Der Regisseur von "Idioten der Familie"

Michael Klier: »Heldenfiguren sind Auslaufmodelle«

Michael Klier über Geschwister, Verantwortung und den Film „Idioten der Familie“

Kai Schreve, Hanno Koffler, Lilith Stangenberg, Jördis Triebel & Florian Stetter (v.li.)
Foto: Nadja Klier

Herr Klier, wie wörtlich soll man den Titel Ihres Films „Idioten der Familie“ nehmen?

Das kann man halten, wie man möchte. Wenn ich den Titel im Gespräch mit Freunden oder Bekannten genannt habe, dann haben sie gelacht und gesagt, „Ja, das kenne ich“. Das war jetzt also keine Überraschung. Ich glaube aber, was Männer heutzutage anbelangt, geht es weit darüber hinaus. Da Heldenfiguren Auslaufmodelle sind und man sie nur noch in Blockbustern sieht, völlig verformt als Fantasiewesen, glaube ich, dass der Mann sich heute in der ambivalenten Rolle eines Idioten befindet, ob er will oder nicht – sein eigenes Rollenverständnis steht schon seit längerem in Frage. In Stücken von Castorf sind fast alle Männer Idioten. Das ist bei mir, ohne dass ich jetzt Castorf im Hinterkopf hatte, ähnlich. Die drei Brüder sind die, die sich nicht gekümmert haben und keine Verantwortung übernehmen wollen. Sie stehen hier mehr im Fokus, weil sie sich verhalten und entscheiden müssen.

Die drei haben etwas von Idealtypen …

Es sind gewisse Prototypen der bürgerlichen Familie: der Intellektuelle, der alles besser weiß und die anderen belehrt; der zweite, den sein Erfolg immun dagegen macht, der glaubt, über den anderen zu stehen und das Erbe des Vaters fortzusetzen, der auch Musiker war. Der dritte ist der Ex- oder Post-Hippie, der vor dem ganzen Erfolgsdruck geflüchtet ist – ein guter Musiker, dem der Erfolg nie wichtig war.

Gab es Vorbilder in der eigenen Familie?

Ich habe zwei Brüder, die sind beide Musiker, der eine war Philharmoniker, schon mit 18 sehr erfolgreich, hat aber auch tatsächlich drei, vier Porsches kaputt gefahren; der andere ist der freie Musiker, der in vielen kleinen Gruppen Jazzmusik gemacht und zu sich selbst gefunden hat. Und der Intellektuelle, der alles besser weiß und formulieren kann, weil er Philosophie studiert hat, bin sozusagen ich. Wir haben auch eine von Geburt an geistig behinderte Schwester. Sie ist seit ihrem 20. Lebensjahr in einem Heim und ich bin seit 30 Jahren ihr Vormund und Betreuer. Daraus ist dann die Idee entstanden, abgesehen davon, dass ich schon immer etwas über meine Brüder machen wollte, über die Art, wie Musiker leben, ganz unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen – die gehen einfach auf in ihrer Musik.

Michael Kölier
Foto: Nadja Klier

Bruno sagt einmal, dass die Schwester die Familie zwingt, sich damit auseinanderzusetzen und sie so mehr zusammenbringt. Inwieweit ist sie vorrangig ein Katalysator?

Katalysator auf jeden Fall, aber auch eine Wunde, die sie verdrängen; Bruno sagt ja einmal, sie ist erst so geworden, weil sie so isoliert leben musste. Sie hätte eigentlich eine mehr oder weniger normale Entwicklung nehmen können, wenn man sich nur anders um sie gekümmert hätte, statt das so mit christlicher Demut hinzunehmen wie der Vater. Und wenn man sich um sie so kümmert, wie es die ältere Schwester zehn Jahre lang gemacht hat, dann ist das ein echt harter Fulltime-Job, der einem keine Zeit mehr für anderes lässt. Dafür hat die Schwester ihre Karriere aufgegeben. Das ist auch eine Metapher für unsere Zeit, wo ein Solidaritätsmoment für Schwächere abhanden gekommen ist. Das wird dem Staat oder irgendwelchen Organisationen überlassen, ältere Leute oder die Eltern schiebt man gerne ab. Da steckt eine große Gefühlskälte dahinter.

Lilith Stangenberg hat große Präsenz. Sind Sie auf sie durch „Wild“ gekommen?

Nicolette Krebitz, die „Wild“ inszeniert hat, hat sie mir empfohlen und die Probeaufnahmen, die ich mit ihr und Hanno Koffler gemacht habe, waren sofort sehr überzeugend.

Wie haben Sie die Rolle mit ihr erarbeitet?

Ich bitte die Schauspieler immer, mir Varianten anzubieten. Bis auf die Dialoge haben sie sehr viele Freiheiten gehabt. Der Drehbeginn ist immer ein Sprung ins kalte Wasser, ich jedenfalls brauche zwei bis drei Tage, bis ich den richtigen Ton für den Film finde. Die Schauspieler haben so gut zusammengepasst, und in der Art, wie sie miteinander gespielt haben, ist keiner rausgefallen. Diesen Rhythmus der ständigen Tempowechsel zu bewältigen, ist nur möglich gewesen, weil sie zusammen so harmonierten.

Das heißt, es gab vor Drehbeginn kaum Proben? Mussten Sie die geschwisterliche Nähe nicht vorher erkunden – ob sie mit diesen Darstellern überhaupt funktioniert?

Ich habe mir natürlich ihre Demobänder und auch Filme angeschaut und dabei gespürt, dass sie zu einer bestimmten Sinnlichkeit und Offenheit fähig sind.