FKK

Nackt ist frei

Bis vor einigen Jahren schien es, als würde FKK immer unbeliebter. Doch seit Kurzem erlebt die Freikörperkultur eine kleine Renaissance: in FKK-Vereinen und in WGs, in manchen Berliner Clubs und an Badeseen, mit Sex und ohne

Montagabend in der Turnhalle der Albrecht-von-Graefe-­Schule in Kreuzberg: Turnschuhe quietschen über den Boden, Füße trappeln. Zehn Männer und zwei Frauen wärmen sich fürs Volleyballtraining auf. Sie laufen im Kreis, mal im Hopserlauf, mal seitwärts. „Und jetzt vier Mal sprinten, immer an der Längsseite der Halle lang“, ruft Trainer Niklas*. Er ist klein und schlank, die dunkel­blonden Haare trägt er halblang, manchmal wischt er sie sich mit der Hand aus den Augen. 

Nein, das ist nicht die Kommune 1…
Foto: Lena Ganssmann

Es könnte der Beginn einer normalen Trainingsstunde im Sportverein sein. Wenn die Anwesenden nicht bis auf ihre Turnschuhe und Knieschoner nackt wären. Während die Männer laufen, wippen ihre ­Penisse auf und ab. Mit jedem Schritt, den sie machen, erzittern ihre Waden, bei manchen auch die Oberschenkel. Bei einem der Männer färbt sich die Haut vor Anstrengung von Kopf bis Fuß rosa. Ein Phänomen, das man beim Sport mit Kleidung nie in seiner Gänze zu sehen bekommt. Ein anderer Mann läuft mit kraftvollen Schritten durch die Halle. An der Hüfte trägt er ein Tattoo in Form einer Schnecke. Die Muskeln unter seiner Haut bewegen sich und die Schnecke bewegt sich mit. 

Sie alle spielen Volleyball beim Familiensportverein Adolf Koch – einem FKK-Sportverein.

Die Freikörperkultur (FKK) hatte lange ein Imageproblem. Eine weit verbreitete Assoziation: Weiß­haarige, nackte Männer mit Klapprad und Fliegerbrille auf FKK-Campingplätzen. Bis vor ungefähr zwei Jahren schien es, als würde öffentliches Nacktsein in Deutschland und Berlin langsam aussterben. Die ­FKK-Vereine zählten immer weniger Mitglieder. In Berlin passt die Entscheidung des beliebten Vabali-Spa, Nacktheit außerhalb der Saunen und der Schwimmbecken auf Wunsch von einigen Gästen nicht mehr zu erlauben, ins Bild. 

Doch während FKK im Mehrheitsgesellschaft ­anscheinend auf dem absteigenden Ast ist, erlebt Nacktheit abseits des Mainstream eine Renaissance. Auf der einen Seite steigen die Mitgliederzahlen der Berliner FKK-Vereine seit zwei Jahren wieder. Die Mitglieder ­machen dort nackt Sport, sie gehen zusammen wandern und paddeln oder sie schwimmen und entspannen auf dem Vereinsgelände. Manche sind auch zu Hause immer nackt. Auf der anderen Seite stehen FKK-WGs, deren Bewohner*innen auch miteinander schlafen, nackte Afterhours und Partys wie die Schlager-Nackt-Party im Schwuz. Nacktsein sein geht ­unschuldig oder sexpositiv.

Beim Familiensportverein Adolf Koch, wo Volleyballtrainer Niklas spielt, ist die Trendwende besonders auffällig: Seit 2017 hat der Verein 72 neue Mitglieder gewonnen, die meisten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. „Das ist schon echt gut, wenn man bedenkt, dass der Verein sehr überaltert war und viele Mitglieder ­wegen ihres hohen Alters ausgetreten sind“, sagt Niklas. 

Jüngerer Auftritt, mehr Mitglieder

Den Zuwachs hat der Verein zu einem großen Teil Volleyballtrainer Niklas und seinem Freund Fabian* zu verdanken. Sie sind sowas wie die Speerspitze der ­jüngeren ­Berliner Nudisten. Die beiden haben vor ­sieben Jahren zum ersten Mal nackt Volleyball im ­Verein ­gespielt. FKK machen sie schon länger. „Ich ­hatte meinen Schlüsselmoment, als ich mit 17 nachts mit Freunden an den See gefahren bin und wir alle nackt ­gebadet haben“, sagt Fabian. „Da war einmal dieses ­tolle Gefühl, nackt im Wasser zu sein. Aber auch ein Gefühl von Leichtigkeit. Auch die Freiheit, sich nicht vor meinen Freunden verstecken zu müssen. Nichts zu verstecken zu haben.“ Danach hat Fabian sich mehr und mehr umgeschaut: Wo kann man noch nackt­baden, was kann man noch nackt machen? 

»Unseren Yogalehrern ist aufgefallen, dass sie nackt viel besser sehen, wenn die Teilnehmer Fehler bei den Übungen machen«

„Vor dem ersten Volleyball-Training war ich schon echt aufgeregt”, sagt er. „Aber nach zehn Minuten war das komische Gefühl weg und ich fand es ganz normal, dass wir alle gerade nackt sind.“ Fabian und Niklas sind 2017 mit etwa zehn Freunden in den Verein eingetreten. Heute sind sie im Vorstand. Zusammen mit ­einigen anderen haben sie den Verein umgekrempelt. Jetzt hat er eine neue Webseite und taucht in Nachbarschaftsnetzwerken wie „Meet up“ auf. 600 Menschen sind dort in der Adolf-Koch-FKK-Gruppe. Außer­dem haben Fabian und Niklas das Sportangebot überarbeitet. Mitglieder können bei einem modernen Workout schwitzen oder sich nackt beim Yoga dehnen und strecken. „Unseren Yogalehrern ist aufgefallen, dass sie nackt viel besser sehen, wenn die Teilnehmer Fehler bei den Übungen machen“, sagt Fabian.

Der modernere Auftritt und das Engagement von Fabian und Niklas erklären den Zuwachs beim FKK-Sportverein Adolf Koch. Wie aber lassen sich die vorsichtig steigenden Mitgliederzahlen in den anderen Vereinen erklären? Fabian und Niklas glauben, dass es sich um zwei parallele Entwicklungen handelt. „Der Mainstream wird gefühlt immer rückwärtsgewandter, andere Gruppen immer progressiver. Vielleicht ist das auch eine Art Gegenreaktion“, sagt Niklas. Der konservative Backlash beflügelt die FKK-Kultur. 

Nacktheit ist nicht gleich Sex

Lange Zeit sah es nicht danach aus. Dass die meisten Menschen sich nicht mehr so unbefangen ausziehen wie noch vor ein paar Jahrzehnten, ist zumindest im Osten Deutschlands, zu DDR-Zeiten FKK-Hochburg, belegt. Laut einer Studie des Merseburger Instituts für angewandte Sexualwissenschaft hatten sich Anfang der 90er-Jahre noch 72 Prozent der ostdeutschen Väter und 84 Prozent der Mütter zum Beispiel im Haushalt nackt vor ihren Kindern gezeigt. 2013 war das bei nur noch 49 Prozent der Väter und 63 Prozent der Mütter der Fall. Bei ostdeutschen Jugendlichen fällt die Bilanz noch drastischer aus: 1990 hatten noch 55 Prozent von ihnen mehrmals FKK-Erfahrungen gemacht, 2013 ­waren es nur noch 17 Prozent. Und 2017 beklagte sich der Linken-­Politiker Gregor Gysi medienwirksam, dass die Freikörperkultur langsam aussterbe, auch in den neuen Bundesländern.

Foto: Jürgen Krüll

Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß  ist Sozialwissenschaftler und Biologe. Er forscht am Institut für angewandte Sexualwissenschaften zur Geschlechtertheorie und zum Sexualverhalten der Deutschen. Er sieht einen Grund für den Rückgang der Mainstream-FKK in der Dauerpräsenz von Nacktheit in Werbung und Medien: „Es fehlt die Idee, ­nackte Menschen zu sehen, ohne dabei an Sex zu denken“, sagt er. Ein weiterer Grund könne heute sein, dass die meisten Menschen immer ein Handy dabei hätten und es auch benutzten. Schnell könne man so unfreiwillig auf ­Fotos landen.

Fabian und Niklas haben schon lange die Scheu vorm Ausziehen verloren. Die beiden machen nicht nur nackt Sport und gehen nackt wandern, sondern ­wohnen auch „textilfrei“ in einer WG mit zwei Mitbewohnern. An einem Mittwochabend im April ­sitzen sie mit ihrem englischen Mitbewohner John* am Ess­tisch. Eigentlich wäre dies eine dieser Situationen, in denen alle nackt sind. Aber Niklas ist die Wohnung gerade nicht aufgeheizt genug, Fabian ist erkältet und John ist gerade nach Hause gekommen und muss gleich wieder los. Er macht sich nur schnell eine Pizza. „Wir müssen nicht auf Teufel komm raus immer nackt sein. ­Potenzielle Mitbewohner müssen auch nicht unbedingt mitmachen und Besucher müssen sich natürlich auch nicht ausziehen, wenn sie nicht wollen. Aber wir sind eben gerne nackt und deswegen ist es natürlich besser, wenn alle in der WG diesen Lebensstil teilen.“ 

Geschlecht und sexuelle Orientierung spielen in ihrer WG keine Rolle. „Wir hatten schon Frauen und Männer verschiedener sexueller Orientierungen in der WG, außerdem waren wir immer sehr international“, sagt Fabian. Die WG im vierten Stock eines Altbaus beherbergte schon Nudist*innen aus Frankreich, Finnland, Tschechien und der Türkei. „Die Liebe fürs Nacktsein macht keinen Halt vor Ländergrenzen“, sagt Niklas. „Ich glaube, viele werden als Nudisten geboren und manche müssen es eben erst für sich entdecken.“

»Ich glaube, viele werden als Nudisten geboren und manche müssen es eben erst für sich entdecken«

Fabian und Niklas machen in der WG oft Spieleabende mit Freunden, die auch gern nackt sind und verbringen Abende vor dem Fernseher, an denen alle gemeinsam nackt „Tatort“ gucken oder Quizshows. Kurz vor Weihnachten kochen sie jedes Mal zusammen für ein großes Abendessen, der vierte Mitbewohner Lukas* flambiert dann immer splitternackt Crêpes. 

FKK-WGs sind keine Seltenheit in Berlin. Auf Plattformen wie „WG-Gesucht“ schauen solche Wohngemeinschaften nach neuen Mitbewohner*innen. In den FKK-WGs geht es neben dem Wunsch, sich im Alltag nicht von Kleidung einzwängen zu lassen, meist auch um praktische Aspekte des Zusammenlebens: Morgens, wenn alle zur Arbeit oder Uni müssen, schließt zum Beispiel keiner die Badezimmertür beim Duschen ab. 

Für das zumindest abseits des Mainstream wachsende Interesse an FKK hat der Sexualwissenschaftler Voß noch eine andere Erklärung als Niklas und Fabian: „Es gibt Hinweise darauf, dass junge Menschen Sexuali­tät wieder etwas lockerer sehen“, sagt Voß. „Nach ­einer Studie der Soziologin Elisabeth Tuider ­ordnen sich ­Jugendliche weniger als „typisch männlich“ und typisch weiblich“ ein. Andere Studien zeigten, dass junge Menschen heute mehr gleichgeschlechtliche ­sexuelle Erfahrungen machen, als es gerade in den 1980er-Jahren der Fall war. Das lässt darauf schließen, dass zumindest junge Menschen mehr ausprobieren, was sich auch für Nacktheit zeigen könnte.“ Eine weitere Möglichkeit laut Voß: Wer eh schon einer Minderheit angehört und mit seiner Sexualität und vielleicht auch der geschlechtlichen Identität die Konventionen durchbricht, der hat weniger Hemmungen, an anderer Stelle anders zu sein.

Für Fabian und Niklas hat die FKK aber primär nichts mit Sex zu tun. Für klassische FKKler wie sie geht es um Freiheit und Naturnähe: Sie wollen nackt Sport machen, sich draußen nackt sonnen, schwimmen, wandern oder Zeit miteinander verbringen, ohne eine künstliche Schicht Kleidung von der Natur getrennt zu sein. Sie wollen ihr möglichst nah sein und sie achten, ganz im Sinne der ersten Nudisten, Naturalisten und Lebensreformer zu Kaisers Zeiten. 

Die Lebensreformer ließen sich von Einheimischen in den deutschen Kolonien wie in Deutsch-Neuguinea n oder Kamerun zum Nudismus inspirieren. Einerseits betrachtete man diese nämlich, einem rassistischen Weltbild entsprechend, als rückständig und unterentwickelt – auch, weil viele keine westliche Kleidung trugen. Doch die Lebensreformer hingen der rassistischen Idee von den „edlen Wilden“ nach. Die waren ihrer Meinung nach zwar ­primitiv, hatten aber die Verbindung zur Natur noch nicht verloren und lebten achtsam und gesund. In den 1920er-Jahren griffen die Sozialisten dann die Idee auf. Sie wollten ihre Anhänger dazu bewegen, draußen nackt Sport zu machen, um den geschundenen Arbeiterkörper fit für den Klassenkampf zu machen. Später machten sich die Nazis FKK zu eigen: Der arische Körper sollte mit nacktem Sport bei frischer Luft perfektioniert werden. 

FKK hat eine koloniale Vergangenheit

In der DDR kam FKK zu einem Höhepunkt. Zuerst sah die sozialistische Führungsriege das gemeinsame Nacktsein kritisch. Doch nachdem sie einsehen musste, dass die Menschen sich einfach weiter der Freikörperkultur hingaben, tolerierte sie das nackte Treiben. War ja schließlich auch im Sinne des Sozialismus, wenn die Menschen die Kleidung ablegten, die sie voneinander unterschied.

Doch teilweise lebte das rassistische Bild des „edlen Wilden“ in der DDR-Freikörperkultur weiter. Das erläutert Saskia Köbschall in ihrem Essay zur FKK in der DDR. In den 1950er-Jahren veranstalteten FKK-Freunde sogenannte „Kamerunfeste“ an der Ostsee. Dabei malten sie sich zuerst mit schwarzer Farbe an und trugen dann in weiß Bemalungen auf, so wie sich den Körperschmuck kamerunischer Stämme vorstellten. „Kamerun“ blieb bis in die 1970er-Jahre ein Synonym für FKK in der DDR.

Die klassischen FKKler trennen ihr Nacktsein klar von Sex. Fabian sagt: „Ich bin es ja gewöhnt, Nackte zu sehen, deswegen macht es mich nicht besonders an. Tatsächlich wirkt Nacktsein auf mich oft sogar ziemlich unsexuell. Dass man Lust auf Sex hat, kommt natürlich vor, ob man nackt ist oder nicht, Sexualität ist einfach ein Teil des Lebens. Aber im nackten Umgang miteinander gelten die gleichen Grenzen wie angezogen, was aber ­irgendwie auch selbstverständlich ist, oder? Man möchte ja auch in der Sauna nicht doof angemacht werden, nur weil man da nackt ist.“ 

Dagegen stehen WGs wie die der fünf Student*innen in Friedrichshain, die schreiben: „Unsere WG eint, dass wir einen freien und offenen Umgang mit Nacktheit und ­Sexualität suchen und leben. Konkret heißt das, dass es ­keine Türen gibt, wir gerne auch gemeinsam Duschen, oft unbekleidet durch die Wohnung laufen und auch, wenn es die Situation ergibt, gemeinsam Sex haben.“

 Auch in der Schwulenszene hat Nacktheit in Verbindung mit Sex Tradition. Im „Lab“ unter dem Berghain ­feiern viele Schwule jedes Wochenende nackt und haben Sex. Auch die Schlager-Nackt-Party im SchwuZ ist jedes mal gut besucht. Genauso wie die Limax, eine FKK-Party mit elektronischer Musik, die eine Gruppe schwuler Freunde organisiert, die zwar gerne nackt feiert, aber nicht zu Schlager. Die Macher freuen sich, wenn zu ihren Partys nicht nur schwule Männer, sondern auch heterosexuelle Männer und Frauen kommen. 

Sexpositive Partys mit nackten Gästen werden immer beliebter. Eine Hochburg des nackten Feierns: die Partyreihe Pornceptual in der Alten Münze. Dort sind jedes Mal gut die Hälfte der Gäste nackt. Limax-Organisator Andreas Kroll sagt: „Das ist das moderne Berlin.“ Tatsächlich gibt es diese Fülle an sexpositiven Partys mit nackten Gästen nur in Berlin. 

Der Sexualwissenschaftler Voß nennt diese Öffnung von Heteros hin zu Nacktheit und Sex auf Partys im ­Anschluss an den schwulen Autor Hubert Fichte eine „grandiose Verschwulung“ und setzt den Begriff im Sinne schwuler Emanzipationsgeschichte positiv. „Schwule sind es aufgrund ihrer Stellung als Minderheit eher gewöhnt, Normen zu hinterfragen. Dieses kritische Denken schwappt in Bezug auf FKK in Berlin auch auf andere Gruppen über“, sagt er.

Annika und Herman sind Teil des „modernen Berlins“, aber auch klassische FKKler. Die beiden sind seit zwei ­Jahren ein Paar und zu Hause immer nackt. Auf die Frage hin, ob sie Nacktsein mit Sex verbinden, müssen beide überlegen. Dann sagt Annika: „Ich würde sagen, dass wir wegen des Nacktseins zu Hause mehr Sex haben. Und dadurch, dass ich oft nackt bin, bin ich entspannter beim Sex, egal ob zu Hause oder auf Partys. Ich weiß ja, wie ich nackt aussehe und bin zufrieden damit. Deswegen ist es auch nicht schlimm, wenn andere mich in ungewöhnlichen Positionen sehen.“  

Ganz praktisch bedeutet das nackte Leben einige ­Umstellungen im Alltag. Zum Beispiel haben die beiden höhere Heizkosten, um die Wohnung auf Nackt-Temperatur zu halten. Andererseits haben sie niedrigere Wasserkosten, weil sie viel seltener die Waschmaschine anwerfen müssen. Herman ist selbstständig. Wenn er eine Skype-Konferenz hat, zieht er sich obenrum etwas an und achtet darauf, nicht aus Versehen aufzustehen. Auf dem Sofa liegt aus hygienischen Gründen ein Handtuch zum Draufsetzen, und die heiße Backofenklappe hat Annika schon einige Brandblasen am Bauch beschert.

Jetzt sitzen die beiden angezogen in einem Charlottenburger Café, Herman trägt Jeans und Hemd, um die Augen hat er viele kleine Lachfalten. Annika ist ein paar Jahre jünger, trägt einen Rock mit schwarzer Seiden­strumpfhose drunter und hat blonde Haare und rote Lippen. Wenn Annika redet, hört Herman zu, manchmal nickt er und lächelt. Andersrum legt Annika ab und zu die Hand auf Hermans Oberschenkel und ­lächelt ihn an.

Sie erzählen, dass es Situationen und Orte gebe, an denen sie trotz Nacktheit nicht an Sex denken. Der Charlottenburger Halensee ist so ein Ort, an dem ­Annika und Herman die klassische FKK-Idee leben. Im Sommer legen sie sich dort so oft wie möglich in die Sonne. „Ob FKK was mit Sex zu tun hat, kommt eben darauf an, wo man gerade ist und was man macht“, sagt Annika. Am See gehe es ihm nicht um Sex, sondern ­darum, die Sonne und das Wasser am ganzen Körper zu spüren, sagt Herman. Manchmal geht es aber auch schlicht darum, Unangenehmes zu vermeiden: „Wenn ich dort nackt schwimme, habe ich danach nicht das nasse Bikinioberteil am Körper. Ich muss auch nicht aufpassen, ob meine Brust rausflutscht. Das ist auch Teil der Freiheit“, sagt Annika. Das neue FKK-Verbot in ­weiten Teilen der Vabali-Therme ist für sie Grund ­genug, dort nicht hinzugehen. 

Annika sagt, dass sie am Anfang noch gezögert hat, sich komplett auszuziehen. „Jetzt liebe ich es, nackt am See zu liegen, so unperfekt wie ich bin“, sagt sie. „Außer­dem finde ich es inspirierend, Menschen so zu sehen, wie sie sind, mit ihren Falten und Narben. Oder sogar künstlichen Darmausgängen oder einer fehlenden Brust.“

FKK hilft, Schönheitsideale zu hinterfragen

FKK hilft vielen dabei, selbstbewusster zu werden, auch wenn der Körper nicht den Schönheitsidealen aus Werbung und Medien entspricht. Das erzählen einem auch die Frauen beim Volleyballtraining des FKK-Vereins Adolf Koch: „Ich bin auf einem guten Weg, mit meinem Körper ins Reine zu kommen. FKK hilft mir dabei.“ Die andere stimmt ihr zu und sagt: „Ich fühle mich hier sicherer und wohler als in irgendeinem x-beliebigen Fitnessstudio. Ich habe auch das Gefühl, dass FKKler viel mehr darauf achten, nicht in die natürliche Komfortzone von Menschen einzudringen und nicht zu nah an sie heranzukommen.“

Die Mitglieder des Familiensportvereins Adolf Koch machen regelmäßig Nacktwanderungen, wie zum Beispiel hier im Elbstandsteingebirge
Foto: FSV Adolf Koch e. V.

Trotzdem sind Frauen im Verein in der Unterzahl. Der Sexualwissenschaftler Voß erklärt den Männer­überschuss in der Freikörperkultur zum Teil damit, dass die Gesellschaft sexistisch ist und Frauenkörper anders wahrgenommen würden. Zugleich müssten Frauen gesellschaftlich traditionell mehr aufs Aussehen ­achten und würden sich deshalb weniger nackt ­zeigen. Aber auch Männer fühlten sich immer stärker unter Druck, Schönheitsidealen zu genügen. Deswegen nähmen Erkrankungen wie Bulimie auch unter ­Männern ­immer mehr zu. Außerdem sagt Voß: „Die, die sich schon mit Schönheitsidealen auseinander ­gesetzt und gemerkt ­haben, dass sie nicht die Realität wiederspiegeln, ziehen Selbstbewusstsein aus dem gemeinsamen Nacktsein.“

Zurück beim Volleyballtraining steht Niklas vor dem Whiteboard und erklärt einen klassischen Spielzug: Aufschlag, in die Höhe baggern, hochspringen und den Ball in steilem Winkel übers Netz schmettern. „Haben alle verstanden?“, fragt er und blickt in die Runde. Die Volleyballer*innen nicken. Eine der ­Frauen kratzt sich an der rechten Pobacke. Draußen wird es langsam ­dunkel. Wenn sie wollten, könnten die Mieter*innen der oberen Wohnungen des Hauses gegenüber nun zwölf nackte Menschen beim Pritschen beobachten.

* Namen von der Redaktion geändert