Der Ortstermin

Nachts am Lageso

Die Lage vor der Skandal-Behörde hat sich für die Flüchtlinge verbessert. Doch Angestellte und freiwillige Helfer misstrauen einander. Moment­aufnahme eines absurden Konflikts

Text: Philipp Mangold

Vor einem der weißen Zelte tuscheln Männer, die Schultern hochgezogen, die Hände in den Hosentaschen. Der Wind dribbelt einen Pappbecher an ihnen vorbei. Es ist nach Mitternacht vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), und im Zelt, das hören die Männer, streiten sich ein Lageso-Mitarbeiter und ein freiwilliger Helfer. Sie streiten auf Deutsch, darum verstehen die Männer draußen wenig; verstünden sie etwas, würden sie viel darüber lernen, wie Deutschland gerade tickt. Es geht um Hühnersuppe.

LaGeSo Berlin - Nachts Nachts vor dem LaGeSo Berlin: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stehen hunderte Menschen die ganze Nacht vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin an. Während Frauen und Kinder in einem beheizten Zelt warten dürfen, müssen Männer im Freien anstehen. Freiwillige Helfer verteilen Tee und Decken, ab 4:00 werden die Geflüchteten in kleinen Gruppen auf das Gelände vorgelassen, um sich dort anzustellen.Foto: Christian Mang / imago
LaGeSo Berlin – Nachts Nachts vor dem LaGeSo Berlin: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt stehen hunderte Menschen die ganze Nacht vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin an. Während Frauen und Kinder in einem beheizten Zelt warten dürfen, müssen Männer im Freien anstehen. Freiwillige Helfer verteilen Tee und Decken, ab 4:00 werden die Geflüchteten in kleinen Gruppen auf das Gelände vorgelassen, um sich dort anzustellen.
Foto: Christian Mang / imago

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales ist längst mehr als ein Amt, mehr als ein Ort, es ist, mindestens, ein Symbol: für das Versagen der deutschen Bürokratie, für das Leid der Flüchtlinge, für die Hilfsbereitschaft der Deutschen. Nach den Skandalen der letzten Monate ist es nun ruhiger geworden. Die Erstregistrierungsstellen Bundesallee und Kruppstraße haben für Entlastung gesorgt. Die Zahl der vorm Lageso Wartenden ist deutlich gesunken. Doch professionelle und freiwillige Helfer vertrauen einander nicht, sie streiten lieber, statt zu besprechen, wie den Flüchtlingen zu helfen ist.

Im Sommer schwitzten, im Winter schlotterten die Geflüchteten in langen Schlangen vorm Lageso, um einen Termin zu kriegen, registriert zu werden, Geld für Nahrungsmittel zu erhalten. Die freiwilligen Helfer verteilten Wasser, Kleidung, Tee, Spielsachen. Sie kritisierten das Lageso, es behandele die Flüchtlinge menschenunwürdig. Sie beschwerten sich auch, die Angestellten würden ihre ehrenamtliche Arbeit behindern: indem sie ihnen untersagten, Kindern im Essenszelt die Kleider zu wechseln. Oder eben Hühnersuppe zu verteilen. Die Lageso-Mitarbeiter fühlten sich ungerecht dargestellt. Schließlich sind sie verantwortlich für die Flüchtlinge, nicht die Helfer. Wenn etwas falsch läuft, sind sie schuld.

„Das können Sie hier nicht verteilen“, sagt ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter, breitbeinig, breitschultrig, markantes Gesicht, und zeigt auf das Paket, das der freiwillige Helfer trägt. In dem Paket drängen sich Asia-Food-Nudelboxen, eine steht offen, der Inhalt: Hühnersuppe. „Warum?“, fragt der Freiwillige.

„Wir haben hier die Verantwortung. Es können ja auch irgendwelche bösen Buben hier hereinspazieren und ihr Essen verteilen. Darum müssen wir alles kontrollieren, was an Essen verteilt wird.“

„Ich habe das selbst gekocht. Ich kann auch davon essen, dann sehen Sie, dass nichts passiert.“

„Die Flüchtlinge kriegen bei uns fünf warme Mahlzeiten am Tag, wir haben einen Caterer, bei dem wird alles kontrolliert. Und wenn doch mal einer Durchfall bekommt, dann können wir das zurückverfolgen.“

Nachts am Lageso - Zitat

So beginnt nach Mitternacht einer der vielen kleinen Streits, die zusammengenommen einen großen Streit ergeben: den zwischen dem Lageso und den freiwilligen Helfern, dem Staat und engagierten Bürgern, den Angestellten und den Ehrenamtlichen. Es ist die Momentaufnahme einer Nacht: erstaunlich normal für diesen Skandalort; mit einem Helfer, der sich im Recht fühlt, weil er freiwillig hilft, und einem Mitarbeiter, der sich im Recht fühlt, weil es Vorschriften gibt  – und beide einen sehr deutschen Streit führen, während die Flüchtlinge warten. Es ist ein Streit um die Deutungshoheit, ein Streit darum, ob das Lageso Achtung verdient oder Wut. Er begann letzten Sommer, zuletzt ist er eskaliert.

Am 27. Januar behauptete der freiwillige Helfer Dirk V., ein Syrer sei nach tagelangem Warten gestorben. Doch Dirk V. lügt. Und manch ein Lageso-Mitarbeiter sieht sich bestätigt in seinem Verdacht, die Hilfsorganisationen wollten ihr Amt schlecht aussehen lassen. Das Misstrauen der Streitenden verengt ihren Blick, bis die Flüchtlinge nicht mehr zu sehen sind. Es geht vor allem darum, sich gegen den Gegner durchzusetzen.

„Soll ich jetzt alles wegkippen oder wie?“

„Sie können es außerhalb des Geländes verteilen. Hier nur Tee, Kaffee und klare Brühe mit Fettaugen. In Ihrer Suppe sind aber Fleischstücke drin.“

„Die haben doch Hunger.“

„Die haben gerade um 22 Uhr eine Möhrensuppe gegessen, die war sehr lecker. Hier hungert keiner.“

„Aber wenn wir was geben, nehmen die Geflüchteten das immer.“

„Klar, die kommen aus dem Krieg. Die essen, wenn es etwas gibt. Aber dadurch überessen sie sich. Ich hab es selbst gesehen: Einmal haben die Flüchtlinge hier gegessen, danach kam eine Hilfsorganisation vorbei und alle haben nochmal gegessen. Als sie danach im Bus saßen und der das erste Mal gebremst hat, haben zehn von ihnen gekotzt.“

„Wir durften das bisher immer, das war nie ein Problem.“

„Und den Rest werfen sie weg. Wir haben hier eine Rattenplage, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“

Für den Helfer ist der Streit ein weiterer Stein im großen Skandalmosaik Lageso. Für den Sicherheitsdienst-Mitarbeiter ist der Streit ein Beispiel für das Vorgehen der Helfer: Sie wollen Gutes tun, sprechen sich aber nicht mit dem Lageso ab und sehen ihre Fehler nicht ein. Der professionelle wie der ehrenamtliche Helfer glauben zu wissen, was die Flüchtlinge brauchen, darum fragt keiner von ihnen bei den Flüchtlingen nach. Die verstehen den Streit akustisch nicht und verstünden ihn, sprächen sie Deutsch, wohl auch inhaltlich nicht. Nun gehen sie ins Essenszelt, zu den anderen.

Dort dudelt arabischer Pop aus einem Handy. Flüchtlinge sitzen an Biertischen, vor ihnen stehen silberne Mineralwasser-Tetrapacks und braune Kaffee-Pappbecher, dazwischen liegen Chipskrümel. Junge Männer und Frauen spielen Karten, ein Junge zeigt einem anderen Fotos auf seinem Smartphone. Einzelne Schlafende liegen auf Bänken, die Mützen über die Augen gezogen. Der Wind bläst gegen das Dach, saugt die Durchgangsplane nach außen, schleudert sie dann wieder hinein. Heiße Luft bläst Lippen und Augen trocken. Trotzdem tragen hier alle Jacken. Die Menschen hier wollen am bald heraufziehenden Morgen einen Termin im Amt bekommen. Sie wollen früh dran sein, um vier fahren die U-Bahnen wieder, dann wächst die Schlange vor den Zelten. Die Flüchtlinge wollen ankommen in Deutschland, eine Arbeit finden, ein normales Leben führen. Doch die, die ihnen dabei helfen könnten, streiten.