Anti-Identitätspolitik-Theater

Ode

Thomas Melle kämpft am Deutschen Theater für die Freiheit der Kunst und ­verteidigt die offene Gesellschaft gegen Anfeindungen von links und rechts

Alles so schön bunt hier: Szene mit Alexander Khuon und Natali Seelig – Foto: Arno Declair

Ein wuchtiges Werk über Kunstfreiheit und ihre vielfältigen Beschränkungen in unseren Tagen haut uns Thomas Melle im Auftrag des Deutschen Theaters hier vor die Stirn. Im Zentrum ein fiktiver, an der bundesdeutschen Avantgarde geschulter Fall: Kunstprofessorin Fratzer hat eine unsichtbare Skulptur geschaffen. Sie nennt sie „Ode an die alten Täter“ und verbindet damit ein ambivalentes Lob der Nazis, die ihren brutalen Großvater umbrachten und so Mutter und Großmutter indirekt vor dem familiären Femizid retteten.

Der Shitstorm bleibt nicht aus, Fratzer verliert ihren Job, bald auch ihr Leben. Jahre später arbeitet ein Theatermacher den Fall auf und gerät in die Darstellungszwickmühlen der heutigen Bühnenpraxis: Wer darf welche Personengruppen auf der Bühne darstellen? Was tun mit kolonialistischen Denkfiguren und diskriminierendem Zeichengebrauch? Wie sind Geschlechterrollen repräsentiert?

Melle spart in seinem am Lehrstückthea­ter Bertolt Brechts orientierten Text wenig aus. Szenisch ist’s dünn, dafür anspielungsreich, voll hämmernder aktivistischer Kritik, alles grell gezeichnet und in bissige Tiraden gegossen. Wobei der gute Drive nicht ganz verdeckt, dass die Pointe früh ausgespielt ist: Wer die Freiheit der Kunst – egal ob von links oder rechts – beschneiden will, schaufelt der offenen Gesellschaft ihr Grab. Melle hat geradezu ein Thesenstück wider die Identitätspolitik in der Kunst verfasst, das sich gezielt blind macht für alle Kontexte gegenwärtiger Kritik und aus dieser Unschärfe selbst ein gutes Stück Provokation bezieht.

Regisseurin Lilja Rupprecht feuert bei der Uraufführung Stimmungs- und Bildwechsel, Live-Elektromusik, Solo- und Chorpartien ab, in einem museumsgleichen Halbrund, das bald Video-Projektionen und Zeichnungen à la Jonathan ­Meese zieren. Aus dem gut choreografierten Ensemble (mit toller Unterstützung vom inklusiven Theater Ramba Zamba) ragen Katrin Wichmann als schwer mürbe zu kriegende Fratzer und Manuel Harder als ­Orlando in seinem Wüten gegen die „restriktiven Arschlöchern überall“ heraus. CHRISTIAN RAKOW

21.1., 8.2., 20 Uhr, Kammerspiele des Deutschen Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Lilja Rupprecht; mit Katrin Wichmann, Manuel Harder, Alexander Khuon, Natali Seelig, Juliana Götze / Jonas Sippel, Philipp Rohmer (Live-Musik). Eintritt 12–25, erm. 9 €