Berliner Kunsthäuser

Regisseur der Optionen

Omar Fast zeigt im Martin-Gropius-Bau seine erste große Berliner Werkschau – und stellt sich als anspruchsvoller Künstler vor, der sein Publikum ernst nimmt

 24., 27. + 31.12. geschl. Omer Fast: Reden ist nicht immer die Lösung, MGB, bis 12.3.2017

Omer Fast im Martin Gropius Bau. Foto: Jirka Jansch

Als Gereon Sievernich, Leiter des Martin-­Gropius-Baus, und Omer Fast diese Ausstellung verabredeten, sahen sie sich zwei Herausforderungen gegenüber. Erstens galt es, Fasts Filme so zu arrangieren, dass sich Besucher trotz Längen von bis zu 56 Minuten gern in den Ausstellungsräumen aufhalten, und das angesichts wenig gemütlicher Themen wie Drohnenkrieg oder Pornoindustrie. Und zweitens, die Besucher überhaupt in die Säle zu locken. Denn Omer Fast bespielt nicht wie Ai Weiwei, Ólafur Elíasson und Tino Sehgal das prominente Erdgeschoss des Baus, sondern eine Saalflucht im zweiten Stock.
Sievernich und Fast haben die Aufgaben exzellent gelöst. Fasts Ausstellung „Reden ist nicht immer die Lösung“ findet zur „Immersion“-Reihe der Berliner Festspiele statt, eine Serie von Veranstaltungen teils im selben Haus, die das Eintauchen in künstlerische oder digitale Welten (Immersion) mit Vorträgen und Erlebnisräumen thematisiert. Das sorgt für Aufmerksamkeit, zumal die dreijährige Reihe neu im Programm der Festspiele steht. Zudem läuft mit „Continuity“ (2016) ein Ausstellungsbeitrag als Langfassung in vier Berliner Kinos. Für Fast freilich nichts Neues: Seine Verfilmung ­„Remainder“ nach Tom McCarthys Roman „8 ½ Millionen“ lief im Mai 2016 im Kino.
Vor allem aber hat Omer Fast die ihm zugewiesene Saalflucht so gestaltet, dass sogar Eltern mit Kleinkindern irgendwie einen Aufenthalt arrangieren können. Drei Säle hat Fast, selbst Vater, Warteräumen nachempfunden: unpersönlichen wie auf Flughäfen, abschreckenden wie auf der Berliner Ausländerbehörde, wo der 1972 in Jerusalem geborene Künstler aus New York offensichtlich viel Zeit verbringen musste, und Wartezimmern bei Ärzten – inklusive Spiel­ecke für die Kleinen und einem Tisch mit Zeitschriften, unter denen sich auch Fasts wie eine Boulevardzeitschrift gestalteter Katalog finden lässt. Nur am letztem Raum mit dem Film über die Pornoindustrie warnt ein Schild Minderjährige vor einem Besuch.
Solcherart ernst genommen und umsorgt können Besucher viel Zeit mit den Filmen verbringen. Es lohnt sich. In den sieben Beiträgen reizt Fast gekonnt die Bandbreite aus zwischen Dokumentation und Fiktion aus, beredt und stumm, flach (wie in seiner Montage von TV-Nachrichten) und dreidimensional (wie in seinem neuen Essay über den Fotografen August Sander). Und „Spring“, ein multiperspektivischer Film auf fünf verschachtelt nebeneinander hängenden  Monitoren, spielt zwischen den Polen  Vergangenheit und Zukunft, Schuld und Sühne.
„Spring“ (2016) thematisiert den Unfalltod eines Schuljungen und den Afghanistan­einsatz eines Bundeswehrsoldaten. Omer Fast entwickelt den Plot nicht linear, sondern lässt ihn kreisen und provoziert so immer neu die Frage, wann die Protagonisten hätten anders handeln und eine humane Wendung erwirken können. Beklemmend und befreiend zugleich wirkt dieser Film, der nicht mit einem Schluss endet, sondern Möglichkeiten eröffnet.

Bis 12.3.: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 24., 27 + 31.12., 11/ erm. 7 €, bis 16 J. frei. „Continuity“: Kino Arsenal 24.2., Martin-Gropius-Kino 12.1. + 9.3.

 

Weitere Ausstellungen über die Feiertage:

 

Alexandra Ranner im Georg Kolbe Museum

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