Berlin

Mythos Schöneberg

Risiko, Ex’n’Pop, Loft, Café Swing, K.O.B.: Einst war in Schöneberg der Teufel los. Wie ist die Punk-Revolution in den gutbürgerlichen Stadtteil gelangt? Und wo ist die künstlerische Energie bloß hin? Eine Spurensuche nach einer verlorengegangenen Zeit

Zwischen Punk und Exzess in Schöneberg
Foto: Anno Dittmer

Bettina Köster wartet im Cafe M. Die Wahl des Treffpunkts war einfach. Das M ist so ziemlich der einzige Laden, der in diesem großartigen, wilden, dunkel schillernden Schöneberg von damals eine Bedeutung hatte, heute aber noch existiert. Und auch noch ungefähr so aussieht wie in der Erinnerung. Die Toiletten sind immer noch schwarz gefliest, die Klotüren mit Graffiti und Aufklebern übersät, die Tresenkraft kultiviert ein freundliches Desinteresse und vermittelt souverän das Gefühl, sie jobbe nur noch solange hier, bis ihr der Durchbruch als bildende Künstlerin gelungen sein wird.

Das Café M. 1986

Eine Suche nach den Spuren, die geblieben sind von der Schöneberger Subkultur der Achtzigerjahre, muss wohl also zwangsläufig hier beginnen in der Goltzstraße, in dieser Kneipe, in der Nick Cave und Blixa Bargeld ein- und ausgingen und die ursprünglich Mitropa hieß, bis sie von der gleichnamigen Speisewagengesellschaft der Reichsbahn dazu gezwungen wurde, sich umzubenennen. Das Mitropa war in den Achtzigern eine Ecke des berüchtigten Bermudadreeicks, das von Risiko und Ex’n’Pop vervollständigt wurde, und in dem nicht nur Bargeld und Cave regelmäßig verschwanden, bis sie das Morgengrauen wieder ausspuckte.

Ein Video aus dem Cafe M. Anfang der 80er (lässt sich leider nicht einbetten)

Heute sind die meisten Orte aus jener Zeit verschwunden, viele weitgehend vergessen. Wie das K.O.B., eine Kneipe in einem besetzten Haus in der Potsdamer Straße, in der Kino und Konzerte stattfanden. Eine Veranstaltungsreihe vom 16. bis 19. November am Originalschauplatz soll noch einmal erinnern an die verlorenen Zeiten, bevor im ehemaligen K.O.B. eine Kino-Bar einzieht. Und damit auch erinnern an einen Kiez, in dem, obwohl eingeklemmt zwischen Kreuzberg und Kudamm, ein kurzes, aber heftiges Jahrzehnt lang der kulturelle Puls Berlins schlug. Hier stürzten fast alle ab, die in den Achtzigerjahren Kunst machten, an die man sich heute noch erinnern mag, hier wurde sogar die Grundlage gelegt für das, was später der Berliner Techno werden sollte.

Exzess im Risiko

Die Erinnerung an diese Zeiten strahlt manchmal allzu grell wie im Fall des legendären Risiko, viel öfter aber ist sie bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Dass das heutige Schöneberg einen Aufschwung erlebt, dass in der Potsdamer Straße interessante Restaurants eröffnet werden, dass kleine Galerien spannende Kunst zurückbringen und mit dem neueröffneten Graffiti-Museum Urban Nation die Street Art einen institutionellen Platz in der Bülowstraße bekommen hat, auch das führt schmerzhaft vor Augen, wie viel lebendiger dieses Viertel einst doch gewesen ist – und lange nicht mehr war.

Malaria-Gründerin Bettina Köster Anfang der Achtziger, als sie in Schöneberg die Szene-Keimzelle Eisengrau betrieb
Fotos: Gudrun Gut

Deshalb muss diese Spurensuche auch beginnen mit Bettina Köster, die mit Malaria eine der wichtigsten Bands gründete, die je aus Berlin kamen. Köster eröffnete nur wenige Meter entfernt vom Cafe M mit dem Eisengrau den Laden, der so etwas wie die Keimzelle der Schöneberger Szene wurde – und war zusätzlich auch noch dafür verantwortlich, dass Nick Cave nach Berlin kam, um hier zum Stadtheiligen aufzusteigen.

Auch andere reklamieren für sich, Cave in die Mauerstadt gelotst zu haben, aber Köster erzählt die Geschichte so: Ende der Siebzigerjahre tourt die Frauenband Malaria in den USA, in Washington, DC, spielt sie mit der australischen Lärm-Band Birthday Party. Deren Mitglieder leben zu der Zeit im teuren London und „sind knatterarm“, erinnert sich Köster. Sie und ihre Bandkolleginnen erzählen von Berlin und wie billig das Leben dort sei. Kurz darauf ziehen Birthday Party nach Berlin, nach ihrer Auflösung 1983 startet der spillerige Sänger Nicholas Edward Cave von hier aus eine Solokarriere, die einen recht erfolgreichen Verlauf nehmen wird.

Zu diesem Zeit war Köster schon auf dem Sprung nach New York. Vorher, bereits 1979, hatte sie in der Goltzstraße, keinen Block Richtung Süden entfernt vom Mitropa, eine Ladenwohnung gemietet. Die war mit 600 Mark im Monat für Westberliner Verhältnisse dermaßen teuer, weil Geschäftsräume nicht der Mietpreisbindung unterlagen, dass Köster gezwungen war, hier nicht nur zu wohnen. Sie und Gudrun Gut, die zufällig auf dem Fahrrad vorbeigefahren kam, wohnen im hinteren Teil, vorne aber eröffnen sie einen Laden, den sie Eisengrau nennen.

Die beiden verkaufen Klamotten von jungen Designern oder aus Italien, aber auch ein wenig Kunst, veranstalten kleine Happenings und Konzerte, zeigen experimentelle Super-8-Filme. Blixa Bargeld wird Stammgast, Gudrun Gut wird Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten, die entstehende Schöneberger Szene trifft sich hier, wenn sie nicht beim Zensor abhängt, einem legendären Plattenladen um die Ecke, und auch der spätere Neubauten-Bassist Alexander ­Hacke und die Schauspielerkinder Meret und Ben Becker hängen ab im Eisengrau. „Meret war acht, Ben und Alex waren dreizehn, die kamen zum Schuleschwänzen zu uns“, erinnert sich Köster. Irgendwann stand Otto Sander, der Ziehvater von Meret und Ben im Laden und bat: Schickt doch die Kinder nach Hause. „Wir waren der allererste Konzept-Store“, grinst Köster, „aber wir hatten damals natürlich keine Ahnung, was das ist.“

Der Sound der Subkultur

Als sie draußen in der frühwinterlichen Abendkühle steht, kann sich Köster nicht mehr genau erinnern, wo in der Goltzstraße das Eisengrau war. Nummer 37 oder 39? Der „Hobby-Shop Wilhelm Rüther“ oder die schicke Kaffee-Rösterei? Alles lange her, Köster ist 58 Jahre alt mittlerweile. Aber nein, es muss der Hobby-Shop gewesen sein, ganz sicher.

1982 inszeniert Neubauten-Gründer N.U. Unruh mit anderen im Hinterzimmer des Risiko die Performance: „Hypnotischer Krach“
Fotos: Anno Dittmer

1983 macht sich Köster, angestachelt vom internationalen Erfolg von Malaria und ihrem Hit „Kaltes klares Wasser“, auf nach New York und übergibt das Eisengrau an Bargeld. Da brummt Schöneberg längst zum Sound der Subkultur. An jeder Ecke gibt es nun Kneipen, in denen alte Möbel oder gar keine Möbel und ungelernt-schnoddrige Kellner signalisieren, dass die Punk-Revolution nun vom Arbeiterbezirk Kreuzberg auch ins eigentlich gutbürgerliche Schöneberg hinüber geschwappt ist.

1982 im Hinterzimmer des Risiko während der Performance „Wassermusik“ Foto: Anno Dittmer

Fortan vibriert das Leben in Kneipen wie der Domina Bar, dem Rössli, dem Caledonia oder dem Kumpelnest 3000 in der Lützowstraße, das zwar offiziell in Tiergarten liegt, gefühlt aber zu Schöneberg gehört. Das Risiko an den Yorckbrücken wird schon zu Lebzeiten zum legendären Absturzschuppen, in dem Blixa Bargeld hinter der Theke steht und Nick Cave zum Stammgast wird. Das Ex‘n‘Pop zieht mehrfach um, liegt aber irgendwie immer gleich um die Ecke. Es gibt Schwulen-Hotspots wie Tom‘s Bar, eine Biker-Kneipe wie das Sexton, das Penny Lane, ein ehemaliger Frisörsalon, oder eben das direkt daneben liegende K.O.B., ein enger Schlauch in einem besetzten Haus in der Potsdamer Straße, das dem SO 36 als wichtigster Konzertort für Punk-, Hardcore- oder Ska-Konzerte Konkurrenz macht.

Aufgenommen 1988 im Kumpelnest 3000: Der Plan und „Kennen sie Köln?“

Überhaupt Musik: Bei Mr. Dead & Mrs. Free bekommt man die geilsten Indie-Platten, bei Downbeat die seltensten Reggae- und Dub-Scheiben und beim Zensor gute Ratschläge, was man am allerbesten hören sollte. Auch Konzertveranstalterin Monika Döring, die in der Steglitzer Music Hall die ersten Punk-Konzerte organisiert hatte, ist umgezogen und programmiert nun das Loft am Nollendorfplatz. In dem im selben Gebäude liegenden Metropol finden größere Konzerte statt, wenn dort keine schwulen Partys gefeiert werden. Gegenüber im Café Swing spielen zwei Mal in der Woche nachts ums eins Nachwuchsbands, die Rainbirds oder Jingo de Lunch feiern hier Premiere. Auch im Quartier Latin, im selbstverwalteten Jugendzentrum Drugstore oder im Empire, in dessen Räumen in einem Hinterhof in der Hauptstraße später das Ecstasy eröffnen wird, finden damals Konzerte statt.

Blechreiz live im K.O.B., 1991

Zum Ende der Achtzigerjahre schließlich wird in Schöneberg auch noch der Berliner Techno auf den Weg gebracht: Dimitri Hegemann, der den Tresor eröffnen wird, betreibt damals das kunstbeflissene Fischlabor in der Frankenstraße. Love-Parade-Erfinder Dr. Motte organisiert um die Ecke, in der Turbine Rosenheim in der Eisenacher Straße, die ersten kleinen Partys mit elektronischer Musik. Als die Mauer fällt, werden sie und andere losziehen und die neuen Brachen besetzen. So wurde Schöneberg zum Ausgangspunkt einer Kultur, die inzwischen das Bild Berlins in der Welt bestimmt.

Geht man heute durch Schöneberg, findet man kaum noch Zeugnisse dieser aufregenden Zeit. Eher im Gegenteil: Das Viertel schläft wieder seinen gutbürgerlichen Dornröschenschlaf, aus dem es für ein gutes Jahrzehnt erwacht war, um dann wieder in ihn zurückzufallen, als sukzessive ein Laden nach dem anderen schloss und nach dem Mauerfall immer mehr Protagonisten in den Osten gingen, um dort die neuen Freiheiten und leeren Räume zu nutzen.

Konzertpause im Loft
1983 schneidet Cassia dem als „Zahnbürste“ bekannten Punk während einer Konzertpause im Loft spontan die Schamhaare
Foto: Anno Dittmer

So kommen einem heute am frühen Nachmittag statt abgemergelter Gestalten, die auf Speed nach einer letzten oder ersten offenen Kneipe suchen, ältere Damen in Designer-Klamotten entgegen, die gerade so viel Lippenstift in einer leicht exzentrischen Farbe aufgelegt haben, dass man sich gut vorstellen kann, wie sie einst mit grün gefärbten Haaren an der Theke der Domina Bar saßen. Ansonsten gibt es viele Kinder in Schöneberg, sehr viele Kinder. Und einen Aufschwung zu beobachten: Viele neue Restaurants, meist gehobene Kulinarik, und neue Galerien beginnen das zwischenzeitlich verschlafene Viertel neu zu beleben.

Aber wo früher in der Gleditschstraße krachige Hardcore-Platten verkauft wurden, residiert nun die „Hebammenpraxis Babyrund“. Im ehemaligen Risiko ist schon lange ein Reisebüro, in das sich immer wieder, erzählt der Besitzer, sentimentale Veteranen und junge Berlin-Touristen verirren. Das Caledonia ist zwar noch eine Bar, aber heißt nun Green Door und verkauft Cocktails namens „Royal Bermuda Yacht Club“ für 13 Euro. Und dort, wo einst das Fischlabor war, wirbt nun das Restaurant Mattea mit dem Slogan „Wie zu Hause“. Es gibt kulinarische Ateliers, Nachhilfezentren, Second-Hand-Läden für Kinderklamotten, französische Patisserien und Vintage Furniture.
Folgerichtig kann man heute auf Schöneberger Straßen Mütter belauschen, wie sie auf ein Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigen und sagen: „Und da kann man auch gut essen gehen.“ Nein, erinnert sich Bettina Köster, „wir haben kaum was gegessen, wir haben viel getrunken.“ Und nicht nur das: Speed und schlechtes Koks befeuerten die kreative Explosion der Achtzigerjahre. Die Folge: Im Vergleich zu Kreuzberg ging es in Schöneberg damals, erinnert sich Köster, „zwar weniger militant, aber dafür auch etwas künstlerischer zu“. Oder anders gesagt: Kreuzberg, das war Punkrock, in Schöneberg wurde Punk zu Kunst verfeinert.

Ab ins Bermudadreieck

Tatsächlich: Wenn man heute so zurückschaut, was künstlerisch geblieben ist aus dem Westberlin der Achtzigerjahre, dann sind das die Einstürzenden Neubauten, Malaria und die Genialen Dilletanten wie Die Tödliche Doris um Wolfgang Müller, der vor ein paar Jahren mit „Subkultur Westberlin 1979 – 1989“ ein Buch über diese Zeit geschrieben hat, in dem es allerdings vor allem um ihn selbst geht. Vielleicht deshalb verlief die Geschichtsschreibung etwas einseitig: Die glorreichen Eighties, die in Filmen, Büchern und Ausstellungen gern gefeiert werden, scheinen sich vornehmlich in Kreuz­berg abgespielt zu haben – und im Risiko.

1983 in Penny Lane’s Frisörsalon: Wolfgang Müller (links) und Nikolaus Utermöhlen eröffnen eine Ausstellung der Tödlichen Doris
Fotos: Anno Dittmer

Im Bermudadreieck zwischen Risiko, Mitropa und Ex‘n‘Pop verschwand auch Jörg Buttgereit regelmäßig: „Ich hatte Glück, dass ich damals keinen Alkohol getrunken habe.“ Vielleicht kann er sich deshalb noch erinnern, dass er einst beobachten durfte, wie Wolfgang Müller und Blixa Bargeld im Ex‘n‘Pop in einer Badewanne saßen, mit Fischen warfen und das dann Performance nannten und „Wassermusik“ tauften. „Das Extrem war Normalität“, so Buttgereit, „deshalb konnte das auch nicht lange gutgehen.“

Der NDR 1989 über die Einstürzenden Neubauten

Aber so lange es gutging, war es großartig. Der Filmemacher ist in Schöneberg geboren und aufgewachsen, er hat das Viertel nie verlassen und wohnt heute noch dort. Buttgereit ging schon ins Risiko, als das noch gar nicht so hieß, sondern Blocksberg und eine von Lesben geführte Frauen-Kneipe war, in der die Kunststudentin Bettina Köster Fotos ausstellte. Wie wenig ideologisch es damals zuging, zeigt, dass Buttgereit im Blocksberg die Premiere seines Kurzfilms „Blutige Exzesse im Führerbunker“ feiern durfte. Später zeigte er als Filmvorführer im Schöneberger Kino Xenon Original-Fassungen von Horrorfilmen, die man sonst in Deutschland nirgendwo sehen konnte, oder auch auf dem Index stehende Filme wie „Gesichter des Todes“ oder Autopsie-Dokumentationen. „Das ging auch manchmal an die Grenze des Zumutbaren“, sagt Buttgereit.

Nekromantik von Jörg Buttgereit

Während der langen Nächten mit Filmen von Russ Meyer, John Waters oder Abel Ferrara war der Kinosaal rauchgeschwängert, die Hunde der Punks streiften durch die Reihen. Im Xenon entstand zum großen Teil auch Buttgereits legendärer Schocker „Nekromantik“, heute ein Klassiker des Underground-Kinos. Das Xenon wurde zum wichtigen Teil des Underground-Netzwerkes. „Darum ging es mir damals, um den Aufbau einer subkulturellen Infrastruktur“, sagt Buttgereit heute, „Wir wollten nichts kaufen, was aus der Unterhaltungsindustrie kam. Wir haben lieber selber gemacht.“

Die Folge war ein vibrierendes Viertel, in dem sich die verschiedenen Subkulturen befruchteten, die Künstler bei denselben Dealern einkauften wie die unübersehbare Junkie-Szene am Nollendorfplatz. Punks, Schwule, Hausbesetzer, Drag Queens, Alt-Hippies und New Waver frequentierten dieselben Läden. „Es ging um Gegenkultur“, sagt Buttgereit. „Es ging spielerischer zu als in Kreuzberg, weniger politisiert“, glaubt Köster.

Das will Regina Holzkamp nicht so stehen lassen. Sie wohnte in den Achtzigerjahren im Hausprojekt in der Potsdamer Straße 157, das im Parterre des Vorderhauses die Besetzerkneipe K.O.B. beherbergte. „Es ist eine Fehlannahme, dass Schöneberg so viel unpolitischer war als Kreuzberg. Auch hier kam viel Kultur aus den besetzten Häusern und war entsprechend politisiert“, sagt sie und zählt die anderen Häuser auf, die in den Achtzigerjahren sukzessive legalisiert wurden. Dort entstanden Besetzer-Kinos und Pläne für Piraten-Radios, Keimzellen, aus denen sich später Frontkino oder Radio 100 entwickeln sollten.

Politischer Leuchtturm K.O.B.

Das K.O.B. aber war zweifellos der politisch motivierte Leuchtturm in Schöneberg. In dem in einem Hinterraum errichteten Kino mit 46 Plätzen zeigten verschiedene Kollektive Filme aus Lateinamerika oder zu den Studentenprotesten des Jahres 1968 in Paris. Holzkamp war aktiv im „Furienkino im K.O.B.“, das Filme von Frauen zeigte, aber auch vor dem damals hierzulande völlig unbekannten Bollywood-Kino nicht zurückschreckte. In der Kneipe drängten sich bei vollkommen überfüllten Konzerten schon mal über 300 Menschen, aber die Besetzer kümmerten die polizeilichen Vorschriften wenig.

1986 spielten Kukl mit der damals 20-jährigen Björk gleich zweimal im K.O.B.
Foto: Roland Owsnitzki

Im K.O.B. spielten Die Toten Hosen, wenn auch nicht unter ihrem Namen, holländische Hausbesetzer-Bands wie The Ex, Punk-Legenden wie U.K. Subs, baskische Polit-Kombos wie Kortatu, aber auch die jungen Element of Crime, Berliner Bands wie The Nirvana Devils mit dem verstorbenen tip-Musikredakteur und Ex-Ärzte-Bassisten Hagen Liebing oder später legendäre Bands wie My Bloody Valentine, Young Gods oder Chumbawamba. Kukl, die erste Band von Björk, füllte das K.O.B. im Februar 1986 gleich an zwei Tagen hintereinander. „Wir hatten einen politischen Anspruch, den mussten auch die Filme, die wir gezeigt haben, und die Bands, die im K.O.B. gespielt haben, einlösen – zumindest teilweise“, sagt Holzkamp.

Björk mit Kukl 1986

Bis 2001 gab es das K.O.B., dann zog mit dem Ex’n’Pop eine andere, legendäre Kneipe in die Räume ein. Nun hat auch das Ex‘n‘Pop aufgegeben, demnächst aber soll der Laden wiedereröffnet und auch das Kino reaktiviert werden. Bevor die Kino-Bar unter dem Namen Barton Fink eröffnet, nutzt Holzkamp die Zeit für eine Veranstaltungsreihe, die dafür sorgen soll, „dass diese Geschichte nicht vergessen wird“. Kinoabende, Konzerte, Radio-Shows und Diskussionen mit Zeitzeugen von damals wie Katharina Franck von den Rainbirds, Uwe Bauer von den Fehlfarben oder Jörg Buttgereit sollen die alten Zeiten wiederaufleben lassen.

Nick Cave mit Blixa Bargeld und den Bad Seeds 1990 (auf youtube)

Viele allerdings, die man gerne zu solch einem Klassentreffen begrüßen würde, sind mittlerweile tot wie Alex Kögler, der Betreiber des Risiko, Roland S. Howard oder Tracy Pew, Gitarrist und Bassist von Birthday Party. Andere, von denen man sicher dachte, dass sie nicht alt werden würden, sind noch am Leben, wie Pogo, der kleine, blonde Punk, der bei jedem Konzert im K.O.B. und im SO 36 ebenso dabei war wie bei jeder Demo – und dabei meistens vollkommen betrunken.

1982 inszeniert Neubauten-Gründer N.U. Unruh mit anderen im Hinterzimmer des Risiko die Performance: „Hypnotischer Krach“
Fotos: Anno Dittmer

Zusätzlich verschwinden nun langsam auch die letzten Orte, die noch an die wilden Achtziger erinnern könnten. Das Drugstore wird zum Ende des Jahres wohl schließen müssen, Mr. Dead & Mrs. Free wollen im Frühjahr 2018 zumachen. Schöneberg ist nicht mehr das, was es einmal war. „Aber das ist ja richtig so“, sagt Bettina Köster, „alles bewegt sich in Wellen, alles vergeht.“

Bei Nick Cave zuhause (Ausschnitt aus B-Movie)

Das Vergehen begann schon in den frühen Neunzigern: Ein ganz normaler Abend im Ex’n’Pop. Ein ganz normaler Arbeitstag, irgendwann drei Uhr früh. Der Laden ist fast völlig leer, aber irgendjemand schafft es, den Barkeeper zu überzeugen, dass der erlaubt, über die Anlage der Kneipe eine Musikkassette abzuspielen, die der Gast mitgebracht hat. Auf der Musikkassette: der Lärm, den Betonplatten veranstalten, wenn sie aus zehn Meter Höhe durch ein Loch im Dach einer verlassenen und leeren Werkshalle fallen. Der Gast hatte das Band in einer verlassenen Werkshalle aufgenommen, indem er Betonplatten durch ein Loch im Dach auf den Betonboden hatte fallen lassen. In diesem Moment, als dieser reine, ungetrübte, wundervolle Lärm durch den nahezu menschenleeren Raum hallte, fühlte sich auch das Ex & Pop an wie ein verlassene Werkhalle. Die Arbeiter waren weiter gezogen, Nick Cave hatte Berlin da fast schon wieder in Richtung Brasilien verlassen, Blixa Bargeld spielte schon Gitarre bei den Bad Seeds, Björks Band hieß jetzt Sugarcubes und trat zwar immer noch in Schöneberg auf, aber nicht mehr im K.O.B., sondern in einem rappelvollen Metropol, Bettina Köster reiste durch die weite Welt. Schöneberg war nicht mehr dasselbe, die Welt würde bald nicht mehr dieselbe sein, die Achtzigerjahre waren zu Ende, unwiederbringlich.

„Wer schreibt unsere Geschichte, wenn nicht wir selbst? Schöneberger Subkultur in den 80er Jahren“:
Do 16.–So 19.11., Ex-K.O.B., Potsdamer Str. 157, Schöneberg, Programm: bit.ly/Zeitreise-80iger

Kommentiere diesen beitrag