Musik

Momus, der ewige Spötter

Momus, der „David Bowie des Pop-Art-Underground“, liefert den Stoff, an dem sich postmoderne Künstlerseelen berauschen

Es ist bezeichnend für den Künstler Momus, dass man gleich einen Umweg über die griechische Mythologie machen muss. Für alle, die ihren Hesiod nicht gelesen haben: ­Momos ist der Gott des Spottes und des Tadels. Mit anderen Worten: ein notorischer Nörgler, der an allem etwas auszusetzen hat und den Göttern damit so dermaßen auf die Nerven geht, dass ihn Zeus eines Tages aus dem Olymp wirft. Nach der olympischen Nervensäge Momos also hat sich der gebürtige Schotte Nicholas Currie benannt. Und damit willkommen in der Welt des Universalkünstlers Momus, in der sich das Rad der Referenzen unablässig dreht.

MomusFoto: Promo
Momus
Foto: Promo

Der 56-Jährige liefert den Stoff, an dem sich Geisteswissenschaftler mit ­Vorliebe für postmoderne Verrenkungen berauschen: Kafka, Wittgenstein, André Gide, Philip Roth, Marquis de Sade, Serge Gainsbourg, Kraftwerk und ZZ Top – um nur eine kleine Auswahl zu nennen – sind in seinen Liedern und Büchern aufs Originellste miteinander verwoben. In seinem satirischen Experimentalroman „Unamerica“ träumt er vom Verschwinden Amerikas, in „Herr F“ spielt er mit dem Faustmythos, und in ­seinem letzten Roman „Popppappp“ überlässt er britische Grafikdesigner syrischen Geiselnehmern. „Kindische und verquere Ideen“ habe er, sagt Momus selbst. Erfindungsreich ist schon gar kein Wort mehr für das, was sich der überbelesene, künstlerisch hyperproduktive Autor mit der Augenklappe seit 30 Jahren quasi pausenlos ausdenkt.

Schaut man sich Momus’ Frühwerk auf Youtube an, Musikvideos aus den 80er ­Jahren, glaubt man ein verschrobenes David-­Bowie-Double zu hören – im Synthesizer-Song „Hairstyle Of The Devil“ zum Beispiel, der zu so etwas wie einem Hit wurde, oder im Gitarrenstück „I Was A Maoist ­Intellectual“. So abwegig ist die Bowie-­Parallele übrigens nicht, immerhin hat Momus später reihenweise Songs des verstorbenen Pop­giganten gecovert respektive veralbert. Der Guardian nannte ihn den „David Bowie des Pop-Art-Underground“. Das hat er sich dann auch gleich ganz oben auf seine Website geschrieben.

Diese Website, www.imomus.com, ist nicht einfach eine Netzadresse, sie ist das Werk eines Internetartisten und Bloggers, der auch für die Nerd- und Lifestylemagazine Wired und Vice schreibt. Sie gibt einen schönen Einblick in den rätselhaften Momus-Kosmos. Ein Flickenteppich zusammengewürfelter Fotos, Videos und Texte: viel Unverständliches, ein bisschen Sex – und Japan, wo Nicholas Currie lebt, wenn er nicht gerade in London, New York oder Berlin wohnt.

Momus Lowrise — Mullae, Seoul, 11 November 2011

Sein letztes Musikalbum „Glyptothek“ aus dem Jahr 2015 hat er jedenfalls in der japanischen Stadt Osaka aufgenommen, während der Regenzeit, mit eindeutig nach Japan klingenden Flöten-, Lauten- und Trommelsamples. Der im gleichen Jahr erschienene Vorgänger „Turpsycore“ ist durch und durch enigmatisch und skurril – überladen mit literarischen, filmhistorischen und popkulturellen Referenzen. Benannt ist das Album nach Terpsichore, der Muse für Freude und Tanz – womit wir wieder bei der griechischen Mythologie wären.

Was wird wohl passieren, sollte Momus irgendwann in den Pop-Olymp einziehen, in dem nun David Bowie und Michael Jackson regieren? Er wird sich nicht vor ihnen niederwerfen, weil er, der bekennende Atheist, Gottheiten nur insofern respektiert, als dass sie ihm Material für seine Streiche liefern. Vielleicht werfen sie Momus dann raus, aber bis dahin ist es ja noch ein Weilchen.

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