Kunstverein

Die Jugend der Anderen

Die neue Fotografieausstellung von Michal Solarski und Tomasz Liboska ist typisch für KVOST: In dem Verein geht es auch darum, Kunstschaffende aus rechts regierten osteuropäischen Ländern zu unterstützen und Biografien zu würdigen

©Harry Schnittger
Kunstverein KVOST, Stephan Koal und Julia Rust, im Hintergrund Fotografien von Michal Solarski und Tomasz Liboska ©Harry Schnittger

Bilder der Jugend: Zwei Teenager schauen vom Dach eines Industriegebäudes in den Himmel. Ein Junge und ein Mädchen liegen in enger Umarmung auf einem Bett. Ein Jugendlicher lässt sich die Haare rasieren. Viele Fotos der Reihe „Cut It Short“, aktuell zu sehen im Kunstverein Ost, gleichen in ihrer dokumentarischen, aber doch zärtlichen Anmutung Standbildern aus einem heutigen Coming-of-Age-Film, der aus den USA kommen könnte oder aus England. Aber sie zeigen Erinnerungen an eine andere Zeit: Die Serie ist ein Projekt der Fotografen Michal Solarski und Tomasz Liboska, die beide im südpolnischen Ort Goleszow aufwuchsen. Mithilfe junger Laienmodels stellten die Künstler Szenen ihrer Jugend im Polen hinter dem Eisernen Vorhang nach.

Was die Anderen nicht glauben wollen

Wenn man nun die Sehnsucht, die aus diesen Bildern spricht, mit dem Fernweh der eigenen Teenagerjahre abgleicht, nach Fremdem und Vertrauten sucht, dann haben Stephan Koal und Julia Rust ziemlich viel richtig gemacht. Schließlich haben sie den Kunstverein Ost (KVOST) gegründet, um Kunstschaffende aus Mittelost- und Osteuropa zu fördern – und vielleicht ein paar Klischees über die Länder des ehemaligen Ostblocks zu beseitigen.

Seit 2015 betrieb Stephan Koal hier, in der Leipziger Straße, seine Galerie. Vor gut einem Jahr rief er mit Julia Rust, Direktorin des Me Collectors Room, und vielen Mitstreitenden den KVOST ins Leben. Mit ­ihrem Themenschwerpunkt stoßen Koal und Rust in eine Lücke. „Ausgerechnet in Berlin sind Künstler aus Osteuropa absolut unterrepräsentiert, zumindest für ein breites Publikum“, sagt Rust. Zugleich wollen sie kritischen Kunstschaffenden aus Rechtsruck-geschüttelten Ländern wie Polen Öffent­lichkeit verschaffen. Erstmals wird der KVOST nun ein Stipendium ausschreiben, mit dem Künstlerinnen aus Osteuropa sechs Wochen in Berlin leben und arbeiten können und das Ergebnis in einer Einzelausstellung präsentieren werden.

Ihr Interesse an Osteuropa begründen Koal, geboren auf Rügen und aufgewachsen in Cottbus, und die aus dem Münsterland stammende Julia Rust ganz unterschiedlich. „Ich war bislang eher in den USA, in Frankreich oder Italien unterwegs“, sagt Rust. „Der Osten ist für mich noch nicht so erschlossen wie der westliche Kulturbereich.“ Koal hingegen berichtet, dass er den Osten wiederentdecken musste: „Nach der Wende hat man sich erst einmal angeschaut, was man vorher nicht sehen konnte.“ Doch mittlerweile sei der Redebedarf zum Thema groß, überall. „Als ehemaliger DDR-Bürger durfte man lange gar keine Geschichte haben“, sagt Koal. Einmal sei er zu Gast in einem Ausstellungshaus in Portugal gewesen. Als bei einer abendlichen Unterhaltung irgendwann die Kindheit zur Sprache kam und Koal erzählte, er habe interessante Jugendjahre erlebt, fiel ihm jemand ins Wort: Das könne doch nicht sein – er komme schließlich aus der DDR.

Fast 30 Jahre nach der Wende sind ostdeutsche und osteuropäische Perspektiven noch immer die Abweichung von der Norm. Auch deshalb sind die Arbeiten von Michal Solarski und Tomasz Liboska so spannend. Sie erzählen neue, eigene Geschichten über das Aufwachsen damals. Schöne und brutale, morbide und schlicht unerwartete. So denkt man bei Solarskis Porträt ­einer sonnenbadenden Frau am ungarischen Bala­ton weniger an Omas Geschichten über den Urlaubs- und Sehnsuchtsort aller DDR-Bürgerinnen – sondern vielmehr an die ikonische ­„Life’s A Beach“-Reihe des britischen Fotografen Martin Parr.

Bis 30.3.: KVOST, Leipziger Str. 47, Mitte, Mi–Sa 14–18 Uhr, Eintritt frei