DOKUMENTARTHEATER

Talkin’ about a Revolution

Den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution begeht der Theatermacher Milo Rau in der Schaubühne mit einem Doppelschlag: Dem Biostück „Lenin“ und der Errich­tung des Weltparlaments „General Assembly“

Lenin im Abseits: Kay Bartholomäus Schulze, Damir Avdic, Ursina Lardi (v.li.) – Foto: Thomas Aurin

Text: Tom Mustroph

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolu­tion wird der Schweizer Theatermacher Milo Rau nichts weniger als das Räte-Modell der Sow­jets wiederbeleben. „General Assembly“ erkundet, wie tauglich dieses politische System, bei dem die Herrschaft von der Bevölkerung über direkt gewählte Räte ausgeübt wird, heute noch ist. Das Volksparlament vereinigt vom 3. bis 5. November Abgesandte aus Europa, Asien, Südame­rika und Afrika.

Zuvor erkundet Rau aber in einer Art spätnaturalistischem Kammerspiel die ­letzte Lebensphase Lenins, der bekanntlich am Ablauf der Oktoberrevolution maßgeblich beteiligt war. In der Titelrolle als alternder und schon gewaltig kränkelnder Revolu­tionsführer agiert Ursina Lardi. Elf Schauspieler, zwei Kinder und ein toter Fisch stellen in „Lenin“ (Premiere: 19.10.) zunächst die Atmosphäre in einer Datscha nach, in der der Revolutionär in seinen letzten Monaten weilte.

„Er war von Stalin abgeschoben und von der Macht isoliert worden. Man hat für ihn sogar extra Ausgaben der ,Prawda’ gedruckt“, beschreibt Milo Rau die Ausgangssituation. „Stalin ließ ihn leben, weil er ihn noch brauchte, um den Leninismus zu schaffen und selbst das Machtspiel um die Nachfolge zu gewinnen.“ Lenin interessiert Rau dabei als siecher Körper, dessen Geist aber weiterhin durch Willenskraft am Arbeiten gehalten wird. Um ihn herum das damalige sowjetische Führungspersonal. Leo Trotzki, gespielt von Felix Römer, ist der charismatische Erzähler, Damir Avdic der undurchsichtige Stalin.

Wem Milo Raus Sympathien gehören, ist schnell klar. „Wäre Trotzki nicht Revolutionär geworden, wäre er ein großartiger Autor geworden. Er war Theaterkritiker, hat über Frank Wedekind geschrieben und wollte als Autor brillieren“, schwärmt Rau. Durch Trotzkis Augen ist er selbst als Zwölfjähriger auch auf Lenin gestoßen, nämlich durch dessen Buch „Der junge Lenin“ – eine Art Bildungsroman eines Revolutionärs.

Milo Rau – Foto: IIPM/Thomas Müller

Für den Teenager Rau stellte dies offenbar ein Erweckungserlebnis dar. Denn er lernte sogar russisch, um seinen Revolu­tionshelden näher zu sein. Anders als andere 40somethings, die mit zunehmendem Alter immer konservativer werden, hat er seinen alten Heroen gegenüber eine gewisse Anhänglichkeit bewahrt. „Lenin“ liefere nun, so Rau, „einen Blick durch ein historisches Fenster auf eine einmalige Gelegenheit für eine Veränderung der Gesellschaft“. Dieser Blick wird zugleich durch Kameras eingefangen: „Zwei Steadycams begleiten die Akteure. Alles spielt sich auf einer Drehbühne ab. Und es ist, als würde man einen Film über Lenin drehen“, erklärt er.

Während „Lenin“ nah an den Figuren bleibt und demzufolge auch nah an den Diskursen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, strebt Rau mit „General Assembly“ Größeres an. „Es ist sicher die ,schlauere‘ Arbeit“, sagt er und lacht. Denn Experten aus (fast) allen Kontinenten sind eingeladen, um im Sinne einer Bürgerversammlung den Zustand der Welt zu bestimmen und Lösungs­alternativen vorzuschlagen. Rau orientiert sich dabei an der Rätestruktur der frühen Sowjetunion und an den Räten, die es auch kurzzeitig in Deutschland gab.

Erfahrung in der Organisation solcher Veranstaltungen hat er. Die Beweisaufnahme in seinen Tribunal-Formaten stellte den Versuch dar, Gegenöffentlichkeiten herzustellen. Das „Kongo Tribunal“ beleuchtete Ursachen und Folgen der Rohstoffkriege in Afrika (Kinostart der Dokumentation ist am 16.11.). Die „Moskauer Prozesse“ stellten auf der Vorlage der Stalinschen Schauprozesse der 30er-Jahre den aktuellen Krieg von Wladimir Putins Regierung gegen Oppositionelle und kritische Künstler nach. „General Assembly“ greift nun weltweit aus und soll sich nicht nur auf symbolische Urteilssprüche beschränken. Ein ambitioniertes Vorhaben.

„Lenin“: 19.+ 24.10., 20 Uhr, 20., 21.+ 23.10., 20.30 Uhr, Eintritt 7–48 €
„General Assembly“: 3.-5.11., Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf,
Regie: Milo Rau, Eintritt 5, erm. 2,50 € pro Sitzung, ­Kombiticket 25 €