Inklusion

Mittendrin oder nur dabei

Julia Behnke* ist wütend. Die Mutter zweier sehbehinderter Söhne war aus einer westdeutschen Kleinstadt zurück nach Berlin gezogen, ohne ihren Mann, der nun zwischen Beruf und Familie pendelt. Der Grund: Sie wollte, dass ihr jüngerer Sohn die gleichen Möglichkeiten bekommt wie schon sein älterer Bruder – auf der Berliner Flämingschule.

In Westdeutschland war ihr Jüngster im Kindergarten nur sehr unzureichend gefördert worden, musste sich überwiegend allein beschäftigen. Auf der Flämingschule lernt er wie alle anderen Kinder, selbständig zu arbeiten und bekommt Unterstützung in Bereichen, die ihm aufgrund seiner Sehbehinderung schwerfallen: beim Schreiben, Malen, im Sport und beim Aufbau sozialer Kontakte. Arbeitsblätter werden für ihn auf DIN A 3 vergrößert, bei Bedarf kann er ein Lesegerät nutzen. Er fühlt sich wohl. Julia Behnke will, dass das so bleibt. Ohne Abstriche.
Es ist ein warmer Frühlingsabend und eine lange Menschenschlange zieht sich durch die Niederkirchnerstraße in Mitte. Nicht vor dem Martin-Gropius-Bau, wo sich sonst die Besucher drängelten, um Frida Kahlos oder Olafur Eliassons Werke zu sehen – nein, gegenüber vor dem Abgeordnetenhaus warten über hundert Gäste auf Einlass zur Diskussionsveranstaltung „Umsetzung der Inklusion in Berlin“. Auch Julia Behnke ist dabei.

„Gibt’s hier was umsonst?“, fragt eine kichernde Dame mit rotgefärbter Lehrerinnen-Frisur, und bringt damit unbewusst alles auf den Punkt: Es geht an diesem Abend um eine weitere Reform des Berliner Schulsystems. Es geht darum, gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention Schülern mit geistigen oder körperlichen Behinderungen den Besuch normaler Regelschulen zu ermöglichen. Dass das wichtig und längst überfällig ist, darin sind sich wohl alle in dieser Schlange einig. Doch da ist dieses eine Wort, das sich durch das Konzept des Senats zieht. Dieses eine Wort, das die Menschen an diesem Frühlingsabend in einen muffigen Saal des Abgeordnetenhauses zieht: Kostenneutralität. Es soll alles besser werden. Aber kosten darf es nichts.

Drinnen sitzen die Besucher auf dem Boden und auf Fensterbrettern, niemand hat mit diesem Zulauf gerechnet. Als Hannelore Kern von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung das Konzept zur Inklusion vorstellt, zieht sich spöttisches Kichern durch die Reihen, das sich beim Unterpunkt „Warum ist Inklusion keine Sparmaßnahme?“ in schallendes Gelächter verwandelt. Galgenhumor. Denn die Lehrer fürchten, den Anforderungen eines fruchtbaren Unterrichts nicht mehr gerecht werden zu können. Die Eltern fürchten, ihre Kinder könnten pädagogisch vernachlässigt werden, mit ihren Bedürfnissen zurückbleiben.
Panikmache oder Realismus? Das Konzept der Inklusion sieht vor, die Förderschulen sukzessive abzubauen und Schüler mit Behinderungen an den Regelschulen zu unterrichten. Ein hehrer Anspruch. Und eine Verpflichtung. In der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es: „Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben.“ Das Konzept des Senats aber sieht auch vor, dass das Lehrpersonal „gedeckelt“ ist – das heißt: Die Pädagogen aus den Förderschulen werden auf die einzelnen Regelschulen verteilt, zusätzliches Personal soll es nicht geben. Kostenneutralität. Hochwertiger Unterricht ohne Investitionen – das halten Vertreter aus der Praxis für unmöglich.
An der Fläming-Grundschule in Berlin ist die UN-Konvention längst Praxis. 1975 hat man hier, erstmals in der Bundesrepublik, den gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder eingeführt, mit entsprechenden Ressourcen, entsprechendem Betreuungsschlüssel. Rita Schaffrinna, Schulleiterin an der Fläming, sitzt in ihrem Büro und deutet auf ein Foto auf dem Bildschirm ihres Computers: Ein Mädchen bindet einem anderen Mädchen im Rollstuhl die Schnürsenkel zu. Die beiden schauen sich in die Augen und lachen. „Kinder lernen voneinander“, sagt Rita Schaffrinna. „Sie lernen, im Leben nie zu erstarren, wenn jemand vor ihnen steht, der anders ist als sie selbst. Sie erleben Vielfalt nicht als störend, sondern als Bereicherung.“

Sie brauchen aber einen entsprechenden Rahmen. Multiprofessionelle Teams aus Allgemein- und Sonderpädagogen, mit dem notwendigen didaktischen Wissen. Räumlichkeiten für Kleingruppenarbeit oder therapeutische Maßnahmen.  Es muss Betreuer geben, die psychische Phänomene erkennen, die wissen, wie sie zu einem Kind durchdringen, das unter einer Entwicklungsstörung leidet. „Manche gut gemeinte Maßnahme ist so effektiv, als würde man einen Eimer Wasser über dem Kind ausschütten“, sagt Schaffrinna. Das zu erkennen, lernt man in keinem eintägigen Seminar, es braucht sonderpädagogisches, medizinisches Wissen und gewonnene Erfahrungswerte.
Zehn bis 14 Prozent der 580 Fläming-Schüler haben sonderpädagogischen Betreuungsbedarf. Dazu kommen Schüler, die von einer Behinderung bedroht sind: Kinder, die eine Scheidung, einen Todesfall oder ähnliches verarbeiten müssen, laufen leicht Gefahr, eine Behinderung im Bereich Lernen, Emotionale-soziale Entwicklung oder Sprache (LES) auszuprägen. In diesen Fällen greifen präventive Maßnahmen – wenn die Mittel da sind.
Fred Ziebarth, Mitglied im Verband Sonderpädagogik und Kollege Schaffrinnas, schaut auf das Foto der beiden Mädchen und schüttelt den Kopf. „Bei guter, auch präventiver Förderung sinkt die Quote behinderter Kinder. Und gleich heißt es, dann braucht ihr doch jetzt weniger Personal. Das ist der Zynismus des Systems.“ Ziebarth schildert die Komplexität sonderpädagogischer Arbeit, die Herausforderungen der – erstrebenswerten, aber gut zu planenden – heterogenen Unterrichtsgruppen. Er sagt: „Es ist etwas anderes, an einer reinen Förderschule zwölf völlig durchgeknallte Kinder durch den Tag zu bringen, als eines davon in eine Regelschule zu integrieren“. Kostenneutralität? Da kann Ziebarth nur wieder den Kopf schütteln. „Das ist ja, als würde man alle Krankenhäuser auflösen und die Kinder zu Hause versorgen.“
Die Gemüter sind erhitzt an diesem Frühlingsabend im Abgeordnetenhaus. Laut  einer Berechnung der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft ist die sonderpädagogische Betreuung behinderter Kinder seit 2005 bereits um zwei Stunden gekürzt worden. Diese gekürzte Version aber dient als Grundlage für das Inklusions-Konzept. Gleichzeitig basiert es auf einem „Absenken der Förderquote auf 6,5 Prozent“. Derzeit haben jedoch durchschnittlich 7,4 Prozent der Berliner Schüler Förderbedarf. Wie ein Absenken der Quote bei gleichzeitiger Bewältigung neuer Herausforderungen, gleichem Personal und bereits gekürzter Förderstunden ablaufen soll, leuchtet den Besuchern nicht ein.
Als Julia Behnke sich zu Wort meldet, bringt ihre Wut das Mikrofon zum Scheppern. Sie weiß, was Kürzungen und Mängel in der Betreuung bewirken können. Sie sieht, was die suboptimale Anfangsphase vor dem Umzug nach Berlin bei ihrem jüngeren Sohn bewirkt hat: „Mein Ältester konnte in diesem Alter bereits flüssig schreiben und ohne Stützräder Rad fahren, der Jüngere nicht.“ Daher die Sorge. Daher das scheppernde Mikrofon.
Klaus Jürgen Heuel, Vorsitzender des Verbandes Sonderpädagogik, teilt die Sorgen der Mutter: „Separation ist nicht gut – aber es ist nicht einfach damit getan, alle in eine Schule zu schicken.“ Wer einfach beschließe, die Förderquote auf 6,5 Prozent zu senken, um Kostenneutralität zu erreichen, zäume das Pferd von hinten auf: „Wenn es so umgesetzt werden würde, wie es jetzt konzipiert ist, hätten wir die schlechteste Betreuung für Behinderte, die wir je hatten – und das unter dem Mantel, moralisch das Richtige zu tun. Das ist verlogen.“
Inklusion ist möglich und wichtig. Doch sie ist nicht gratis zu haben. Und es braucht Zeit, bis neue inklusive Schulen die alten Förderschulen ablösen können. „Man kann nicht die alten Bäume abschlagen, bevor die jungen Triebe haben“, ruft eine Frau in die stickige Luft des überfüllten Raumes im Abgeordnetenhaus. Nun, einen Vorteil hat es. Man muss die alten Bäume nicht mehr wässern.

*) Namen von der Redaktion geändert

aus zitty 09/2011 _ „Mittendrin oder nur dabei“, S. 30/31

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