Interview

Michael Moore: „Trump ist seine eigene Weltanschauung“

Der US-Dokumentarfilmer Michael Moore über seinen neuen Film „Fahrenheit 11/9“ und die Krise der US-Demokratie

Pünktlich zur Halbzeit von Donald Trumps erster Amtszeit als US-Präsident untersucht Michael Moore, der polemischste Dokumentarfilmer der US-Linken, mit Wut und Witz, wie es soweit kommen konnte. Und wie es womöglich weitergeht. ZITTY sprach mit dem 64-jährigen Oscar-Gewinner über altbekannte und neue Erkenntnisse.

Michael Moore
Foto: Midwestern Films LLC All rights reserved

Mr. Moore, in den USA kam „Fahrenheit 11/9“ zu den Midterm-Wahlen ins Kino. Ist der Film ein überlanger Wahl-Werbespot?
Oh nein, schließlich sage ich meinem Publi­kum nicht, wen es wählen soll. Aber natürlich ist der Film auch eine Ermutigung, ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, wählen zu gehen und idealerweise am Status quo etwas zu verändern. Gleichzeitig will ich aber auch betonen, dass ich meine Filme nicht ausschließlich zu diesem Zweck drehe. In erster Linie geht es mir nicht um ­Aktionismus, sondern um das Kino. Ich verstehe mich als Künstler.

Man kann an dem Film klar erkennen, dass Sie große Hoffnungen in die jungen Leute von heute, also eine neue Wähler- und Aktivistengeneration setzen …
Dabei hassen die Kids diese Erwartungshaltung. Verständlicherweise! Wir fahren die Welt gegen die Wand und jetzt setzen wir unsere Hoffnung in sie, um zu retten was zu retten ist. Aber klar, ich bin hoffnungsvoll, wenn ich sehe, was diese jungen Menschen gerade alles tun. Denn tatsächlich stehen sie ja nicht nur für Hoffnung, sondern längst auch für Taten. Nach dem High School-Massaker von Parkland haben diese Jugendlichen die größte Demonstration in der Geschichte von Washington D.C. organisiert.

Sie kritisieren nicht nur Trump und die Republikaner, sondern auch die Demo­kraten, sogar Obama.
Ich liebe Obama, aber es wäre falsch, ihn zum Helden zu stilisieren. Ich kann Obama mögen und mich über vieles freuen, was er in seiner Amtszeit gemacht hat, und trotzdem kritisch sein, wenn ich sehe, wie er sich etwa in der Wasserkrise meine Heimatstadt Flint verhalten hat. Oder in Sachen Drohnenkriegsführung. Man sollte in politischen Diskussionen unbedingt den Gedanken zulassen, dass zwei grundverschiedene Gedanken trotzdem beide richtig sein können. So funktionieren doch auch gute Ehen: Man hat Meinungsverschiedenheiten und lebt dennoch friedlich unter einem Dach.

Irritiert es Sie, dass die republikanische Partei das mit Trump alles mitgemacht hat und noch immer tut?
Nein, schließlich profitieren diese Leute von Trump. Sie verdanken ihm enorme Steuererleichterungen; die verhasste Obamacare hat er auch fast ausgehebelt, und im Supreme Court hat er wirtschaftsnahe Rechte platziert. Warum also sollten sie oder irgendwelche Firmenbosse sich ihm entgegenstellen? Für die läuft doch alles super.

Wen wollen Sie mit Ihren Filmen erreichen?
Es macht keinen Sinn, Trump-Wähler und rechts ausgerichtete Amerikaner davon zu überzeugen, ihre Stimme den Demokraten zu geben. Die Energie haben wir nicht, schließlich müssen wir erst alle anderen an die Urnen bringen. All jene, die einfach zu Hause bleiben. Und vielleicht auch die acht Millionen Obama-Wähler, die beim letzten Mal für Trump gestimmt haben. Womöglich lassen die sich zurückgewinnen. Deswegen ist es durchaus nicht müßig, dass ich mit meinen Filmen offene Türen einrenne. Auch den ohnehin linken Zuschauern muss ich zeigen, was Sache ist, damit sie umso motivierter sind, andere zu überzeugen.

Fühlt sich die Situation heute noch dringlicher an als in den Jahren vor Trump?

Foto: Midwestern Films LLC All rights reserved

Ich habe in meinem Leben viele Phasen dieses Landes durchlebt. Ich habe als Kind bei Besuchen in Virginia noch Tankstellen und Toiletten gesehen, die nur für Weiße waren, – und habe damals nicht verstanden, warum. Ich hatte neun Mitschüler an der High School, die im Sarg aus Vietnam zurückkehrten. Ich habe die Ermordung guter Männer miterlebt und Präsidentschaften von Nixon, Reagan, Bush und dem noch schlimmeren Bush. Aber dieses Mal ist die Situation anders. Der Unterschied ist letztlich, paradoxerweise, der gleiche wie zwischen Trump und Hitler. Denn Hitler hatte eine Ideologie, genau wie Nixon oder Bush ideologisch agierten. Trump dagegen glaubt an gar nichts. Er ändert ständig seine Einstellung oder hat gar nicht erst eine. Das einzige, wofür sich Trump leidenschaftlich interessiert, ist er selbst. Er ist seine eigene Weltanschauung – und das ist gefährlich für unser Land.

Manchmal heißt es, sein Vize Pence sei im Zweifelsfall noch viel gefährlicher?
Ich verstehe nicht, warum die Liberalen so viel Angst vor ihm haben. Es kann doch nicht sein, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump deswegen nicht zustande kommt, weil wir uns vor Pence fürchten. Klar, er hat fürchterliche Ansichten. Aber anders als mit Trump kann man mit ihm über die Frage, ob es die Evolution gab, diskutieren. Oder ob man Homosexuelle mittels Therapie wieder hetero machen kann. Diese Debatten werden wir gewinnen, denn die Mehrheit der Amerikaner teilt seine Standpunkte nicht. Wir dürfen nur nicht so feige sein und die Auseinandersetzung scheuen.

Die ZITTY-Filmkritik:

Fahrenheit 11/9