Coworking

Netzwerk mit Kind

Eine kleine Jobrevolution: In Prenzlauer Berg gibt es erste Kitas, in der die Eltern nebenan im Gemeinschaftsbüro arbeiten. Kann das klappen?

Zunächst sieht es aus wie in einer normalen Kita. Kleinkinder gucken neugierig von ihren hölzernen Sitzkästen auf und widmen sich dann wieder ihren Apfelstückchen. Snackpause morgens um kurz nach zehn. Doch über dem Eingang der Kita nahe des U- und S-Bahnhofs Schönhauser Allee steht auf einem Schild: „Arbeiten oder und Kind“. Das „oder“ ist durchgestrichen.

Es ist der Eingang von Coworking Toddler – einem Gemeinschaftsbüro mit angeschlossener Kita. Toddler ist die englische Vokabel für „Kleinkind“. Gründerin Sandra Runge, selbst zweifache Mutter, führt durch die Räumlichkeiten: „Wir haben als erster Coworking Space eine richtige Kita“, sagt die Juristin. Die im Mai 2016 eröffnete Einrichtung ist hell, bunt und gemütlich. 13 Kinder von 0 bis drei Jahren werden hier von vier Erziehern betreut. Sie können die Kita bis zum Schuleintritt besuchen. Und die Eltern arbeiten direkt nebenan.

Zum Mittag trifft man sich

Vom Spielzimmer der Kita aus geht es durch eine Verbindungstür in den Besprechungsraum, zu dem auch Geplapper aus der Kita dringt. Weniger störend, eher als lebendiges Hintergrundgeräusch. Von dort kommt man durch eine weitere Tür in den Coworking Space. Auch hier ist es hell und freundlich, aber funktional – Arbeitsatmosphäre eben. Von den Kindern hört man nichts. Ihre Eltern geben sie morgens ab und nehmen dann den Außeneingang ins Büro, um die beiden Bereiche bewusst zu trennen. Zum gemeinsamen Mittagessen sehen sie sich wieder.

Rund 49.000 Kinder zwischen ein und drei Jahren werden laut Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berliner Tageseinrichtungen betreut. Von den insgesamt 165.400 angebotenen Plätzen für Kinder bis zum Schuleintritt sind 158.100 belegt. Es gibt also ein Überangebot in den über 2400 Betreuungseinrichtungen. Wieso dann Coworking mit Wickelkind?

Große Nachfrage

Schwierig ist es bei den unter Einjährigen, die keinen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben. Von etwas mehr als 35.000 in Berlin lebenden Kindern in diesem Alter wurden im Jahr 2016 nur rund 800 in Tageseinrichtungen betreut. „Der Bedarf ist da, aber die richtigen Angebote fehlen“, stellt Sandra Runge fest. „Coworking Toddler ist die Antwort darauf.“

Auch sie war nach der Geburt ihres zweiten Kindes als Selbstständige gezwungen, schnell wieder einzusteigen. Zusammen mit anderen Eltern entstand die Idee, mehr als ein Eltern-Kind-Büro zu gründen. Die Immobiliensuche sei dabei das Schwierigste gewesen. „Mehrere Ämter, wie die Lebensmittelaufsicht, das Gesundheitsamt, der Brandschutz und die Kita-Aufsicht sind im Vorfeld durch die Räume gelaufen.“ Aber die Zusammenarbeit mit dem Senat funktioniere gut.

„Jetzt haben wir Abläufe wie in jeder Kita,“ sagt Sandra Runge. Das Besondere seien die kurzen Wege, wenn etwa gestillt werden muss, und das gemeinsame Mittagessen. „Hier füttern manchmal die Kinder ihre Eltern.“ Der Austausch mit den Eltern ist beim bedürfnisorientierten Ansatz der Kita wichtig. „Alle halten sich an die festgelegten Regeln, aber wir können durch den häufigen Austausch mit den Eltern feinfühliger auf die Kinder eingehen“, sagt Erzieher Jannik Voise.

Von Coworking- Toddler-Gründerin Sandra Runge ist gerade der Elternrechtsratgeber „Don’t Worry, Be Mami“ erschienen, Blanvalet, 288 S., 12,99 €

Darüber hinaus netzwerken die Büronutzer fleißig miteinander. Genutzt wird der Space von Menschen, die flexibel arbeiten wollen: wie Selbstständigen, Studenten oder Müttern in Elternzeit, die sich umorientieren. Aber auch Angestellte sind dabei. Häufig teilen sich beide Elternteile einen Coworking-Platz, so wie die beiden Selbstständigen Clemens Lerche, Medienberater, und seine Frau Petra Borrmann, Online-Redakteurin. Ihre Tochter Fritzi (2) wurde mit 14 Monaten eingewöhnt. Das Konzept an sich findet Clemens Lerche gar nicht so revolutionär, „sondern die tatsächliche Umsetzung.“ Er genießt es, Fritzi um 11.45 Uhr gemeinsam mit den Erziehern zum Mittagessen zu treffen. Danach geht jeder wieder seiner Wege. Die Eltern zur Arbeit, die Kinder zum Spielen. „Daran sind alle gewöhnt“, so Jannik Voise.

Das Konzept boomt: Im Moment sind alle Plätze der Kita belegt. Es existiert bereits eine Warteliste, ein zweiter Standort ist in Planung. Viel teurer ist die Betreuung nicht. Die Kosten sind an das Kitagutschein-Modell gekoppelt. Lediglich ein Essensbeitrag wird zusätzlich fällig. Das Coworking kostet ab 199 Euro pro Monat.

Eine Handvoll anderer Coworking Spaces mit Kinderbetreuung gibt es bereits in Berlin – allerdings (noch) ohne Kita. Bei Juggle Hub ist die Kinderbetreuung „ein Plus – kein Muss!“ Die Kinder werden dort privat betreut. Die Betreuungskosten sind also nicht durch einen Kita-Gutschein abgedeckt. Juggle Hub ist daher kein Kita-Ersatz. Zwei Drittel der Betreuungskosten können jedoch als haushaltsnahe Dienstleistung steuerlich abgesetzt werden. Das Besondere daran ist die Flexibilität von Montag bis Freitag zwischen 9-12 und 15-18 Uhr. Bis um 16 Uhr des Vortages kann man als Mitglied seinen Nachwuchs anmelden, sofern ein Platz frei ist und das Kind problemlos mitmacht. Ein Probemonat kostet 79 Euro. Danach kann man sich für verschiedene Mitgliedschaftsmodelle entscheiden, die von ein paar Stunden im Monat bis hin zum festen Arbeitsplatz für 269 Euro reichen. Die Kinderbetreuung kostet 10 Euro pro Stunde extra.

„Der Gründungswille ist riesig“

Der Coworking Space Le Box funktioniert ähnlich, allerdings sind die Kinder hier fest eingeplant. Professionell betreut werden sie zwischen 9 und 18 Uhr, gebucht werden können diverse Pakete, von einer Karte für einen halben Tag (44 Euro) bis hin zur Monatskarte für eine 3,5-Tage-Woche (39 Euro pro Tag).

Genauso flexibel sieht es bei Easy Busy aus. Der multikulturelle Coworking Space bietet bisher jedoch nur vormittags zwischen 9 und 12 Uhr Kinderbetreuung an. Abgerechnet wird stundenweise (7,50 Euro) oder im vergünstigten 3-Stunden-Paket (20 Euro).

Noch konzentriert sich Coworking mit Kind auf die Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte. Bei weit über 100 Coworking Spaces in der Hauptstadt ist die Anzahl derer mit Kinderbetreuung überschaubar – noch. „Der Gründungswille ist riesig,“ heißt es jedoch beim DaKS e.V., dem Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden. Alle paar Wochen sitzen regelmäßig bis zu 20 Menschen, die eine Kita gründen wollen, in einem der Neugründerseminare. Entstanden sind in letzter Zeit auch andere innovative Projekte, wie der mobile Kinderbetreuungsservice für Eltern mit besonderen Arbeitszeiten, MoKis, ein öffentlich gefördertes Modell.

Es sieht ganz so aus, als wäre das Arbeiten mit angeschlossener Kinderbetreuung ein Modell mit Zukunft.

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Foto: Kfir Harbi

Coworking Toddler

Greifenhagener Str. 48, Prenzlauer Berg, Tel. 89 40 18 50, www.coworkingtoddler.com

Juggle Hub Coworking

Christburger Straße 23, Prenzlauer Berg, Tel. 68 90 83 56 www.jugglehub.de

Easy Busy

Bernauer Straße 49, Mitte, Tel. 92 35 39 51 www.easybusyspace.de

Le Box

Schliemannstr. 19, Prenzlauer Berg, Tel. 0175-294 80 21 E-Mail: luisa@lebox.berlin