Berliner Kunsthäuser

Mwangi Hutter in Wedding

Zwischen Nairobi und Berlin: Das Duo Mwangi Hutter hängt Dreadlocks an Ballons, filmte auf einer ­Müllkippe und lädt jetzt in der Galerie Wedding zu Fingermalereien in schwarzer Farbe ein

Mwangi hutter: "Circling Around Otherness"

Galerie Wedding: Passanten und Obdachlose haben Gedichte und Sprüche in die schwarze Fensterfarbe geschrieben. Die Scheinwerfer der Autos auf der Müllerstraße werfen durch die Schrift hindurch bewegte Ornamente auf den Galerieboden

Die Schaufenster der Galerie Wedding sind mit schwarzer und weißer Kreide­farbe bemalt, und wer näher tritt, bemerkt schnell, dass sich die Farbe verwischen lässt. So wird der Blick in die Räume frei – ein Aha-Moment: Lasst euch nicht von der äußeren Erscheinung trügen.
Die Arbeit auf Glas gehört zur Ausstellung „Circling Around Oneness“ des Künstlerduos Mwangi Hutter. Nahe liegt der Bezug zum Aussehen der Künstler: Robert Hutter ist hell-, Ingrid Mwangi dunkelhäutig. Sie lieben das Spiel mit den Assoziationen. „Wir wollen politische Brisanz gleichzeitig herausnehmen und hineingeben“, sagt Hutter. Mwangi und Hutter, beide 1975 geboren, arbeiten zusammen, sind miteinander verheiratet und haben vier gemeinsame Kinder. Sie pendeln zwischen Ludwigshafen, Hutters Geburtsort,  Nairobi, wo Mwangi geboren ist, und Berlin. Das Duo kennt sich aus dem Kunststudium in Saarbrücken. Seit 2005 treten sie als Mwangi Hutter auf: mit einem Doppelnamen, unter dem sich auch eine ­eigene einzelne Person vorstellen lasse, wie Mwangi sagt.
Die Performance ist für sie das direkteste Genre, aber sie nutzen gleichermaßen auch Fotografie, Video, Malerei und Skulptur. Meist tritt das Ehepaar selbst auf, gelegentlich sind es ihre Kinder. So ist in Wedding eine Tochter in einer Video- und einer Fotoarbeit zu sehen: Die Dreadlocks der jungen Frau hängen an schwarzen Ballons. Mit einer Rasierklinge schneidet sie die Strähnen nach und nach ab. Der menschliche Körper ist immer wieder Thema. Mwangi Hutter beobachten, bemalen, verhüllen, verletzen ihn.

In den herausfordernden Performances erkennt die Kuratorin N’Goné Fall einen therapeutischen Ansatz: „Es ist eine Form der persönlichen Introspektive der Künstler und eine Einladung zum kollektiven Exorzismus“. Mwangi Hutter verarbeiten persönliche Erlebnisse und Traumata, machen auf Missstände aufmerksam wie gesellschaftliche Unterschiede aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. So haben sie auf einer Müllkippe in Nairobi gedreht, die die Lebensgrundlage für die Ärmsten der Stadt darstellt.
Essentielle Themen wie Liebe, Tod  und Zusammengehörigkeit bilden den Kern ihres Werks.„Wir versuchen, etwas Universelles im Spezifischen zu finden, das Allgemeingültige im Selbst“, sagt Mwangi. In ihrer Arbeit lassen sich politische Botschaften lesen, doch wie schätzen sie ihre Einflussmöglichkeiten ein? „Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht von außen lösen, es braucht eine Veränderung im Inneren der Menschen“, sagt Mwangi. Und Hutter ergänzt: „Kunst kann eine Person verändern, und sie kann wiederum etwas bewegen.“ Der Betrachter muss dazu jedoch bereit sein. Mwangi Hutter bieten dafür die nötigen Impulse.

Bis 21.1.: Galerie Wedding, Müllerstr. 146/147, Wedding, Di–Sa 12–19 Uhr, 24.– 26.12. 2016 sowie am 31.12.2016 geschlossen. Eintritt frei

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