Rosenkrieg im Radio

Motor FM heißt jetzt Flux FM

Auch nach der Umbenennung kämpft der Radiosender weiter um seine Finanzierung. Muss Flux FM nun doch massentaugliches Programm spielen?

 

Markus Kühn ist euphorisch. Im Stakkato listet der 38-Jährige die Erfolge seines Senders auf: Programm seit 2004 … täglich 176.000 Hörer … empfangbar in Berlin, Bremen und Stuttgart … großes Lob von der Landesmedienanstalt.

Gut fürs Ego, aber ernähren kann man sich davon nicht. Motor FM macht Verluste. Seit es auf 100,6 sendet. Mit der Zuteilung der starken Frequenz, die bis nach Brandenburg reicht, ging die Auflage einher, Kultur und Nachrichten anzubieten, eine Wortredaktion zu bezahlen. Und dann mussten noch die Anteile der „netzeitung“ an der Frequenz freigekauft werden.

Das Programm von Motor FM ist für Indieund Elektrofreunde gemacht. Auf 100,6 kann man aber viel mehr Menschen erreichen. Es läge nahe, mit marktgeforschter Dudelmusik Hörerzahlen und Werbeeinnahmen in die Höhe zu treiben. „Aber das wäre nicht das Radio, für das wir angetreten sind“.

Gegründet wurde Motor FM als Plattform für neue, interessante Bands. Das Urkonzept: Musik, die keiner kennt, unter das Volk bringen und am Download der Tracks mitverdienen. „Die Konkurrenz von iTunes und Amazon hat das Geschäftsmodell unmöglich gemacht“, sagt Kühn. Aber wie sonst Umsatz machen? Klassische Werbung lohnt sich wegen der Zielgruppe des Senders kaum. Die Preise richten sich nach Zuhörerzahlen. Und die werden über Festnetz-Telefonbefragungen ermittelt. Tagsüber. Wer aus der jungen Zielgruppe ist da zu Hause, hat überhaupt noch einen Festnetzanschluss?

Mitgesellschafter Tim Renner, Ex-Universal- Vorstandsvorsitzender, wollte die Frequenz abgeben und zurück auf die alte Schiene gehen. Neue Musik pur für eine eher kleine Hörerschaft und zu geringen Kosten. Falls die 100,6 behalten wird, wollte er einen Investor und Radioprofis ins Boot holen. „Hörerzahlen-Optimierung, das ist auf der Frequenz angesagt“.

Kühn sagt: „Renner wollte das unbedingt über Kapitalinvestoren lösen. Wir hatten Sorge, dass die dann sagen: Spielt mehr Marius Müller-Westernhagen oder Gummistiefeltechno, dann klappt’s auch mit dem Massenpublikum.“ Kühn und Mitgeschäftsführerin Mona Rübsamen holten private Investoren ins Boot. Als der Sender jetzt wieder 1,353 Millionen benötigte, wurde Renner von der Gesellschaft ausgeschlossen. Er wollte nicht zahlen, ohne dass Kühn und Rübsamen gehen. Renner bezeichnet den Vorgang als feindliche Übernahme. Er wartet auf die Revision seiner Klage gegen den Beschluss. Beide Parteien sind siegessicher. Kühn sagt: „Wir sind zwei Jahre lang mit angezogener Handbremse gefahren, jetzt sind wir endlich befreit.“

Erst einmal wollen sie aus dem Studio in der Brunnenstraße ausziehen, ihre Geschäftsräume von denen Renners trennen. Mit Renner lassen sie auch den Namen Motor FM zurück. Kühn, Rübsamen und ihr Team treten ab dem 23. August als Flux FM an. Und bleibt es beim rigorosen Verzicht auf Hörerzahlen-Optimierung? In den Büros von Motor FM/ Flux FM wurde in letzter Zeit des Öfteren Uwe Schneider gesehen, der als Programmchef Stationen wie Hundert,6 oder Hitradio RTL betreut hat. Ein Vertreter des Nischen-Radios ist er eher nicht. Kühn sagt: „Er verfügt über einen breiten Erfahrungsschatz, da ist Austausch immer interessant.“

Wie sonst soll man einen Radiosender dieser Größe finanzieren? Kühn und Rübsamen setzen auf Sonderwerbeformen, wie „Anthologie elektronischer Musik, präsentiert von Puma“ oder „Heimatabend mit Jägermeister“. 50 Prozent beträgt der Anteil an der Finanzierung bereits. Die Markenartikler zahlen nicht für Hörerzahlen, sondern für das Erreichen der Zielgruppe der „urbanen jungen Meinungsführer“, so Kühn. „Wenn wir die verlieren, stehen wir mit allen Sendern in Konkurrenz.“ Statt in Berlin mehr Hörer zu gewinnen, wollen die Flux FM Macher deshalb noch dieses Jahr in weiterenStädten einsteigen. Sie versuchen sich auch an Veranstaltungen, Marketing-Beratung und demnächst sogar im Bereich der Elektromobilität.

 

Foto: Promo