Interview

Nikola Richter über „mikrotext“

Frau Richter, wie kommt man darauf, einen Verlag für digitale Literatur zu gründen? Ich habe mir schon lange als Leserin kurze literarische Lektüre fürs Unterwegssein gewünscht. Wie so viele Menschen heute bin ich es sowieso gewohnt, am Bildschirm zu lesen. Da ich solche Texte nicht fand, dachte ich: Okay, ich mache das jetzt selbst!

Wieso tun sich die etablierten Verlage mit digitaler Literatur so schwer? In größeren Strukturen ist das schnelle Reagieren und Entscheiden sicherlich oft nicht möglich. Dazu sind flache Hierarchien und klare Verantwortungen sehr wichtig. Mein Vorteil ist: Ich bin sowohl die Verlegerin als auch die Lektorin, sowohl die Social-Media-Managerin als auch die Pressefrau. Alle Entscheidungen und alle Informationen gehen also direkt über mich.

Wie reagieren die Schriftsteller auf ihre digi­tale Veröffentlichung? Sie freuen sich, dass ihre Texte schnell erscheinen können, dass auch kleine Formate Aufmerksamkeit bekommen und nicht erst epische Länge „Buchhaftigkeit“ ­ermöglicht.

Und der normale Leser? Ich bekomme Mails von begeisterten Menschen quer durch die Republik, aus Berlin, Stuttgart und auch aus Wien. Aber viele Leserinnen und Leser müssen noch informiert werden, dass es nicht nur Krimis und Erotik als E-Book gibt, sondern auch hochwertige Literatur. Und dass Texte auf dem Reader auch gut aussehen können.

Wie wichtig ist das kurze Format für ihr Konzept? Die Texte sollen in einem Rutsch oder auch mit Unterbrechungen in kurzer Zeit lesbar sein. Ich glaube zwar nicht, so wie Frank Schirrmacher, dass das Netz unser Gehirn zermatscht, aber ich merke schon, dass ich sehr viel gleichzeitig tue und mir mehr Auszeiten wünsche. Auszeiten als Kurzlektüre, die ich einfach mitnehmen kann, auf meinem Smartphone, auf meinem E-Reader oder Tablet, und überall lesen kann.

Was verstehen Sie denn unter Kurzlektüre? Na ja, Aboud Saeeds „Der klügste Mensch im Facebook“ hat ungefähr 200 Seiten auf dem Smartphone. Jeder Smartphone-Nutzer kann Schriftgröße und -art selbst einstellen, die Bildschirmgrößen der Ausgabegeräte variieren. In echten Manuskript­seiten ist „Der klügste Mensch im Facebook“ nur etwa 45 Seiten lang.

Handelt es sich bei Facebook-Beiträgen denn wirklich um ein neues Format? Natürlich können Sie, falls Sie Arabisch können, einfach den Stream von Aboud Saeed lesen. Sandra Hetzl, die Übersetzerin, die den „syrischen Bukowski“ entdeckte, hat seine Statusmeldungen für mikrotext strukturiert. Face­book-Texte sind episodisch, mit direk­tem Feedback durch Kommentare und Likes. Das wurde von ihr in eine lineare, lesbare Form gebracht.

Schreibt man für ein digitales Medium anders als für ein Buch? „It’s about the text not about the book” – das ist einer meiner persönlichen Slogans. Ein Text, der altmodisch in ein Telefon diktiert wird wie Alexander Kluges „Die Entsprechung einer Oase“ kann genauso passen wie eine Sammlung von Spam-Mails in Thomas Palzers „Spam Poetry“. Wichtig ist, dass unsere Texte die Leser ergreifen, damit sie den digitalen Bildschirm vergessen und eine ästhetische Leseerfahrung haben. Autoren, die digital schreiben, schreiben mit einer starken Gegenwärtigkeit und mit einem Wissen um das Eigene, ganz Spezifische, das bildet Konzentrationspunkte in unserer Streamkultur.

2,99 Euro kostet eines ihrer E-Books, rechnet sich das? Ja, wenn ich pro Monat etwa 1.500 E-Books verkaufe, daran arbeite ich noch. Bis dahin muss ich auch andere Jobs machen, zum Beispiel biete ich auch Anderen meine E-Book-Kenntnisse an.

Ihr neues Programm – alle drei Monate erscheinen zwei E-Books – besteht aus einem Text des österreichischen Schriftstellers Franzobel und einem des Philosophen Jan Kuhlbrodt – wie teuer sind die Lizenzen? Ich habe bisher keine einzige Lizenz gekauft. Ich habe allerdings schon die spanische Lizenz für Aboud Saeed an einen argentinischen Verlag verkauft, sowie die Hörspielrechte an den SWR.

Sind E-Books aus Ihrem Programm auch für einen potenziellen Druck geeignet? Die längeren schon. Man kann sich gerne bei mir melden, wenn jemand die Printrechte kaufen will. Andererseits liegen viele Texte ja auch so ungenutzt in Ordnern oder Schubladen der Autoren herum, die zu kurz für ein gedrucktes Buch wären. Für mikro­text sind solche Texte genau richtig.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des gedruckten Buches aus? Gar nicht so schlecht, wie alle immer glauben. Ich liebe gedruckte Bücher. Aber ich kann dieses Argument der Haptik nicht mehr hören – Bücher riechen so gut, fühlen sich so gut an. Als ob alle Menschen ­Bücher kaufen, um sie zu beschnuppern! Liest denn keiner mehr? Wenn die Verlage gute und schöne Bücher machen, klare Programme und Themen setzen, wenn sie ­junge Autoren aufbauen –  dann sieht die Zukunft sehr gut aus. Auch für digitale Verlage, die dasselbe für Leser und Autoren tun können, aber andere Lesesituationen ermöglichen. Ich bin sowieso für friedliche Koexistenz.

 

7.8., 20 Uhr,
Literarisches Abendbrot mit Lesung aus Franzobels „Steak für alle“
im „Vom Einfachen das Gute“, Invalidenstr. 155, Mitte,
www.mikrotext.de