Berlin

Motorradclubs

Engel und Banditen. Stadt der Rocker – immer wieder streiten in Berlin konkurrierende Bruderschaften um Reviere. Wo die wilden Kerle wohnen. Ein Überblick

In der Berliner Rockerszene ist mehr los denn je, die zuweilen verfeindeten Motorradclubs gewinnen an Zuwachs, zuletzt hielt 2010 ein Rockerkrieg zwischen den größten Bruderschaften das Milieu in Atem. Die Polizei spricht von Revierkämpfen im Rotlichtmilieu, von Schutzgeld und Drogen. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat es den Behörden zufolge mehr als 430 vorläufige Festnahmen und 100 Haftbefehle gegeben. Bei Razzien habe man seit 2005 verschiedene Drogen im Wert von einer Millionen Euro beschlagnahmt, zudem knapp 450.000 Euro in bar. Die Behörden beobachten in Berlin rund 800 Männer in 17 Rockerclubs. Die Bruderschaften bestreiten jegliche kriminelle Aktivität.
Auch wenn es das Klischee vom Motorradfahrer in Lederkluft, mit Totenkopf-Tätowierung und ZZ-Top-Bart nicht erahnen lässt: In den Clubs gibt es strenge Hierarchien. Die Lederkutten der Mitglieder dienen der Zuordnung. Wie bei einer Armee ist auf den Westen oft der Rang des Einzelnen in seiner Bruderschaft abzulesen: etwa Präsident, Schatzmeister, Sergeant at Arms oder Prospect.
Die durch Muskeln, im Ernstfall auch Macheten, zur Schau gestellte Männlichkeit ist Geld wert. Viele Rocker arbeiten im Sicherheitsgewerbe, in Tätowierstudios, oder als Türsteher lukrativer Bars. Sie bestimmen, welche Geschäfte in den von ihnen kontrollierten Läden abgewickelt werden. Als oberste Regel gilt: Egal ob Täter oder Opfer, mit der Polizei wird nicht geredet.

Die zitty-Grafik zeigt, wo sich die wichtigsten Bruderschaften in der Stadt treffen – und wo es zwischen ihnen zuletzt Zusammenstöße gab.

        Hells Angels / Red Devils et al
Wie alles begann: 1948 in Kalifornien gegründet. Der Name geht auf eine US-Bomberstaffel im Zweiten Weltkrieg zurück.
Mitglieder: rund 200 Anhänger in der Region, darunter rechtslastige Ex-Hooligans, neuerdings aber auch junge Türken.
Unterstützer: Red Devils/Brigade 81
Treffpunkte:  Rote Punkte
Finanzierung: Einige Männer aus dem Umfeld sollen säumiges Geld von Freiern am Strich in der Oranienburger Straße eintreiben. Andere wiederum sollen mit Anabolika handeln. Bis vergangenen Herbst wurden sie von einem Polizisten vor Razzien gewarnt – die Kripo enttarnte den Spitzel
Zuletzt aufgefallen: Anhänger der Reinickendorfer Hells Angels überfielen im Januar einen Juwelier in Wedding, einer von ihnen wurde von der Polizei angeschossen. Mitglieder der Hohenschönhausener Hells Angels wurden vor kurzem wegen Erpressung eines Tätowierers verurteilt. Sie sollen ihm ein abgestochenes Schaf vor der Tür gelegt haben. Im August 2009 wurde in Wartenberg auf einen Ex-Hell-Angel geschossen, der sich mit Bandidos getroffen haben soll. Überläufer sind in der Szene nicht gern gesehen.
   
   Bandidos / Chicanos et al
Wie alles begann: 1966 von Vietnam-Veteranen in Texas gegründet.
Mitglieder: In der Region bis zu 200 Anhänger, darunter junge Araber und Türken –in westdeutschen Klubhäusern gab es dagegen auch Konzerte rechter Bands.
Unterstützer: Unter anderem Chicanos
Treffpunkte:  Gelbe Punkte
Finanzierung: Sicherheitsdienste und Schutzgeldgeschäfte sagen Ermittler den Bandidos nach. Vergangenes Jahr wurde in Frankfurt (Oder) ein Ex-Bandido festgenommen – er soll Drogen nach Deutschland geschmuggelt haben.
Zuletzt aufgefallen: Erst kürzlich wurden Bandidos-Anhänger wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen zu Haftstrafen verurteilt. Sie wollten in Weißensee zwei Hells-Angels-Türsteher bestrafen, die sich erst kurz zuvor von den Bandidos losgesagt hatten.   

 

Gremium
Wie alles begann: Bruderschaft deutschen Ursprungs, 1972 in Mannheim gegründet, mit bundesweit rund 1.000 Anhängern lange größter Club Deutschlands.
Mitglieder: rund 100 Anhänger in und um Berlin, darunter coole Altrocker, aber auch einige Ex-Neonazis.- Treffpunkte:  Blaue Punkte
Finanzierung: Viele arbeiten als Türsteher im Osten Berlins und im Umland.
Zuletzt aufgefallen: In Berlin und Potsdam haben sich Ex-Gremium-Männer zuletzt gruppenweise den Hells Angels angeschlossen.   

        Outlaws
Wie alles begann: 1935 im US-Bundesstaat Illinois gegründet.
Mitglieder: schätzungsweise 50 in der Region.
Treffpunkte und Finanzierung: unbekannt
Zuletzt aufgefallen: In Berlin sind die Outlaws kaum aufgefallen, in Westdeutschland dagegen gab es 2009 massive Auseinandersetzungen mit den Hells Angels – ein Outlaw wurde erstochen.    

       Mongols
Wie alles begann: 1969 in Kalifornien durch Vietnam-Veteranen lateinamerikanischer Abstammung gegründet, die wegen ihrer Herkunft nicht zu den Hells Angels durften.
Mitglieder: Zu Jahresbeginn präsentieren sich knapp 20 Rocker als örtlicher Ableger des  Clubs.
Treffpunkte:  Grüne Punkte  (zuletzt gesehen)
Finanzierung: unbekannt
Zuletzt aufgefallen: Vor rund zwei Wochen wurde ein Mongol in Tegel von Unbekannten angestochen. Ansonsten war die Bruderschaft zuletzt in Bremen aktiv. Dort sollen sich vor allem Männer aus einer einschlägig bekannten arabisch-kurdischen Großfamilie zu der Rockergruppe zusammengeschlossen haben. Auch in Berlin, so heißt es von Kennern, sollen Männer aus dem Umfeld eines bekannten Libanesenclans die lokale Dependance der Mongols bilden. 

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