Berlins aufregendste junge Schauspieler

Ole Lagerpusch

Ole Lagerpusch lernten die Berliner als Nerd kennen: Die Rolle des jungen Computerfreaks in Holger Schobers Ein-Personen-Stück „Hiki­komori“ brachte er vom Hamburger Thalia Theater mit, als er zur Spielzeit 2009/10 seinem Intendanten ­Ulrich Khoun ans Deutsche Theater folgte. Der damals 27-Jährige verlieh dem Außenseiter mit nervöser Energie und einer ­enormen Verausgabungsbereitschaft eine umwerfernde Vielschichtigkeit. Ein beklem­­mender Parforceritt, bei dem jedem klar wurde, dass es sich bei diesem jungen Schauspieler um einen Charakterkopf handelt, um einen Ausnahmeschauspieler.

Dabei war dem 1982 in Flensburg geborenen Lagerpusch lange unklar, dass Schauspieler überhaupt ein Beruf, also Arbeit ist. Schließlich hat er schon als Kind Theater gespielt. Über die Mutter eines Klassenkameraden, die Maskenbildnerin war, kam er an die Niederdeutsche Bühne Flensburg. „Theater spielte in meinem Umfeld sonst keine Rolle“, sagt Lagerpusch. „Meine Freunde von früher kommen auch heute kaum zu mir ins Thea­ter. Aber das ist okay, ich besuche sie ja auch nicht in der Tischlerei oder im Büro. Wenn man nicht in Hamburg oder Berlin aufwächst, wo es eine Thea­terkultur gibt, dann beschäftigt man sich nicht mit dem Gedanken, ernsthaft Schauspieler zu werden.“

Immerhin bestärk­te ihn ein Freund, es doch wenigstens mal mit der Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule zu versuchen. Beim ersten Vorsprechen in Essen kam Lagerpusch zwar nicht in die Endrunde, doch eine der Prüferinnen ermunterte ihn, unbedingt weiterzumachen. „Vermutlich hätte ich sonst gleich aufgegeben“, sagt Lagerpusch. Das dritte Vorsprechen klappte dann – und sogar an der renommierten Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Obwohl Lagerpusch nach der Ausbildung drei Jahre im Ensemble des Thalia spielte und seit gut vier Jahren am DT, scheint er immer noch seinem Beruf als Beruf zu misstrauen. Dabei spielt er längst die ­großen Rollen – den Prinz von Homburg, Büchners Lenz, den Oberon im „Sommernachts­traum“ –, aber auch die Figuren, die keine Hauptdarsteller des Lebens sind, bringt er zum Leuchten. Er agiert auf Augen­höhe mit den Stars am Hause, mit ­Ulrich Matthes, Wolfram Koch, Samuel Finzi, arbeitet mit Regiegrößen wie Dimiter Gotscheff, Micha­el Thalheimer, ­Andreas Kriegenburg und immer wieder mit Jette Steckel.

„Ich habe mir nie Ziele gesteckt. Ich bin da so rein geschlittert“, sagt Lagerpusch. Vielleicht ist es dieser Zweifel, der in ihm auf der Bühne mitschwingt und sein Spiel so spannungsvoll macht. „Ich habe oft eine Sehnsucht nach völliger Selbstaufgabe in mir“, sagt er. „Denn Theater ist flüchtig. Wenn mein Tischler-Freund einen Tisch baut, bleibt der. Was wir aber auf der Bühne jeden Abend herstellen, ist mit dem Schlussapplaus vorbei. Ich stelle ja nichts her im materiellen Sinne. So muss ich für mich zumindest die Anstrengung der Selbstaufgabe und Verausgabung spüren. Dass davon trotzdem nichts bleibt, ist mir klar, aber es gibt mir das Gefühl, ich hätte was getan.“

Trotz der beklagten Flüchtigkeit des Thea­terspiels hat Lagerpusch aber keine Filmpläne: „Ich bin ein Theaterschauspieler – ­total.“ Friedhelm Teicke

Alter: 31
Theater: Deutsches Theater
Paraderolle: Sein fulminantes Verausgabungssolo in „Hikikomori“ (Regie: Dominik Günther)
Auch bekannt durch: „Unten Mitte Kinn“ von Nikolas Wackerbarth (Kino)
Demnächst zu sehen: als Tyrannen-Berater in „Demetrius/Hieron“, 23.9., 19.30 Uhr, Deutsches Theater