Was mich beschäftigt

Muss ich Hertha gut finden?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Philipp Wurm

Was für eine Überraschung: Hertha BSC, dieser Zusammenschluss der Glücklosen, den man mit Trainerentlassungen und Torflauten in Verbindung bringt, ist auf einmal ein erfolgreicher Fußballverein. Der Klub aus dem Westend hat die zweitbeste Hinrunde der Vereinshistorie gespielt und steht auf dem dritten Platz. Dauer­kartenbesitzer träumen von Champions-­League-Spielen gegen Real Madrid. Und die „B.Z.“ wird poetisch: „Berlin kniet vor dieser Hertha“.

Allein mich lässt die Euphoriewelle kalt. Obwohl ich Fußballfan bin und jeden Samstagnachmittag den Bundesliga-Spieltag verfolge. Obwohl ich in dieser Stadt wohne, lebe, arbeite. Obwohl Berlin meine Hood ist.

Doch irgendwie hat mich Hertha nie in den Bann gezogen. Mir haben immer die Narrative gefehlt. Es gibt kaum Vereinsmythen, ob Erinnerungen an große Europapokalschlachten in den 70er-Jahren, Ex-Weltklassespieler in der VIP-Loge – oder auch einfach nur ein liebevoll gehegter Außenseiter-Status der Kategorie SC Freiburg. Noch nicht mal das Vereinsmaskottchen ist lustig. Die einzige Figur, die den Verein nachhaltig symbolisiert, ist Michael Preetz. Das sagt eigentlich alles.

Philipp Wurm Foto: Lena Ganssmann
Philipp Wurm Foto: Lena Ganssmann

Was nichts daran ändert, dass mich manchmal ein schlechtes Gewissen beschleicht, wenn mir Herthas aktuelles Wintermärchen gleichgültig ist: Müsste ich mir als Berliner nicht Mühe geben, mich für Hertha zu interessieren? Sollte sich die Verbundenheit zu einer Stadt nicht auch in Sympathien für den Fußballverein ausdrücken?

Woanders ist es ja auch so: In Dortmund feiern sie den BVB, in Gelsenkirchen den FC Schalke. In Köln, wo ich aufgewachsen bin, werden zu Ehren des FC sogar Gottesdienste im Dom abgehalten.

Wenn man bedenkt, dass ein Fußballklub einer Stadt so etwas wie Identität verleiht und vom Mathe-Professor bis zum Mann von der Müllabfuhr alle verbindet – ist es da nicht asozial, wenn man sich aus dieser Community ausklinkt?

Das Ding ist: In Berlin herrscht dieser monotheistische Kult um einen alles überragenden Klub gar nicht. Die Fußball-Landschaft ist ein Flickenteppich. Da sind die Zugezogenen, die im Exil ihre Fernbeziehung zu ihren Heimatklubs weiter pflegen – und Berlins Gastronomen beste Geschäfte bescheren, immer samstags um kurz vor 15.30 Uhr, wenn sie in die Fankneipen drängen. Meine Anlaufstelle: eine Spelunke in der Nähe vom Kottbusser Tor, wo das Bier aus dem Zapfhahn ungenießbar ist. Aber es werden halt die Spiele des 1. FC Köln gezeigt, des Vereins meiner Jugend.

Dann sind da noch die Hauptstadtklubs selbst. Klar, es gibt die alte Dame als Eminenz, die ein großes Mainstream-Publikum aus dem Berliner Westen anzieht. Aber alles in allem bietet sich ein Gruppenbild. Da ist Union für die Fußballpuristen, der BFC Dynamo für Rocker, Türsteher (und leider auch Nazis), TeBe für die Bildungsbürger – und, als emanzipierte Außenstelle vor den Toren der Stadt, der SV Babelsberg 03 für die Antifa.

So funktioniert Berliner Fußballkultur – als friedliche Koexistenz. Laissez-faire überall. Das passt zur Stadt, die doch auch in anderen Dingen stets liberaler als die Provinz sein will. Fußballerische Gesinnungsdiktate sind fehl am Platz. Was heißt: Man muss auch nicht unbedingt den prominentesten Verein der Stadt gut finden. Falls Hertha im kommenden Jahr allerdings wirklich gegen Real spielt, werde ich ­natürlich den Fernseher einschalten.