Kunst

Humboldt Forum anders denken

Während sich die Kulturstaatsministerin und die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hinter Forderungen verschanzen, beschleunigen vier Bücher die Debatte um Kulturgut aus kolonialem Kontext

Es ist Zeit, dass sich der Horizont weitet. Es geht nicht um Berlin. Auch wenn hier 2019 das Humboldt-Forum mit teils aus Kolonialgebieten stammenden Exponaten eröffnen soll und noch kaum jemand weiß, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) sie präsentieren lassen will. SPK-Präsident Hermann Parzinger fällt vor allem mit Forderungen nach Geld für Provenienzforschung und einem Strukturfonds für Museen in Afrika auf. Kulturstaatsministerin Monika Grütters dagegen will von Museen mehr Aktion bei der Rückgabe von Kolonial­gut sehen. Ein typischer Konflikt zwischen Chef*in und Arbeitnehmer*in: Die eine fordert Leistung, der andere nennt einen Preis dafür. Derweil dreht sich die Welt weiter. 

Foto: F. Anthea Schaap

Ende 2018 hat der französische Präsident Emmanuel Macron entschieden, „26 von der Regierung des Benin geforderte Arte­fakte“ aus französischen Museen zu restituieren. Kurz zuvor gaben die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr ihren von Macron beauftragten Restitutionsbericht ab. Um es kurz zu machen: Ja, die beiden Wissenschaftler*innen, die Anfang Januar in Berlin sprachen, empfehlen Frankreich eine Rückgabe geraubter Güter. Jedoch nicht planlos. Sie schlagen eine gesetzliche Grundlage für die Übertragung entsprechenden Kulturguts vor und die Übergabe von Inventarlisten betreffender Museen an die Regierungen der Staaten, in denen die ehemaligen Kolonien heute liegen. Und sie fordern Gespräche mit Vertreter*innen der Herkunftsgemeinschaften.  

Denn auf den Wegen kolonialer Objekte entlang der Routen europäischer Missionare, Kaufleute und Militärs ging viel Wissen verloren. In dem neuen, von Savoy mither­ausgegebenen Band „Acquiring Cultures“ berichten Wissenschaftler*innen packend von 200 Jahren Handel mit Kulturgut, an dem sich auch Einheimische beteiligten. Zugleich demonstrieren die Autor*innen, dass Wissen über Provenienz kompakt zusammenkommen kann, wenn man nur will.

Wie fruchtbar transkontinentale Gespräche sein können, schildert der etwas geblähte Band „Humboldt Lab Tanzania“ der Staatlichen Museen. Bilaterale Workshops in Dar es Salaam brachten zutage, dass während des Maji-Maji-Kriegs (1905-1908) entwendete, in Berlin lagernde Gegenstände vom Widerstandskampf gegen die deutsche Besatzung zeugen. Genauso zeigte sich, dass Begriffe und Methoden europäisch geprägter Wissenschaft allein der Bedeutung der untersuchten Objekte nicht gerecht werden. Hier deckt sich das Buch mit einer These aus Felwine Sarrs Essay „Afrotopia“: Für das Wissen in einem künftigen Afrika sei es notwendig, „die afrikanischen Kulturen anhand ­ihrer eigenen Kategorien zu befragen“.

Mit der Rückkehr der Artefakte aus Frankreich nach Benin ergibt sich dafür eine neue Gelegenheit. Macron aber handelt nicht selbstlos, sondern weiß, dass eine vom Desinteresse der USA und dem Brexit geschwächte EU neue Partner braucht. Was nur heißen kann, dass hiesige Kulturhäuser in die Offensive gehen müssen, wenn sie das Heft nicht der Diplomatie überlassen wollen. Und das dürfte Monika Grütters ahnen, wenn sie zur Eile treibt. 

 Bénédicte Savoy, Charlotte Guichard, Christine Howald (Hg.): Aquiring Cultures. Histories of World Art on Western Markets. De Gruyter, Berlin/ Boston 2018, 316 S., Engl., 49,95 €

 Felwine Sarr: Afrotopia. Aus dem Französischen von Max Henninger. Matthes & Seitz, Berlin 2019, 175 S., 20 €

 Bénédicte Savoy & Felwine Sarr: The Restitut-ion of African Cultural Heritage. Towards a New Relational Ethics. 2018, 
restitutionreport2018.com

 Lili Reyels, Paola Ivanov, Kristin Weber-Sinn (Hg.): Humboldt Lab Tanzania. Dt., Engl., Swahili, 397 S., Reimer Verlag, Berlin 2018, 59 €

Foto: F. Anthea Schaap