Berlin

Mythos SO36

Von alten Helden und wilden Nächten: Blicke ins Herz der Kreuzberger Subkultur

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Foto: Norbert Michalke / tip Bildarchiv

Das SO36 ist eine Legende. In dem schmalen Saal wurden Helden geboren und Schlachten geschlagen. Einige der aufregendsten Partys im West-Berlin der 80er-Jahre fanden hier statt. Heute, fast 38 Jahre nach dem Eröffnungsfestival, ist der kollektiv organisierte Club im Kiez fest verwachsen, bietet neben Konzerten auch Bingoabende, schwule Clubnächte, Lesebühnen, Nachtflohmärkte, Rollschuhdisco. Der Laden ist ein kleines gallisches Dorf, wurde von seinen Unterstützern mehrfach vor der Pleite und der Gentrifizierung gerettet. Jetzt ist ein Buch über ihn erschienen. Wir haben, Musiker, Macher und Mitfeiernde gebeten, uns ihre besten Geschichten aus dem legendären Laden zu erzählen.


Wie alles begann

Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten und Gründungsmitglied von Nick Cave and the Bad Seeds, über die Geburt von Legenden

1978: Die Geburt des SO36. Der Bau der Mauer wurde nachträglich mit einem Festival gefeiert. Alle möglichen Punkbands und Pseudopunkbands aus der westdeutschen Republik waren eingeladen. Während ich da so stand, kamen ein paar Jungs auf mich zu, fünf oder sechs Jahre jünger als ich, und sie haben mich gefragt, ob ich ein Instrument spiele, und ich sagte: Ich spiele Gitarre. Da meinten sie, Gitarre haben wir schon, ob ich nicht singen könnte. Ich dachte hm, ja, okay, vielleicht kann ich ja singen. Die Band hatte noch keinen Namen. Die hatte sich gerade gegründet. Aber sie hatte einen Übungsraum. Einer von den Jungs, Marius del Mestre, ist später der Gitarrist von Ton Steine Scherben geworden.


Durch die Wand

Volker Hauptvogel, Sänger von Mekanïk Destrüktïw Komandöh, über Notausgänge

Um 1981 war das SO36 ziemlich verrottet. Wir sind am Abend mit Jello Biafra und den Dead Kennedys aufgetreten. Nun gab es aber ein Management dort und eine Vorband würde nicht gehen, sagte der Techniker. Ich behauptete, der Besitzer des SO36 zu sein und dass wir da spielen müssten. Daraufhin: Ja super, macht das! Und schon waren wir die Vorband von Jello Biafra. Die Bude war unglaublich voll, es waren 1.000 Leute da. Und wir waren Backstage und kamen nicht mehr raus. Es gab auch keinen Notausgang. Dann hat irgendjemand ein Loch in die Wand geschlagen. Wir sind durch das Loch auf den Hinterhof geklettert. Gespielt haben wir später trotzdem noch.


Der Weg in die Freiheit

Erik Steffen von der SO36-Buchgruppe über Polizeigewalt und Fluchten aus dem Club

Anfang der 80er-Jahre, als viele Häuser in Kreuzberg geräumt worden sind, gab es ein Haus am Heinrichplatz, das im Wesentlichen von Frauen besetzt worden war. Als es zur Räumung mit schwerem Gerät kam und sich die Polizei durch das extrem gesicherte Haus durchgekämpft hatte, waren die Besetzerinnen verschwunden. Die hatten sich einen Fluchttunnel zum SO36 gebuddelt. Das ist etwa so eine Luftlinie von 50 bis 60 Metern.

Foto: Norbert Michalke / tip Bildarchiv
Foto: Norbert Michalke / tip Bildarchiv

Eines der spektakulärsten Ereignisse im SO36 war das Silvester 1987. Der Mietvertrag lief aus. Die Zukunft war ungewiss. Es gab viel Gewalt und Militanz in Kreuzberg, am 1. Mai hatte der Bolle Supermarkt gebrannt. Das schrie nach einer großen Feier. Als Überraschungsgast sollten um Mitternacht die UK Subs spielen. Der Laden war voll. Es gab einen riesigen Rückstau auf die Straße. Und die Polizei hatte vor, das Ganze zu stürmen. Sie kam nur an den Leuten nicht vorbei. Es entwickelte sich das Übliche: Auseinandersetzungen und Tränengas. Die Stimmung im Raum war relativ aggressiv. Als das Tränengas immer massiver eingesetzt wurde, von außen durch den Gang geschossen wurde, kam es zu Panikreaktionen. Also ab in den Hof! Da wurden Räuberleitern gebaut, dass man verschwinden konnte. Die anderen sind stoisch drin geblieben. Die Polizei ist nicht reingekommen. Aber die Stimmung war im Arsch. Die UK Subs waren zum Glück schon da, haben ihr Konzert gespielt. Drin alles voll mit Wasser und Tränengas, die Leute mit Erstickungsanfällen.


Rippenbruch und Affennachbar

Françoise Cactus von Stereo Total erzählt von Pogo-Exzessen und Rettungs-Projekten

Es war in den frühen 80ern. Ich war ganz neu in Berlin und ging mit ein paar Leuten zu einem Konzert ins SO36. Da spielte eine Punkband, vier Typen mit ärmellosen Lederjäckchen und tätowierten Armen. Vielleicht „Exploited“? Der Sänger hatte den größten Iro, den ich je gesehen hatte, und eine sehr originelle Art, die Songs, die circa 50 Sekunden dauerten, anzukündigen. Er spuckte einmal ins Publikum und rief ganz laut „Fuck!“ Da ich in Frankreich eher Hippiemucke, französische Chansons und Heavy-Metal gehört hatte, war ich sehr interessiert und hatte mich bis zum Bühnenrand durchgeschlichen. Gleich hinter mir waren ein paar Grobiane, die mich beim Pogotanzen ständig gegen die Bühne drückten. Irgendwann machte es „Krack“ und tat höllisch weh. Der ärztliche Befund im Urban-Krankenhaus lautete: „Rippenfraktur durch Pogotanzen“. Als meine Freunde das hörten, fingen sie an, total bescheuerte Witze zu erzählen, ich musste ununterbrochen lachen, und es tat noch mehr weh.

Irgendwann war im SO der alte, schöne Fußboden Schrott, und ich spielte mit meiner affengeilen Band Stereo Total auf einer Benefizveranstaltung. Als Souvenir erhielten wir ein Brett vom ramponierten legendären Holzboden. Dann ging es mit dem Mauerproblem los. Der neue Nachbar war extra neben dem seit den 70ern für seinen lauten Sound berühmten SO36 eingezogen, um dann tüchtig zu schimpfen und Ärger zu machen. Statt diesen bekloppten Affen mit einem vergifteten Schokokuchen umzunieten, bevorzugten die SO36-Leute, viele Benefizkonzerte zu veranstalten, um eine unglaublich teure Schallmauer im Saal einzubauen. Also spielte ich noch einmal dort und dachte: „Yeah! Mädchen, erinnere dich an all deine Idole, die dieser Bühne gestanden haben! Cool!“

Foto: Anette Ahrends

Foto: Anette Ahrends

Ein tiefer Fall

Ratten-Jennys Besuch im Keller des SO36

Von dem Tag, an dem ich durch den Fußboden gefallen bin, weiß ich weder das Datum noch welche Bands gespielt haben. Ich war auf der Bühne, stage diving. Bin gesprungen, war zwischen den Leuten, und plötzlich tat der Boden sich auf: Ich dachte so … jetzt hat er dich geholt. Das war zu der Zeit, als die neuen Besitzer das SO übernommen haben. Da war ein Loch vor der Bühne, das sie mit einem Papp-Plakat überdeckt haben. Ich bin tief abgestürzt, in absolute Dunkelheit. Ich konnte nix sehen da unten, nur ein paar huschende Schatten, vermutlich Ratten. Ich weiß noch, dass die Band gefragt hat: „Wo isn Jenny?“, worauf ein Punker mit einem Feuerzeug ins Loch schaute und fragte: „Jenny? lebste noch?“ Ich konnte aber nicht reden, weil ich auf dem Rücken gelandet bin. Dann haben sie mich rausgehievt, wollten den Krankenwagen rufen, worauf ich sagte: „Pass uff, ick mach euch n Deal. Für immer freien Eintritt und wir vergessen es.“ Der Deal steht bis heute.


Frauenpower und Gedächtnisschwund

Michael Beckmann, Mitglied von Die Suurbiers und Filmkomponist (u.a. Fack ju Göhte I und II), über den besonderen Stil des SO36

Ich habe die 80er im SO komplett vergessen. Ich war da ganz oft, aber ich habe wirklich alles vergessen, was da passiert ist. Seit 2012 habe ich einmal mit Plan B und einmal mit den Suurbiers da gespielt. Ich war auch da, als die Suurbiers da gespielt haben, nachdem ich ausgestiegen war. Die Partys waren fürchterlich gut. Da zu spielen war wirklich so ein bisschen heilig. Dieser Backstage oben, wo die ganzen Plakate von den super Punkbands hängen, hat Stil. Und da arbeiten ja viele Frauen im Management vom SO. Das ist bundesweit fast einzigartig. Wenn Du auf einer Tour bist und ins SO36 kommst, fällt es immer positiv auf, das es ein mehrheitlich von Frauen geführter Club ist.

Bei "Sick Of It All"Foto: Gero Langisch

Bei „Sick Of It All“
Foto: Gero Langisch

Matsch für Tote Hosen

Bela B., Schlagzeuger bei Die Ärzte, über seltsame Konzerte und große Geschenke

Bela B. Foto: Konstanze Habermann

Bela B.
Foto: Konstanze Habermann

Ich hab’ im SO36 beim Dead-Kennedys-Konzert 1980 meine spätere beste Freundin Dada kennengelernt, als sie mich vor einem Skinhead rettete, den sie im Schwitzkasten aus dem Laden beförderte. Während des Konzertes habe ich einen Kameramann anuriniert, weil er mir die Sicht versperrt hat. Bei einem Slime-Konzert strömten wir alle raus zu einer Straßenschlacht, allerdings wurden viele wieder in das SO36 getrieben. Ratten-Jenny hielt das Türgitter gegen die Bullen zu und raunzte mich und Schlampe von den Braunschweiger Sluts an: „Haut ab!“ Und das taten wir dann, vorbei an sektschlürfenden Slime-Musikern im Backstage-Bereich. Und auch eines der seltsamsten Konzerte meiner Band Soilent Grün fand im SO36 statt, denn ich konnte unseren neuen Gitarristen Jan Vetter nicht rechtzeitig erreichen. Also spielte ich Gitarre und ließ eine befreundete Schlagzeugerin dazu spielen, die unsere Songs gar nicht kannte. Muss furchtbar gewesen sein. Kann mich nur an totalen Lärm erinnern. Das Abschiedskonzert von Soilent Grün war auch das erste Konzert der Toten Hosen im SO. Wir bekamen von unseren Fans eine giftgrüne Abschiedstorte geschenkt, die danach in einem Haufen Matsch die Bühne für die Hosen dekorierte.


Kreuzberger Mittel

Wumme, Ex-Bandbetreuer, erzählt, wie man betrunkene Musiker fit bekommt

Ich habe mal eine Punkband aus Amerika für das SO36 betreut. Amerikaner sind es nicht gewohnt, dass Alkohol in der Öffentlichkeit getrunken werden darf. Die waren das erste Mal in Berlin und davon so begeistert, dass sie sich auf der Oranienstraße in kürzester Zeit so betrunken haben, dass keiner von denen auch nur annähernd so aussah, als würde er noch ein Instrument halten können. Einer ist mit nacktem Oberkörper, eine Flasche schwingend und grölend, durch die Oranienstraße gezogen. Ich musste sie nach und nach wieder einfangen. Das Konzert sollte um 20 oder 21 Uhr beginnen. Beim Soundcheck um 18 Uhr waren sie so dicht, dass sie nur gelallt haben. Daraufhin haben wir unter zu Zuhilfenahme aller Mittel, die man in Kreuzbergs Straßen so kriegt, versucht, die rechtzeitig wieder hinzubiegen. Nachdem sie sich mehrfach übergeben hatten, waren sie dann so weit, dass sie um 22 Uhr auf die Bühne gehen konnten, ohne Soundcheck. Sie haben das Konzert fehlerfrei gespielt.

Foto: imago / Detlev Konnerth

Foto: imago / Detlev Konnerth

Helden zu Gast

Mark Eins von DIN A Testbild über die berühmtesten Besucher der Eröffnungsparty

Das Eröffnungsfestival vom SO ging zwei Tage. Am zweiten Tag kam in den Morgenstunden David Bowie durch die Schwingtür. Die Schwingtür ging auf. Bowie kam herein. Und die letzten Musiker, die noch da waren, haben alle geguckt: Oh, Bowie. Und er setzte sich. Der Tresen ging damals noch um eine Ecke herum. Bowie schwang sich wie Marlene Dietrich auf den Tresen, saß da und hielt Hof. Alle standen um ihn herum. Ich stand ein bisschen weiter hinten und plötzlich ging die Schwingtür noch einmal auf und wer kam rein: Iggy Pop. Blieb aber gleich vorne stehen. Seine Freundin, die er damals in Berlin hatte, kam direkt hinterher und die beiden stritten sich unheimlich. Auf der einen Seite hielt David Bowie Hof und auf der anderen Seite stritt sich Iggy Pop mit seiner Freundin. Die hatten draußen so ein altes, weißes 30er Jahre Cabrio stehen. Es war ziemlich verrostet. Und mit dem sind sie dann auch wieder abgedüst.

Eine Hommage von Manfred Jelinski und Jörg Buttgereit an den berühmtesten Punk-Schuppen seiner Zeit.


Ein Lammkopf im Publikum

Wolfgang Müller, Künstler, Autor und Musiker, unter anderem bei Die tödliche Doris, über extreme Arten von Humor

Allein das Mauerbaufestival zur Eröffnung: Diese Art von Humor hat ein dogmatischer Linker von damals nicht verstanden. Ich bin dafür immer nach West-Berlin getrampt. Ich stand im SO36 auch selbst auf der Bühne, mit meiner Band Die tödliche Doris. Wir haben mal zusammengespielt mit einer Band S.P.K. aus Australien, einer Hardcore Band, die wollte unbedingt einen Lammkopf haben, um ihn ins Publikum zu schleudern. Die hatte auch schon so einen Ruf, extrem zu sein. Dann habe ich beim türkischen Fleischer einen Lammkopf besorgt – war gar kein Problem. Und der wurde dann ins Publikum geschleudert. Und alle kreischten.

Und hier noch der ultimative SO36-Konzertfilm. Alle Konzerte, die jemals im SO veranstaltet wurden!


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Buchtipp: Weitere Anekdoten finden sich im Buch SO36 – 1978 bis heute (Hg.: Sub Opus 36 e.V.), das am 1. April erscheint, Ventil Verlag, Berlin 2016. 462 Seiten plus DVD, 36 Euro

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