Interview mit Michael Thalheimer

„Ich hasse originelle Menschen!“

Der 1965 geborene Regisseur Michael Thalheimer gilt als Reduk­tionskünstler, weil er Stücke jeweils auf den Grundgehalt eindampft. Seit 2001 inszeniert er regelmäßig am Deutschen Thea­ter, von 2005 bis 2008 gehörte er dem Leitungsteam an.
Im Interview mit Friedhelm Teicke und Tobias Schwartz spricht Thalheimer über Proteste, seine Einladung zum Theatertreffen 2013 und seine Premiere von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Deutschen Theater

Herr Thalheimer, wir mussten unseren Interviewtermin verlegen, weil Ihre Kinder wegen des Warnstreiks im öffentlichen Dienst keine Kita-Betreuung hatten. Was halten Sie von dem Protest?
Es ist zwar unangenehm, wenn man selbst davon betroffen ist, aber natürlich finde ich ihn richtig. Streik ist ein Grundrecht. Und weil Erzieher und Lehrer unterbezahlt sind, bei diesem anstrengenden, aber so wichtigen Beruf, verstehe ich da jeden Protest.

Sie standen unlängst selbst inmitten eines ganz anderen Protestes: Ihrer Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ am DT wurde rassistisches „Blackfacing“ vorgeworfen, weil schwarz geschminkte Weiße auf der Bühne standen.
Über den Protest habe ich mich sehr gewundert. Ich dachte, dass man eigentlich im Theater an einem ganz anderen Punkt steht, wenn man über eine Kunstform, wenn man über Verfremdung spricht. Wenn ich das Stück in Paris oder New York inszeniert hätte, wäre ich auf so eine Idee gar nicht gekommen: ein weißer Schauspieler, der sich ganz offensichtlich schwarz anmalt. Aber in Berlin im Jahr 2012?! Meine Güte, ich dachte, dass man hier anders mit einer Maske, einer Verfremdung umgeht.

Sie halten den Vorwurf und die Debatte für übertrieben?
Ja, denn wo soll das hinführen? Kriegen wir Probleme mit der Emanzipationsbewegung, wenn ein Mann eine Frauenrolle spielt? Ist man jeder künstlerischen Freiheit beraubt, nur um politisch korrekt zu sein? Es würde keinen lockeren Umgang mit Themen mehr geben, ohne dass es gleich Unterstellungen nach sich ziehen würde.

Ist das eine Art Skandalgeilheit, die da mitspielt?
Wir führen jetzt ein Interview, und man muss immer aufpassen, dass man nicht in ein Fettnäpfchen tritt. Der Bundespräsident sagt in einem Nebensatz, dass er es vielleicht etwas übertrieben findet, wie mit dem Brüderle im Rahmen der Sexismus-Debatte umgegangen wurde. Zack – und er muss es im nächsten Interview wieder richtig stellen. Wenn man bei jedem Schritt und bei jedem Wort aufpassen muss, ohne einen gewissen Menschenverstand voraussetzen zu können, dann finde ich das Leben und das Miteinander in so einer Gesellschaft etwas traurig.

Immerhin haben Sie eingelenkt, statt schwarz sind die beiden Schauspieler in „Unschuld“ jetzt weiß geschminkt.
Theater soll wehtun, Theater darf verletzen, Theater darf provozieren oder soll es sogar. Es geht immer darum, wie bewusst man das tut, welchen Inhalt man vertritt. Wie gesagt, ich war sehr überrascht darüber, dass sich Leute verletzt fühlen. ­Diese Verletzung wollte ich nicht, ich wollte ­diese Menschen auch nie provozieren. Ich wollte ihren Protest auch nicht ins Lächerliche ziehen und sagen, es interessiert mich nicht. So wichtig war es mir nicht. Also konnte ich zurücktreten und sagen, die werden jetzt weiß angemalt, das hat denselben verfremdenden Effekt. Ich fand aber die Art und Weise des Dialogs schwierig. Und ja, Sie sprechen von Skandalgeilheit, darauf sollte man acht geben, damit das Leben noch irgendwie lebendig bleibt und wir in den politisch korrekten und konformen Regeln nicht wie in einem Gefängnis ersticken.

„Unschuld“ war für Sie insofern eine ungewöhnliche Inszenierung, weil es sich um ­einen zeitgenössischen Stoff handelt.
Absolut.

Sie inszenieren ansonsten vor allem Klassiker oder moderne Klassiker, wie  jetzt Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Wird Ihnen das nie langweilig?
Nein. Mir wird eher langweilig, wenn ich ausnahmsweise mal einen zeitgenössischen Stoff inszeniere.

Warum denn das?
Ich entdecke in den Klassikern mehr über unser heutiges Zusammenleben. Der Ursprung unserer Gemeinschaft, warum wir heute so miteinander sind oder so leben, wie wir leben, dieser Ursprung ist ja nicht gestern gewesen, sondern mitunter vor 200, 300 Jahren. Da wurden die Weichen gestellt. Da wird es spannend. „Faust“ sagt über unser heutiges ­Zusammenleben mehr als jeder zeitgenössische Text.

Denken Sie nicht manchmal: An diesem oder jenem Stück waren schon so viele Regis­seure dran, wie soll ich da noch eine originelle Perspektive finden?
Ich suche ja nie was Originelles. Deswegen bin ich davon schon total befreit.

Was suchen Sie dann?
Ich suche vielleicht etwas Originales – was steht in dem Werk wirklich drin? Originell möchte ich nicht sein. Ich hasse Regieeinfälle, ich habe gar keine. Das ist ein Theater, das ich total ablehne. Deswegen kann ich in ­diese Falle zum Glück gar nicht tappen. Ich hasse originelles Theater, ich hasse auch originelle Menschen. Das Originelle besteht darin, sich von etwas abzusetzen und besonders zu sein. Und das unter Verzicht auf Inhalt. Das interessiert mich nicht. Mich interessiert, was in einem Stück drinsteht, egal wie oft es schon inszeniert wurde. Was tun wir, und warum tun wir was? Das Originelle schreit immer nach dem Wie.

Aber bei Ihren Inszenierungen bekommt man schon einen starken Eindruck von einem Wie: Es gibt eine deutlich erkennbare Ästhetik.
Ja, aber danach suche ich nie. Das entsteht so. Ich kann das nicht anders.

Sie aktualisieren Ihre Stücke in der Regel nicht, sondern spitzen sie zu, teils durch erhebliche Kürzungen, Stichwort „Reduktion auf den Grundgehalt“. Manchmal wird Ihnen das als Masche vorgehalten. Trifft Sie das?
Nein, weil mir das zu dumm ist. Das kann nur jemand schreiben, der von der Arbeit am Theater keine Ahnung hat oder nur sehr ungenau zuschaut. Das interessiert mich dann nicht. Ist mir zu dumm, sorry.

Was interessiert Sie jetzt an den „Geschichten aus dem Wiener Wald“?
Horváth beschreibt Menschen, die fast klaustrophobisch aufeinander hängen, voneinander abhängig sind und immer wieder so tun, als bräuchten sie sich gegenseitig nicht. Das ist ein Umgang zwischen den Menschen, der so böse und bitter und dumm ist, dass es einem wirklich manchmal die Sprache verschlägt. Das zeigt Horváth in einer Art Normalität, so dass Sie glauben, dass diese Bösartigkeit das Normalste auf der Welt ist. Das ist dann schon sehr erschreckend und überraschend. Das finde ich an den Figuren und an der Geschichte so unheimlich spannend.

Im Zentrum des Stückes steht eine tragische weibliche Figur – Marianne.
Ja, man könnte sagen, es ist ihre Passionsgeschichte. Wobei interessant ist, dass das mit der Passionsgeschichte für sie nur bedingt stimmt, weil sie nicht bloß ein Opfer ist, sondern auch schuldbeladen. Genauso schuldbeladen wie alle anderen Figuren in diesem Stück auch. Horváth beschreibt da ein zeitloses Figurenpanoptikum. Sinngemäß heißt es im Vorwort: Nichts gibt uns so sehr das Gefühl von Unendlichkeit wie die Dummheit. Diese Dummheit betrifft auch Marianne in ihrer grenzenlosen Naivität. Sie ist selbst mitverantwortlich für ihren eigenen Untergang. So eine Dummheit wird uns immer umgeben. Und bei Horváth zeigt man eben nicht mit dem Finger auf die Leute, sondern es läuft über Identifikation.

Das Stück wurde zwei Jahre vor der Machtergreifung Hitlers am DT uraufgeführt. Damals siegte die Dummheit.
Ja. Das wird nicht wieder so passieren, wie es damals passiert ist. Aber ich glaube, wir wären jetzt sehr naiv, wenn wir glauben, so etwas wie Hitler-Deutschland könnte nicht in einer anderen Form wiederkehren. Die Gewalt in dem Stück, wie die Menschen miteinander umgehen, muss sich irgendwann entladen. Das ist spürbar.

Ihre Frankfurter „Medea“, auch eine Inszenierung eines antiken Stoffes, ist jetzt fürs Theatertreffen ausgewählt worden. Sie waren schon mehrfach zum Spitzentreffen des Bühnenschaffens eingeladen.
Ich glaube, es ist die siebte Einladung.

Was bedeutet sie Ihnen? Ist das mittlerweile Routine?
Nein, keine Routine. Was sich vielleicht geändert hat, ist, dass ich die Einladung als junger Regisseur viel bedeutender und wichtiger genommen habe – das war es ja damals auch. Nach mehrmaligen Theatertreffen geht man damit schon ein bisschen anders um. Aber ich freue mich sehr über die Einladung der „Medea“, auch weil ich diese Arbeit so mag. Und ich freue mich unglaublich für Constanze Becker.

Besonders die Darstellung dieser Schauspielerin wird von der Jury gelobt. In der Begründung steht mehr über Constanze Becker als über die Inszenierung.
Zu Recht. Sie kriegt ja auch jetzt den Eysoldt-Ring verliehen. Ich freue mich aber auch für das gesamte Frankfurter Ensemble. Es ist die erste Einladung unter der Intendanz von Oliver Reese.

„Geschichten aus dem Wiener Wald“, 29.3. (Premiere), 30.3., 19.30 Uhr, Deutsches Theater. Regie: Michael Thalheimer; mit Katrin Wichmann, Andreas Döhler, Almut Zilcher, Sven Lehmann, Peter Moltzen, Katrin Klein, Simone von Zglinicki. Eintritt 5-48 Euro