DOKUMENTAR-PERFORMANCE

Schön ist’s aufm Land?

Die Freiluft-Performance „Müllrose All Inclusive – T4“ vom Ballhaus Ost setzt sich auf die Spuren von ­Rassismus und Antirassismus in Brandenburg

Von der Odergrenze nach Polen (Bild li.) bis zu den Apfelköniginnen von Guben geht die Performance-Reise – Foto: Produktion

Text: Tom Mustroph

Eine Open-Air-Performance im November? Das ist schon mal ungewöhnlich. Und auch – trotz des bislang milden Herbstes – sportlich. Warm anziehen sollte man sich also auf alle Fälle bei „Müllrose All Inclusive – T4“. Die Performerin Wanda Dubrau und die Puppenspielerin Annemie Twardawa zeichnen darin ein komplexes Bild des Berlin umgebenden Bundeslandes.

Krasser ­Rassismus ist Thema. Dubrau und Twardawa trafen bei ihrer Recherche aber auch auf Bürgerinitiativen, die den Diskurs drehen konnten. In Zusammenarbeit mit dem Ballhaus Ost präsentieren sie die Ergebnisse ihres Recherchetrips als Dokumentartheater. Wichtigstes Bühnenutensil ist der rote T4-Bus, mit dem die Berliner Künstlerinnen übers Land durch Brandenburg reisten und in dem sie mitunter auch übernachteten.

„Der Bus ist unsere Bühne“, meint Wanda Dubrau. „Ausgangspunkt für unsere Recherchereise war eine Statistik der Opferperspektive Potsdam. Darin war ein massiver Anstieg von rechtsmotivierten Übergriffen in den Jahren 2015 und 2016 ablesbar.“ Auch die Gewaltbereitschaft sei in dem Zeitraum extrem gestiegen. „Wir wollten als Berliner Künstlerinnen, die sich hier ja meist in einer Blase aus anderen Künstlerinnen und Künstlern befinden, einfach ­herausfinden, was so unmittelbar vor Berlins Haustür passiert“, beschreibt sie die Motivation für das Projekt.

Mehrere Wochen fuhr Dubrau mit ihrer Kollegin quer durchs Land. „Die ­Leute zu treffen und mit ihnen zu sprechen, war recht einfach. Wenn man nicht direkt mit der großen Kamera ankommt, beginnen die Leute schnell mit dem Erzählen“, berichtet Annemie Twardawa.

Herausgekommen sind komplexe und widersprüchliche Geschichten über Übergriffe und Alltagsrassismen, aber auch über Widerstand dagegen. Manchmal sind beide Aspekte sogar vereint in ein und derselben Person. „Wir haben viel Ambivalentes gefunden. Gerade weil es rechte Übergriffe gab, sind als Reaktion darauf positive Sachen entstanden, Leute etwa, die sich dagegen positioniert haben. Andererseits sind wir auch auf eigentlich ganz nette Leute gestoßen, die plötzlich alltagsrassistische Dinge sagten und dann, im nächsten Moment, wieder etwas ganz Schönes, ganz Poetisches von sich gaben“, beschreibt Twardawa das Pano­rama.

Verblüfft waren beide, dass manchmal die Verhältnisse in Polen noch krasser waren als in Brandenburg. So wollte Polen eine Zeit lang in Deutschland lebenden Geflüchteten den Weg über die Oderbrücken verbieten, später soll es dann eine Art Ausgangssperre für Geflüchtete gegeben haben.

Ausgewählt haben Dubrau und Twardawa nun acht Geschichten aus unterschiedlichen Orten und verknüpfen dabei die unterschiedlichen Ansätze von Puppenspiel und Performance. Eine Geschichte wird etwa durch das Zählen der Schritte von einem Auffanglager bis ins Stadtzentrum strukturiert. Eine wichtige Rolle spielen Handpuppen und Objekte: die Apfelköniginnen von Guben, Spreewaldgurken und eine Leiter.

Mit dabei sind auch die schicken T-Shirts der Brandenburger Kampagne „Schöner leben ohne Nazis“. In die sind nicht nur die beiden Performerinnen gekleidet, man kann sie auch selbst erwerben – gegen die aufziehende Novemberkälte und als politisch-ästhetisches Statement.

2. + 3.11., 20 Uhr, Treffpunkt Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Mitte. Von dort geht es dann mit den Performer*innen in einem Parcours zum Helmholtzplatz, wo vor dem Platzhaus die Performance stattfindet. Es wird empfohlen, sich der Wetterlage entsprechend anzuziehen. Eintritt 13, erm. 8 €