PORTRÄT

»Ich war immer schon fremd!«

Mit seinem Migrationsknaller „Verrücktes Blut“ wurde Nurkan Erpulat zum Liebling der Saison. Jetzt bringt der Regie-Shootingstar Kafkas „Schloss“ ins DT. Ein Porträt

Text: Tobias Schwartz

„Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee…“ So beginnt Franz Kafkas berühmtes Romanfragment „Das Schloss“. Nurkan Erpulat bringt es jetzt in einer Bearbeitung mit dem ehemaligen Chefdramaturg der Schaubühne, Jens Hillje, zur Berlin-Premiere ans Deutsche Theater.

Ähnlich stimmungsvoll wie Kafkas Textanfang kann man sich die erste Ankunft des 1974 in Ankara geborenen Offizierssohns Erpulat in der deutschen Hauptstadt vorstellen: Es ist Winter 1998, er kommt allein, vorerst für zwei Wochen nur, rückblickend beschreibt er Berlin als dunkel und bitterkalt. Die Straßen erscheinen ihm viel leerer, als er es aus der Türkei kennt, wo er als Schauspieler arbeitet, nachdem er gegen den Willen seiner Eltern ein Architekturstudium abgebrochen hatte.

„Theater in der Türkei ist Teil der Modernisierung des Staates, es ist ein bisschen altmodisch und es gibt insgesamt viel weniger Interesse am Theater als in Deutschland.“, sagt Erpulat bei einem Kaffee direkt neben der Bochumer Jahrhunderthalle und dem dazugehörigen Turbinenwerk. Die dort Ende September im Rahmen der Ruhrtriennale stattfindende Uraufführung von „Das Schloss“ steht kurz bevor. Mehrmals wird das Interview vom Produktionsleiter unterbrochen, die Applausordnung sei noch nicht geklärt, irgendwas mit dem Licht stimme nicht. Erpulat sind die Strapazen der Endproben anzumerken.

Erpulat war in jenem Winter nach Berlin gereist, um Regie zu studieren. Namen wie Volksbühne und Schaubühne üben eine starke Anziehungskraft aus. „Wenn ich ans deutsche Theater denke, kommt für mich erst Brecht, dann Fassbinder“, erzählt er. 1999 wird er als erster Türke an der Ernst-Busch-Hochschule zum Regiestudium zugelassen. Die Parallelen zwischen seiner Berlin-Ankunft und Kafkas Text mit dem großen Thema Fremdheit liegen auf der Hand.

Trotzdem geht es Erpulat in seiner Auseinandersetzung mit dem Roman nicht darum, einmal mehr das Thema Migration durchzukauen. Immerhin aber katapultierte es ihn an die vorderste Front des deutschen Theaterbetriebs. Nach Stücken wie „Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke“ 2008 am HAU, „Schattenstimmen“ 2008 am Ballhaus Naunynstraße oder dem Riesenerfolg mit „Verrücktes Blut“ im September 2010 wird er mit Preisen überhäuft. Er inszeniert am DT, gastiert auf großen Festivals, wird  neuer Hausregisseur am Schauspielhaus Düsseldorf und vom Fachblatt „Theater heute“ zum „Nachwuchsregisseur des Jahres“ auserwählt. Seine fulminante Karriere hätte er sich nicht träumen lassen, vielleicht sogar lieber anders gesehen, schrittweise, leiser. Erpulat ist ein sympathischer, sich sehr bescheiden gebender Typ.

Sein ebenfalls mit Jens Hillje produziertes Erfolgstück „Verrücktes Blut“ kam genau zur richtigen Zeit. Thilo Sarrazin hatte gerade sein  „Deutschland-schafft-sich-ab“-Buch publiziert, alles sprach über Migranten, Kopftücher und „deutsche Leitkultur“, das Ballhaus Naunynstraße unter Shermin Langhoff, einer der wichtigen Förderinnen Erpulats, wurde mit dem Schlagwort „Postmigrantisches Theater“ zum Haus der Stunde.

Natürlich hat er Sarrazins Buch gelesen und auch dezidierte Meinungen dazu: „Wenn es darin statt Türke Jude hieße, würde es sofort aus den Regalen verschwinden. Es ist eine Rassismustheorie. Ich bin Atheist, aber wenn ich Islamfeindlichkeit spüre, argumentiere ich pro-muslimisch“, sagt Erpulat, der eine Zigarette nach der nächsten raucht. „Theater ist dazu da, die Gesellschaft zu spiegeln, oder nicht? Ich verstehe nicht, wieso dann die Migrationsthematik so lange keine Rolle spielen konnte – von Fassbinder mal abgesehen.“

Als nur für dieses Thema zuständig versteht er sich allerdings keinesfalls, auch wenn er manchmal Arbeiten dazu sieht und sich denkt, das hätte er besser selber gemacht. „Ich bin übrigens Ausländer, kein Migrant. Ich weiß gar nicht so richtig, ob ich schon eingewandert bin. Aber ich lebe sehr gut damit, fremd zu sein, ich war immer schon fremd.“ Das sagt Erpulat nicht nur als Türke, sondern auch als Homosexueller. „Wenn Du schwul bist, bist Du das Gegenteil vom Klischee des schweißtriefenden türkischen Machos, insofern der bessere Türke“, meint er augenzwinkernd. Mit schwulenfeindlichen Türken hat er genauso seine Erfahrungen gemacht wie mit türkenfeindlichen Schwulen. Für ihn ist es rätselhaft, dass zwei Gruppierungen, die Minderheiten sind, die Ähnlichkeit ihrer Situation nicht erkennen.

Die Problematik wird Erpulat, der seit Jahren in Kreuzberg 61 lebt, nicht loslassen, auch wenn ihn derzeit eher Pläne für eine Tschechow-Inszenierung umtreiben. An Kafka – den er erst mit Anfang 20 gelesen hat, „Die Verwandlung“ war das erste Buch – schätzt er besonders den oft unterschätzten Humor, der auch in der „Schloss“-Inszenierung aufblitzt. Als Foucault-Leser aber interessiere ihn vor allem die Macht- und Ohnmachtsfrage des einzelnen Menschen. „Die Verhältnisse, in denen wir leben, sind ständig unklar. Und jeder ist im Rädergetriebe dieses Systems letztlich ein Migrant.“