Kino

Nur eine Frau

Am Anfang ist sie das, was der ­Filmtitel nahe­legt: „Nur eine Frau“, eine von ­vielen. „Das könnte ich sein“, kommentiert ­Aynur aus dem Off, während man Bilder junger Frauen in Berlin sieht. „Aber nein. Das bin ich“, hört man Aynurs Stimme dann sagen – und sieht: eine Frau unterm Leichentuch, erschossen auf offener Straße. Von ihrem Bruder. In den Medien hieß das: Ehrenmord.

Foto: Matthias Bothor

Der Fall der kurdischstämmigen ­Berlinerin Hatun Sürücü, genannt Aynur, löste eine Debatte über die Versäumnisse im Mit- und Nebeneinander der Kulturen in Deutschland aus. Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) rollt Aynurs ­Geschichte nun auf, als Spielfilm mit doku­mentarischen Foto- und Filmsequenzen aus dem Nachlass von Sürücü.

Die Erzählung, die Aynur als allwissende Erzählerin aus dem Off begleitet, beginnt mit ihrer Hochzeit. Die Eltern nehmen Aynur (Almila Bağrıaçık) aus der Schule und schicken sie zu ihrem Cousin in die Türkei. Aber die junge Frau hält das Leben mit ihrem gewalttätigen Ehemann nicht aus. Schwanger kehrt sie zurück in die ­Familienwohnung – ihr erster Kapitalfehler, denn aus Sicht der Familie hat allein sie Schuld am Scheitern ihrer Ehe. Als Aynur beschließt, ein neues Leben zu beginnen, zieht sie den Zorn ihrer Brüder auf sich. Die Schikane beginnt mit Drohanrufen – und endet damit, dass Aynurs Bruder sie am 7. Februar 2005 erschießt.

Damit niemand auf die Idee kommt, die Mentalität in Aynurs Familie pauschalisierend mit „dem Islam“ gleichzusetzen, betont Sherry Hormann die Diversität der Community: In Gestalt von Aynurs Ausbilder Bekir und anderen bilden gläubige, aber liberale Muslime ein Gegengewicht zu den fanatischen Brüdern. ­Vorwerfen könnte man Hormann maximal, das „westliche“ Berlin außerhalb von Aynurs Elternhaus als weitgehend diskriminierungsfreies Wunderland zu zeichnen. Aber aus Sicht einer Frau mit brutalen Hardliner-Brüdern überstrahlt die Freiheit vermutlich so ziemlich alles. 

Und diese Frau bringt der Film einem wunderbar nahe. Indem Aynur im wahrsten Wortsinn eine Stimme bekommt, tritt sie posthum aus ihrer Opferrolle und wird als die Person gewürdigt, die sie gewesen ist: eine Kämpferin mit fast endlosen Kraft­reserven, ein Bollwerk gegen religiösen Fanatismus. So wird aus Aynur, dem Symbol, wieder ein Individuum – das weit mehr war als „Nur eine Frau“. Julia Lorenz

D 2019, 90 Min., R: Sherry Hormann, D: Almila Bağrıaçık, Rauand Taleb, Aram Arami, Start: 9.5.