KONZERTKRITIK

Neil Young in der Waldbühne

Das Greatest-Hits-Konzert eines – between the lines of age – wohl ewig jungen Rockstars

Text: Friedhelm Teicke

Neil Young lässt nicht auf sich warten. Bereits 25 Minuten vor dem offiziellem Konzertbeginn um 20 Uhr betritt er mit seiner „Old Black“-Gitarre und seiner Backing Band Promise Of The Real die Bühne, hinter der links die Abendsonne gleißend versinkt – und das rechtsseitig im Waldbühnenrund sitzende Publikum grell blendet.

Im Handschatten lässt sich erkennen, dass der kanadische Rockstar im selben karierten Holzfällerhemd und Hut wie auf den Ankündigungsfotos der Tour sich warm spielt und uns Großstädter erst mal einen einschenkt: Er preist sein „Country Home“, es gebe ihm „peace of mind“, während das „City life … wears me out“. Allerdings ist die idyllische Murellenschlucht hier kaum urban, was auch Young ein paar Lieder später in einer seiner wenigen Ansagen konstatieren muss: „Das ist ein toller Ort, den Ihr hier habt“, sagt er. Er kennt ihn längst. 2016 spielte er zuletzt eben hier.

Gitarrenduelle und Holzfällerhemd – das Tourplakatfoto hat nicht gelogen – Foto: Live Nation

Mit dem zweiten Song, „Everybody Knows This Is Nowhere“ von seinem zweiten Soloalbum, konkretisiert er seine Landlust ins Nirgendwo. Immerhin vernichtete erst vor ein paar Monaten ein Waldbrand sein Anwesen in Kalifornien. Da besinnt man sich wohl besser auf immaterielle Werte wie seine längst zu Klassikern avancierten Songs.

Er spielt kein einziges Lied aus dem aktuellen Album „The Visitor“. Dafür reichlich aus seiner Zeit bei Buffalo Springfield („Mr. Soul“), Crosby, Stills, Nash & Young („Helpless“) und seinen längst legendären Soloalben aus den 1970er-Jahren wie „On The Beach“ („Walk On“), „Zuma“ („Danger Bird“), „Comes A Times“ („Field of Opportunity“, „Lotta Love“) und „Rust Never Sleeps“ („Hey Hey, My My (Into the Black)“). Mit „Old Man“, „Heart of Gold“ und „Words (Between the Lines of Age)“ singt er gleich drei Songs hintereinander vom Hit-Album „Harvest“, das 1972 im Jahr seiner Veröffentlichung das meistverkaufte Album in den USA war und in der „Rolling Stone“-Liste der „500 Greatest Albums of All Time“ auf Platz 78 rangiert.

So eine Setlist ist natürlich völlig im Sinn der Fans im fast ausverkauften Rund der Waldbühne. Und während ein Bob Dylan, mit dem Neil Young am 12. Juli im Londoner Hyde Park auftreten wird, in den Etappen seiner Never-Ending-Tour kaum die Songs austauscht, unterscheidet sich Youngs Setlist fast völlig von denen seiner Tour-Auftakt-Konzerte in Dänemark und Dresden.

Überall aber spielte er mit seinen halb so alten Begleitmusikern um Willie Nelsons Sohn Lukas seinen 1989er-Hit „Rockin in the free world”, der sich hier im gepflegten Rumpelsound als letzter Song vor der Zugabe zu einem endlosen Gitarrenduell zwischen Young und den Promise-of-the-Real-Gitarristen Logan Metz und Lukas Nelson entwickelt. Am Ende hängen die Saiten von Youngs „Old Black“-Gitarre lose vom Hals. Den finalen Akkord überlässt er seiner jungen Band während er selbstironisch die Gitarre als Krückstock nimmt.

Doch der 73 Jahre junge Young, der vor einem halben Jahrhundert auf dem Woodstock-Festival spielte, zeigt erneut ebenso lässig wie eindrucksvoll, dass er kein bisschen eingerostet ist. Und während andere Musikhelden in seinem Alter langsam Probleme mit der Stimme haben, klingt Youngs hell-schneidendes Organ sicher wie eh und je und kontrastiert markant das rauschhaft ausfransende Gitarrengewitter. Rust never sleeps – niemand weiß das schließlich besser als Neil Young.