Was mich beschäftigt

Muss mein Kind in die Kita?

In dieser neuen Rubrik stellen sich ZITTY-Autoren große und kleine Gewissensfragen. Diesmal: Chefredakteur Stefan Tillmann

In Hinterhöfen erfährt man manchmal etwas mehr. In unserem Hinterhof, wo ich immer den Kinderwagen im Fahrradunterstand parke, stehen manchmal die Erzieher der Kita aus dem Erdgeschoss und rauchen. Ich hatte ihnen gegenüber lange Zeit ein schlechtes Gewissen, weil wir unser Kind nicht in ihre Kita schicken wollen. Sie hat keinen Garten, und die Kinder gehen zum Spielen meist auf den Spielplatz in Lidl-Nähe.

Stefan Tillmann

Inzwischen ist unsere Tochter 16 Monate alt, und wir kommen uns gegenüber den Erzieherinnen etwas komisch vor, weil wir sie bislang überhaupt noch nicht in irgendeiner Kita angemeldet haben. Doch dann überraschte uns eine von ihnen mit der Aussage, dass sie ihre Tochter nicht nochmal mit einem Jahr in die Kita schicken würde, die Kinder würden das noch gar nicht kapieren. „Wir sagen den Eltern zwar, dass es den Kindern nichts ausmacht, aber die leiden schon sehr.“

Und so wurde ausgerechnet eine Erzieherin eine heimliche Verbündete. Um uns herum müssen wir – und vor allem meine Frau – uns ständig rechtfertigen: Warum ist die Kleine nicht längst in der Kita? Wird sie nicht überbehütet? Lernt die Kleine denn keine Gleichaltrigen kennen? Und warum geht die Mutter nicht arbeiten? Seid Ihr etwa konservativ? Es gibt keinen Smalltalk, der nicht bei diesen Themen endet, die meisten beginnen dort.

In Berlin ist eine private Entscheidung offenbar sofort politisch. Dabei bin ich weder für die Herdprämie, noch dafür, dass Frauen zu Hause bleiben sollen. Wir haben einfach für uns entschieden, unsere Tochter erst mit zwei Jahren in eine Kita zu schicken. Meine Frau bleibt so lange ganz freiwillig zu Hause, und ich verdiene das Geld. Auch wenn das Konto manchmal überzogen ist, finden wir: Die Zeit mit dem Kind ist es wert.

Meine Frau hat lange und viel gearbeitet und freut sich über eine Zeit, die in dieser Intensität nie wieder kommen wird. Ich freue mich, dass das Modell so gut klappt, die Kleine wahnsinnig fröhlich ist und uns der Kita-Abhol-Einkauf-Haushalt-Stress erspart bleibt, den wir bei vielen anderen Eltern erleben.

Ich finde, es ist eine Errungenschaft, dass heute so viele Modelle möglich sind. Im Freundeskreis kennen wir alle möglichen Varianten, auch dass der Vater ganz zu Hause bleibt. Viele können sich das Modell Alleinverdiener nicht leisten, viele wollen es auch nicht. Und für manche Kinder ist es sicher besser, früh unter viele gleichaltrige Kinder zu kommen.

Dennoch scheint von allen Modellen das des ­Alleinverdieners am wenigsten Lobby zu haben. Man könnte ein paar Ärzte zitieren oder Studien, die sagen, dass Kitas zwar die kognitiven Fähigkeiten schulen, dass die Kinder aber mit einem Jahr emotional noch nicht so weit sind. Sie können schlichtweg nicht begreifen, warum Mutter und Vater plötzlich immer so viel weg sind. Ich habe gelesen, das Ich-Bewusstsein entstehe erst zwischen 18 und 24 Monaten, wenn die Kleinen sich im Spiegel erkennen. Unserer Tochter hat das gerade gemacht. Mir wurde klar, dass kleine Kinder, die schon so viel können, eigentlich immer noch sehr wenig kapieren.

Aber das muss jeder selbst für sich entscheiden. Merkwürdig finde ich nur, dass in unserer Gesellschaft dem Job und der Arbeitswelt eine dermaßen hohe Bedeutung beigemessen wird. Ehrlich gesagt fand ich die Elternzeit, die ich nahm, wesentlich erfüllender – und zum Teil auch anstrengender – als all die Tage, in denen ich im Büro am Schreibtisch vor einem weißen Computer sitze.

Frauen, die eine zeitlang oder für immer zu Hause bleiben, wird gesagt, dass sie sich in eine Abhängigkeit begeben und unemanzipiert seien. Gut, die Abhängigkeit muss jedes Paar mit sich selbst ausmachen. Aber dass Emanzipation immer über den Job und die Marktlogik definiert wird, finde ich seltsam. Ist es nicht wesentlich emanzipatorischer, sich der Arbeitslogik zu entziehen und auf das zu setzen, was einem wirklich wichtig ist: Familie, Ruhe und Zeit?

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Foto: Lena Ganssmann
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