Westbams Club-ABC

O wie Orfeo

An der Tür des Orfeo stand der sagenumwobene  Emilio, ein großer schwarzer Mann mit einem scharf geschnittenen Crew-Cut, schärfer geschnitten als der von Grace Jones, und einem schwarzen Mantel, der ihn ein wenig wie Wesley Snipes aussehen ließ. Wenn er in seiner Schlange meiner gewahr wurde, schienen alle seine Alarmglocken loszuschrillen, wie ich zumindest sein wenig definierbaren Minenspiel zu deuten wusste: ein sechster Sinn, den er einer der vielen Sagen zufolge, die sich um ihn rankten, in der Fremdenlegion geschärft hatte.

Wenn man es an diesem scharfen Zerberus des 80ies-Nightlifes vorbeigeschafft hatte, was mir ein- oder zweimal tatsächlich nicht gelang, dann hatte man die erste der drei Kammern der heiligen Dreifaltigkeit jener Tage – Orfeo, Cha Cha, Dschungel – betreten. Nach einem uralten Ritus hörte man dann die Lieder „Oops Upside Your Head“, „Ain’t nobody“ und „Brick House“, und ebenfalls rituell wurde man bei den ersten drei Tönen des Fender-Rhodes-Keyboards von „Ain’t Nobody“ von mindestens drei Mädchen in den Rücken gestoßen, die gar nicht schnell genug auf die Tanzfläche stürmen konnten.

Später hieß es, dass Emilio, die Ikone, im Rahmen einer zwielichtigen 80er-Jahre-Unterweltsgeschichte einen mehr oder weniger  gewaltsamen Tod gefunden hatte. Umso erstaunter war ich, als ich ihn Jahre später auf dem Tauentzien unweit seiner alten Wirkungsstätte mit einer großen Einkaufstüte aus dem KaDeWe kommen sah. Das geschah an drei aufeinanderfolgenden Tagen.

Adresse des Ladens: Marburger Straße
Zeitpunkt des Besuchs: einige Male ab 1986/87
Typischer Song: Wild Cherry  – „Play that funky music“

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