Wenn die Kälte kommt

Obdachlose in Berlin

In Berlin gibt es so viele Obdachlose wie noch nie, gleichzeitig wächst die Zahl der Flüchtlinge. Doch mit dem Winter kommt die Gewissheit: Unterkünfte und Spendenbereitschaft sind begrenzt

Timo sagt, er habe keine Angst vor Flüchtlingen. Der 25-Jährige lebt auf der Straße, seit er seine Heimatstadt nach dem Unfalltod seiner Eltern vor zwei Jahren verließ, um neu anzufangen. Er verkauft den „Straßenfeger“ in der S-Bahn, an schlechten Tagen verdient er damit drei, an richtig guten Tagen 15 Euro. „Angst hätte ich nur“, lacht Timo, „wenn alle, die nach Deutschland kommen, auch den Straßenfeger verkaufen wollen.“

Die Flüchtlingskrise ist eine humanitäre Krise, in der keine Stadt versagen will. Viele Deutschen spendeten in den vergangenen Monaten und meldeten sich als freiwillige Helfer, Kommunen wuchsen über sich hinaus und errichteten Zeltstädte, stellten Feldbetten in Turn-, Messe- und Gewerbehallen auf.

Gleichzeitig aber wächst, von der ­Öffentlichkeit beinahe unbemerkt, die Zahl der Obdachlosen, die kaum eine Aussicht auf Unterkünfte im bevorstehenden Winter haben. Knapp 600 Schlafplätze stehen Berlins Obdachlosen zur Verfügung, im Dezember sollen 100 dazu kommen. Das ist nicht genug für die Menschen, die auf Berlins Straßen leben müssen. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, die Schätzungen reichen von 2.000 bis 6.000. Fest steht: Es sind derzeit so viele wie noch nie, trotz Beschäftigungsrekorden und guter Wirtschaftslage.

Zwei Wochen lang stand dieses Bett mitten auf dem Alexanderplatz. Eine Aktion der Sozialverbände Foto: Lena Obst

In der Vorstellung vieler ist der klassische Obdachlose eine Mischung aus Alkoholiker, Junkie und Taugenichts, irgendwie selbst schuld an seinem Schicksal. Doch in der Notunterkunft des mob e.V. in der Storkower Straße suchen auch solche ein warmes Bett für die Nacht, die ihre Wohnung verloren haben und manchmal nur ­Wochen oder wenige Monate auf der ­Straße überbrücken müssen.

>Ein junger Mann Anfang 20 etwa, ­gerade in einer Ausbildung zum ­Erzieher, der sein Erspartes für Hostels ausgegeben hat, nachdem er aus seiner Wohnung flog. Bevor er Hilfe in einer Notunterkunft suchte, fuhr er nachts stundenlang mit der S-Bahn, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen.  Oder ein Rentner, der vor anderthalb Monaten noch bei einer Aktion seiner Kirchgemeinde mithalf und Flüchtlinge in Passau unterstützte – seit er seine Wohnung nicht mehr bezahlen konnte, ist er nun selbst auf die Hilfe privater Vereine angewiesen, weil das Sozialamt nicht schnell genug zu helfen imstande war. Es sind Vereine wie der mob e.V., der in einem früheren Verwaltungsgebäude in Pankow eine Notunterkunft eingerichtet hat. Das Gebäude gehört dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das die meisten Räume einem kirchlichen Sozialverband überließ, der eine Unterkunft für Geflüchtete betreibt.

Der mob e.V. hat für seine Räume einen Mietvertrag mit dem Lageso abschließen müssen, der eine Monatsmiete von 2.800 Euro vorsieht. Für den kleinen Verein – ­neben der Obdachlosen-Zeitung „strassenfeger“ betreibt er auch einen Trödelmarkt und ein Café für Bedürftige – sind diese Kosten eine Bürde, die er nicht mehr lange schultern kann. „Wenn sich an den Mietkosten nichts ändert und wir vom Land Berlin keine Unterstützung erhalten, wird uns zum Jahresende die Luft ausgehen“, sagt Mara Fischer, ehrenamtliche Koordinatorin der Notunterkunft. Die 30-Jährige hat im vergangenen Monat ihr Masterstudium abgeschlossen, seither lebt sie von Hartz IV.

Fischer spürt, dass sich die Konkurrenz um Plätze in Notunterkünften verschärft habe: „Am Anfang war es noch der klassische Obdachlose, dann kamen EU-Bürger ohne feste Unterkunft und bald darauf Menschen, die mit den steigenden Mieten auf dem Wohnungsmarkt nicht mehr mithalten konnten.“ Geflüchtete sind in der Regel nicht obdachlos, da sie Anspruch auf Unterkunft haben. Die etwa 51.000 Menschen, die allein bis Ende Oktober nach Berlin kamen, sind deshalb keine unmittelbare Konkurrenz um Notbetten.

Timo, 25, lebt seit dem Unfalltod seiner Eltern vor zwei Jahren auf der Straße Foto: Lena Gannsmann

Die Suche nach bezahlbaren Räumen für Notunterkünfte ist aber aussichtsloser geworden, seit der Platzbedarf für die Unterbringung Geflüchteter rasant gewachsen ist. Zwei Jahre lang suchte mob e.V. nach Räumen für eine Notunterkunft. Die letzte Räumlichkeit des Vereins an der ­Prenzlauer Allee musste der Verein vor zwei Jahren schließen, „man sagte uns damals, wir würden nicht mehr in den Kiez passen“, sagt Fischer.

Bevor der Verein in die Räume in der Storkower Straße zog, bewarb er sich um Aufnahme in Förderprogramme und appellierte an Politiker wie Dirk Gerstle, Staatssekretär für Soziales. Der versprach Unterstützung – bis heute folgenlos.

Sich als kleiner Verein mit 28 Betten im Wettbewerb um staatliche Förderung durchzusetzen, ist nahezu aussichtslos. Während öffentliche Förderung ausbleibt, scheint auch die Spendenbereitschaft der Berliner nachzulassen. „Manchmal klingeln hier bei uns Leute, die uns fragen, wo sie für Flüchtlinge spenden können“, sagt sie. Die Kleider und Schuhe, die sich in ­einer kleinen Kammer stapeln, sind Spenden der Flüchtlingsunterkunft, die nicht mehr wusste, wohin damit. Auch die Geldspenden der Berliner stagnieren, obwohl der Verein in dieser Jahreszeit sonst immer einen deutlichen Anstieg verzeichnete.

Bleibt der Verein sich selbst überlassen, wird er die Notunterkunft um die Jahreswende schließen müssen, Berlin hätte dann 28 Betten für Obdachlose weniger. Die leergezogenen Räume würden wohl vom Betreiber der Flüchtlingsunterkunft bezogen. Es wäre Wasser auf die Mühlen ­derer, die in sozialen Netzwerken und Artikel­kommentaren geifern, der Staat solle sich zuerst um Deutsche kümmern. Darin verbirgt sich nicht die Sorge um Obdachlose, sondern die Ablehnung des Fremden. Eine Haltung, die Fischer aus E-Mails kennt und vereinzelt auch von Obdachlosen.

Die Sozialverbände wissen, dass es ein Spagat ist. Und dennoch wollten sie in die Offensive gehen. Und so stand zwei Wochen lang stand auf dem Alexanderplatz ein Bett. „Obdachlosigkeit macht krank“ stand auf Informationstafeln. Mit Marketing-­Methoden gegen das Verdrängtwerden.