“, meint Bassenge, und Meinhold ergänzt: „Bei Bob Dylan ist das ja auch so.“ Steilvorlage für Bassenge: „Bei Bob Dylan ist auch in den Liebesliedern immer alles politisch – das ist bei uns genau andersrum: Wenn da mal was Politisches ist, dann ist da immer noch ein bisschen Liebe dabei!“

Politik, aber immer mit Liebe

Musikalisch bewegt sich das schon beim ersten Hören vertraut klingende Album weg vom retroseligen Motown-Sound des Vorgängers und zurück zu den Wurzeln im Elektronischen. Das suggestive Gitarrengewaber im Verbund mit Bassenges rauchig-laszivem Gesang auf dem „Shell Song“ knüpft an Micatones entschleunigten NuJazz früher Zeiten an, der den Soundtrack hauptstädtischer After-Work-Partys definierte.

Ein Sound, für den Micatone noch heute stehen, aber längst weiter entwickelt haben. „Berlin vollzieht den Wandel für dich. Man muss sich gar nicht selbst so sehr wandeln, weil hier immer so viel passiert.“ Teil dieses Wandels ist die Beschäftigung mit der DJ-Kultur, die bei Micatone Ausdruck findet in der Ausrichtung auf das LP-Format. Nicht nur besitzt „The Crack“ eine Dramaturgie mit ruhiger A- und temporeicheren B-Seite, die Vinyl-Version wartet zudem mit einem den digitalen Varianten fehlenden Extra auf: einer Endlosrille, die läuft, bis man den Plattenspieler ausschaltet. Auch das Artwork des Award-gekrönten Grafikdesigners Sven Lindhorst-Emme benötigt das große Albumcover, um zur vollen Geltung zu kommen. Es zeigt den zerrissenen und kunstvoll wieder zusammengesetzten Band-Namenszug, Symbol dafür, dass einmal Entzweigegangenes nicht spurlos zu heilen vermag, aus den Einzelteilen aber etwas Wunderschönes, Neues entstehen kann. Victoriah Szirmai

Record-Release-Konzert: Sa 6.1., 20 Uhr, Privatclub, Skalitzer Str. 85-86, Kreuzberg, VVK 15 €

https://www.zitty.de/event/musik-konzert/micatone/