Was mich beschäftigt:

Muss ich den Holzmarkt mögen?

Die ganze Stadt ist vom Holzmarkt begeistert. Jung und alt freuen sich über das Kreativdorf am Spreeufer samt Club, Kita, Ateliers, Gästehaus, Restaurant und Bäckerei. Ein richtiges Leben im falschen scheint plötzlich machbar. Ist das wirklich so? Bei so viel Frohsinn beschleicht mich ein leichtes Unbehagen. Miesepetriger Neider, werden jetzt einige rufen! Doch die Erfolgsgeschichten, die Medienaufmerksamkeit, die Menschenmassen bei der Eröffnungsfeier am 1. Mai, all das regt dazu an, über die Ausformungen der Berliner Sub- und Gegenkultur nachzudenken.

Wie funktionierten bislang selbstverwaltete Wohn- und Arbeitsprojekte überhaupt? Von der Köpi und den Häusern in der Rigaer Straße über die Regenbogenfabrik, das Tommy-Weisbecker-Haus bis zur ufaFabrik – die Möglichkeiten eines alternativen Lebensentwurfs und die Erschließung von Stadtraum sind möglich und vielfältig.

Holzmarkt
Der Holzmarkt
Foto: Carolin Saage

Nun begründeten sich die historischen Beispiele sämtlich in einer mehr oder minder linken Ideologie. Damals erkämpften sich Gleichgesinnte ein Stück Stadt durch Besetzung und gestalteten es nach ihren Ideen. Das lässt sich über den Holzmarkt nun wirklich nicht sagen. Besetzt wurde nichts, politisch war das Unternehmen ebenfalls nicht, auch wenn seit den frühen Tagen der Bar25 auch über diesem Projekt ein diffuses politisches Verlangen stand: Der Wille anders zu leben und anders zu sein.

Linkes Milieu also nicht, aber eine radikale Partykultur, die einen eigenen Freiheitsbegriff entwickelte. Dieser hehre Wunsch hat sich nun in dem schicken Bauprojekt manifestiert. Wir haben es plötzlich mit einer neuen Qualität zu tun. Die Partykultur ist den Weg durch die Institutionen gegangen und im Mainstream angekommen. Was nicht weiter schlimm wäre, wäre da nicht die Vorgaukelung einer subkulturellen Attitüde. Es verstört, dass das bejubelte Partydorf eigentlich die Merkmale einer biederen Baugruppe trägt – einer auf gehobenen Lebensstil und Abschottung ausgelegten Baugruppe.

Denn der Holzmarkt präsentiert sich als autarkes, von der Stadt abgewandtes System, dessen Bewohner in ihrem selbst erschaffenem Reich arbeiten, feiern, essen und abhängen wollen und die eigenen Kinder sollen gefälligst in der eigenen Kita betreut werden. Mit dem „Draußen“ will man möglichst wenig zu tun haben, außer es ist Kundschaft. Die Hippies haben solche Stadtfluchtprojekte in Landkommunen verwirklicht. Beim Holzmarkt spielt sich die mit der Stadt fremdelnde Idee auf einem Filetgrundstück an der Spree ab. Berlin dient dabei höchstens als gewinnbringende Kulisse.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

Man sollte nicht vergessen, dass mit dem klug vermarkteten Image der Bar25 die nachfolgenden Clubs und Restaurants (KaterHolzig, KaterBlau, Fame, KaterSchmaus etc.) für einen stetigen Geldstrom sorgten und diese ökonomische Grundlage wohl zum Bau des jetzigen Holzmarktes führte.  Sonst hätte eine Schweizer Stiftung die Partymacher wohl kaum unterstützt und sich im Bieterverfahren um das Grundstück gegen finanzstarke Mitbewerber durchgesetzt.

Im Prinzip ist das Projekt der finale Ausverkauf einer Berliner Coolness. Hier lässt eine schlaue Gruppe von Partyveranstaltern Touris fürs Eigenheim tanzen und verwirklicht den Traum des Hipster-Kapitalisten. Damit ist der Holzmarkt nicht mehr und nicht weniger als ein mit den Farben der Subkultur angepinseltes mittelständisches Unternehmen, betrieben von der Toskana-Fraktion der Clubkultur.

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