Westbams Club-ABC

N wie 90 Grad

Als das 90 Grad als etwas bizarrer Stadtteil-Funk- und Soul-Schuppen in einer alten Autowerkstatt eröffnete, mokierten sich einige Münchner: „Bei uns heißen die Läden Tutti Frutti, hier bei Euch 90 Grad“, sagten sie, womit wohl die Berliner Härte und Roughness gemeint war. Seinen großen Moment hatte der Laden für mich, als Hille Saul mit meiner damaligen Freundin Rose ihrem Chef Bob Young die Schlüssel klaute und dort die ersten House-After-Hours machte. Ohne jenen geklauten Schlüssel hätte es vielleicht nie Hilles Planet gegeben, ohne Planet nie die Globus Bar im Tresor und ohne die Globus Bar nie die Panorama Bar. Nach der Chaostheorie hätte die Geschichte des Berliner Nachtlebens ohne die geklauten Schlüssel vielleicht eine ganz andere Wendung genommen.

Später sollte das 90 Grad dann mal sowas werden wie das Pendant zum Münchener P1, wo sich die „guten, reichen und wichtigen“ Leute treffen sollten, was ja immer eine zweischneidige Sache ist. Erstens war der Szeneadel Berlins damals traditionell recht bargeldlos und zweitens gilt die ewige Regel: je „besser“ die Leute, desto „schlimmer“ die Musik.

Als letzte Erinnerung habe ich eine Szene im Kopf, in der der Sohn von Harald Juhnke zum Deutsch-Soul von Ayman sein blaues Kapitänsjackett mit goldenen Knöpfen wie ein Lasso kreisen ließ und laut „Champagner für alle“ orderte, während die Frauen „Du bist mein Stern“ mitsangen und so aussahen wie Ariane Sommer, die Dame aus dem Schokoladenbad. Für mich hieß es da: ab ins Kumpelnest 3000.

Adresse: Dennewitzstraße 37

Zeitpunkt des Besuchs: Selten – 1989 bis Anfang der 90er

Typischer Track des Ladens: Eric B. & Rakim – I Know You Got Soul

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