Titelgeschichte

Neukölln für Profis

Neukölln, du alter Trendbezirk: Ist der Hype jetzt eigentlich mal vorbei? Die New York Times und der Guardian machten dich weltweit berühmt. Dadurch hat sich eine ganze Menge verändert, und man muss es sich leisten können, noch hier zu wohnen. Wo Neukölln eigentlich gerade steht, dafür ist das Festival 48 Stunden Neukölln immer ein guter Gradmesser. Das Überthema „Satt“ gibt bereits einen Rückschluss darauf, dass die Neuköllner einiges satt haben: die ewige Gentrifizierungsdiskussion, den Lärm und den Müll auf den Straßen, das ganze Bohei um die neuen Szenerestaurants. Auch wenn sich viel verändert, Neukölln bleibt sich treu: Das liegt an prägenden -Persönlichkeiten, die den Kiez ausmachen.  Und an Orten, die dem Wandel trotzen


die Showmaster-Wirtin

Simi Simon

Simi Will Foto: F. Anthea Schaap
Simi Will
Foto: F. Anthea Schaap

Die Stammgäste begrüßt Simi natürlich beim ­Namen. Wer schon öfter da war, aber der Frau hinter dem Tresen noch nicht bekannt ist, bekommt bald die neugierige Frage „Wer bist du eigentlich?“ zu hören. Simi Simon gehört so fest zum Inventar des Valentin Stüberls wie die urigen Biertischgarnituren oder die kitschigen Gemälde vom Königssee. Simi heißt eigentlich Marion, aber so nennt sie hier niemand. Die zierliche Frau um die 50, mit geflochtenen Zöpfen, markanter Brille und rauchiger Stimme, bedient in der bayerischen Kneipe und hat dort seit 2013 auch eine eigene Kneipentalkshow. Bei „Simi will Format“ waren zuletzt der Journalist Harald Martenstein und die Hutdesignerin Fiona Bennett zu Gast, auch die Neuköllner Bürgermeisterin ­Franziska Giffey war schon da, die Prenzlschwäbin Bärbel ­Scholz oder der Filmemacher Rosa von Praunheim. Für jede Ausgabe erstellt Simis Team aus ehrenamtlichen Helfern aufwändige Filmbeiträge als Einspieler. Das Ganze ist professionell und liebevoll gemacht und könnte eine größere Bühne als die kleine Kneipe vertragen – es wäre also kein Wunder, wenn Simi irgendwann ins Fernsehen kommt.
www.simiwill.de


der laute Vermittler

Armin Langer

Armin Langer
Große Klappe, viel dahinter: Armin Langer will mit der Salaam-­Schalom Initiative den Dialog zwischen ­Muslimen und Juden vorantreiben
Foto: F. Anthea Schaap

Als „Möchtegern-Juden“ hat Hendryk M. Broder den jungen Rabbiner-Schüler Armin Langer bezeichnet. Er sei doch zum Judentum übergetreten, „um es von Innen aufzumischen“, schrieb der Essayist. Langer ist nach eigener Auskunft jüdischer Abstammung. Das mit dem Aufmischen ist jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Der 25-jährige Ungar legt sich immer wieder mit Autoritäten an. So widersprach er 2013 dem angesehenen Rabbiner ­Daniel Alter, der sagte, Neukölln sei eine „No-Go-Area“ für Juden. Das war der Impuls für die Gründung der ­Salaam-Schalom Initiative, mit der Langer und viele Gleichgesinnte aus Neukölln zwischen Muslimen, Juden und allen anderen Neuköllnern einen Dialog anstreben. Zuletzt veranstalteten sie etwa einen Workshop zum Thema Kopftuch in der Sehitlik Moschee. Konservativen Juden gefällt nicht, was Langer mit Salaam-Schalom treibt, und auch mit der Äußerung, der Zentralrat der Juden sei „rassistisch“, eckte Langer an. Kritiker wie Broder werfen ihm Geltungssucht vor. Er reißt die Klappe tatsächlich manchmal zu weit auf – doch Langer versteht es, Diskurse ins Laufen zu bringen. Damit verunsichert er die Garde alter Herren, während seine Anti­haltung die junge Generation enger zusammenschweißt.
www.salaamschalom.wordpress.com


Die Retterin der Räume

Dorothea Kolland

Dorothea Kolland
Belesen und beherzt und noch lange nicht in Rente
Foto: F. Anthea Schaap

Niemand hat wie sie die Kultur im Kiez gefördert. Die gebürtige Fränkin leitete das Neuköllner Kulturamt von 1981 bis 2012. „Kultur braucht als Voraussetzung Räume“, sagt sie, und davon hat die heute 68-Jährige viele geschaffen: Sie rettete den einst abbruchreifen Saalbau, der heute eine kommunale Galerie, das Café Rix und den Heimathafen beherbergt. Auch das Puppentheater-Museum, die Galerie im Körnerpark und die Neuköllner Oper würde es ohne Kolland vermutlich nicht geben. Maßgeblich beteiligt war sie Mitte der 90er Jahre an der Gründung des Kulturnetzwerks Neukölln, das 1999 erstmals 48 Stunden Neukölln initiierte. Kolland ist offiziell Rentnerin, schreibt aber weiterhin Bücher, besucht Kongresse zur Kulturarbeit und ist als Beraterin gefragt. Die Füße stillhalten will sie noch lange nicht – dafür gibt es einfach noch zu viel zu tun.
www.kolland-kultur.de


der Ruhepol

Gilles Duhem

Ein Kind will ein Fahrrad ausleihen, ein anderes kommt zur Schülerhilfe, ein Jugendlicher will am Computer ein ­Referat vorbereiten. Mittendrin: Gilles Duhem, der Ruhe und Bestimmtheit ausstrahlt. Bei MORUS 14 sind Zeitstruktur und feste Regeln oberstes Gebot, „weil sie unabdingbar sind und viel zu wenig zu Hause und in der Schule vermittelt werden“, sagt er. Der 49-Jährige kennt viele Familien sehr gut. Die Rollbergsiedlung ist wie ein Dorf, mitten in Neukölln, das Gemeinschaftshaus MORUS 14 ist ihr Herz. Duhem, Politologe, Volkswirt und Stadtplaner, arbeitet hier seit 2002, zuerst als Quartiersmanager und seit 2007 als Geschäftsführer von MORUS 14. Die rund 100 Ehrenamtlichen geben Schülerhilfe, unternehmen Ausflüge und öffnen den Kids eine Tür beim Übergang in den Beruf. Für das neue Pilotprojekt „Fit und schlau – von Anfang an“ sucht MORUS 14 Schülerhelfer für eine erste Klasse der benachbarten Grundschule und weitere Spender und Förderer, da der Verein für keine Regelförderung erhält.
www.morus14.de

Gilles Duhem
Die Rollbergsiedlung ist ein Dorf – und MORUS 14 ihr Herz
Foto: F. Anthea Schaap


der Aufklärer

Kazim Erdogan

„Süpermann“ oder auch „Kalif von Neukölln“: Die Presse hat Kazim Erdogan viele Titel gegeben. Der Psychologe leitet im Richardkiez eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer. Der 63-Jährige ist in Zentralanatolien aufgewachsen, kam fürs Studium nach Berlin, wurde Hauptschullehrer, arbeitete als Schulpsychologe und im psychosozialen Dienst. 2007 gründete er den Verein Aufbruch Neukölln. „Es gab kein Angebot für Männer, das sie als ­Väter einbezieht“, sagt er. Deshalb hat er eine Gesprächsgruppe ins Leben gerufen, um mit Männern über Probleme aus dem Familienalltagzu sprechen. Erdogans Arbeit ist auch politisch: So organisierte er nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht mit seiner Männergruppe eine Demo gegen Gewalt. Für seine engagierte Arbeit wurde Erdogan 2012 mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet.

Kazim Erdogan
Für viele Männer in Kazim Erdogans Umfeld ist es unüblich, über Gefühle zu sprechen: Also gründete er direkt eine Gesprächsgruppe
Foto: F. Anthea Schaap

www.aufbruch-neukoelln.de